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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Biermann ist tot – Degenhardt lebt

Zum Tode des Liedermachers Franz-Josef Degenhardt

von Bernd Köhler, Liedermacher und Grafiker

Zwei Geburtstage von Liedermachern, die die späten Nachkriegsdeutschlands entscheidend mitgeprägt haben, standen im November 2011 an. Wolf Biermann wurde 75 und Franz-Josef Degenhardt starb nach langer schwerer Krankheit kurz vor seinem 80.

Am Vorabend seines Todes hatte Biermann seinen Sangesbruder auf WDR5 noch «als schlechten Gitarrespieler, minder begabten Lyriker und überhaupt als abschäumenden Dreckskerl» abgekanzelt.
Für mich war Biermann schon 1998 nach seinem vielzitierten Privatkonzert in Wildbad-Kreuth gestorben, als er unter dem Motto «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu», vor der feixenden Meute der CSU-Landesgruppe seine Lieder aus DDR-Zeiten zum Besten gab.

Degenhardt, der in einem frühen Interview neben Brassens und Villon auch Biermann, Neuss und Tucholsky als seine Seelenverwandten bezeichnet hatte, ist diesen Weg nie gegangen, blieb sein Leben lang der radikalen Linken verbunden, allen Widrigkeiten zum Trotz, oder vielleicht gerade wegen dieser Widrigkeiten.

Verabschiedet hat sich der große Erzähler schon mit seiner letzten CD, die nicht, wie in vielen Nachrufen erwähnt, die Scheibe Dämmerung war, sondern Dreizehnbogen. Da war er schon länger nicht mehr aufgetreten, doch die Stimme klingt frisch, wenn er von der Reise «den Fluss hinunter» erzählt oder in seiner Interpretation von Louis Fürnbergs «Jeder Traum» sein knappes Lebensresümee zieht: «Jeder Traum, an den ich mich verschwendet / Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont / Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet / Alles hat am Ende sich gelohnt. // Ja, ich hab mein Schicksal längst beschlossen / als ich mich zum Widerspruch entschied / Wenn ich singe Freunde und Genossen / gehen unsre Träume durch mein Lied.» Einfache Wahrheiten, gelassen und in sich ruhend zur gezupften Gitarre auf den Punkt gebracht.

Er hat ihn nie aufgegeben, diesen Traum, dass ein für alle menschenwürdiges Leben erreichbar ist. Auch in den bitteren 90er Jahren nicht. Als ich und viele andere die Gitarre in die Ecke stellten, weil keine Töne und Worte mehr zu finden waren, die unsere Enttäuschung und Ratlosigkeit hätten zum Ausdruck bringen können, saß er zum Interview beim NDR (ja, jetzt holte man ihn, den kommunistischen Barden, weil man dachte, er würde sich vorführen lassen) und erklärte ganz selbstverständlich, warum er seinen Schritt auch jetzt nicht bereue, von der SPD in die DKP gewechselt zu sein, weil dort ja immerhin noch Kommunisten organisiert seien, die eine Fundamentalopposition in diesem Land dringend brauche. Da konnte der Moderator sich winden wie er wollte, er musste ihn ausreden und dann auch noch sein Lied «aus der Gruft heraus» singen lassen: «Das REICH erwacht zu neuer Größe / wir haben gedüngt / KAMERAD / jawoll, mit Blut und Blut / und ihr fahrt jetzt die Ernte ein».

Diese Warnung kam damals wenigen öffentlich über die Lippen, obgleich die Bedrohung allgegenwärtig war. Franz-Josef Degenhardts Lieder waren durchdrungen von dieser Melange aus Erkenntnis und Widerspruch, die doch fast nie im nur Agitatorischen versank. Deshalb haben uns seine Lieder so berührt, haben unsere Biografien geprägt. Seine Typen, wie Natascha Speckenbach oder Rudi Schulte wurden gute Bekannte, seine Situationsbeschreibungen hallten in uns wieder, als hätten wir sie selbst erlebt. Wer solches erreicht, ist ein großer Künstler.

Meine erste persönliche Begegnung war ein gemeinsames Konzert im Mannheimer Rosengarten 1972. Da war ich der jugendliche Rebell, der punkmäßig in die Gitarre drosch und die Revolution beschwor bis die Saiten rissen, und er war schon der Erzähler, der uns mit seiner gelassenen Überzeugung in den Bann zog. Das letzte Gespräch war, als er mich 2008 nach meiner neuen Solo-CD anrief, um mir erstmal für mein jahrelanges Politisch-musikalisch-aus-der-Welt-Sein den Kopf zu waschen, dann aber auch, um mir zu dieser CD zu gratulieren. Es gab nicht viele Überschneidungen, unsere Auftrittswelten waren zu verschieden, und doch war er mir ein guter Bekannter, Vertrauter, in dessen Liedern ich versank, auf der Suche nach der Magie seiner Worte, nach dem Wesentlichen seiner künstlerischen Arbeit. Wenn ein deutscher Liedermacher mich nachhaltig geprägt hat, dann war er es, immer wissend, dass seine Art etwas Unerreichbares sein würde.

Im Sommer traf ich eine jüngere Genossin aus der antiimperialistischen Szene, die lange Jahre in Berlin gelebt hat. Auf meine Frage, was sie dort so gemacht habe, meinte sie kurz: «Ich habe für die Revolution gearbeitet.» Sie gehört zu denen, die Franz-Josef Degenhardt in dem Buch Brandstellen mit viel Sympathie beschreibt: «Zwischen den Zelten saßen, standen und lagen junge Leute: Fürsten in Lumpen und Loden, Prinzessinnen in Jeans und Tramps in Levis-Leinen und Parkas. Wenn sich irgendwo Widerstand organisierte in diesem Staat, lief diese Nachricht schneller als Notierungen an der Börse. Hoffnung macht hellhörig. Ohne Leute dieser Art wäre zu allen Zeiten manche Widerstandsaktion, Erhebung, Revolte oder sogar Revolution gescheitert, manche allerdings auch gelungen. Sie waren unberechenbar…» Für diese Genossin gehören die Lieder von Franz-Josef-Degenhardt genauso zu ihrem Leben wie die von Ton-Steine-Scherben.

Das ist so und das wird so bleiben. Franz-Josef Degenhardt ist tot, doch seine Lieder, Texte und Bücher leben weiter. Oder radikaler: «Degenhardt lebt – Biermann ist tot», wie es ein Blogger auf die Webseite des Freitag schrieb.

Bernd Köhler, Liedermacher und Grafiker


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