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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2011 |

«Ich habe das Gefühl, man will die Akte schließen»

Ali Demir hat den «Nagelbombenanschlag» in der Kölner Keupstraße miterlebt

Soll immer weiter vertuscht werden? Ist es bequem, alle Anschläge jetzt zwei Nazis anzuhängen, die zum Glück tot sind?

In der Mordserie an acht türkischstämmigen und einem griechischen Kleinunternehmer sehen Ermittler «gewisse Anhaltspunkte für einen Zusammenhang» mit dem «Nagelbombenanschlag» in der überwiegend von Türken bewohnten Kölner Keupstraße am 9.Juni 2004. Bei dem Anschlag wurden damals 22 Menschen verletzt.

Rainer Kippe von der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) sprach darüber mit dem Unternehmens- und Wirtschaftsberater ALI DEMIR. Er engagiert sich seit 30 Jahren ehrenamtlich im Umfeld der Keupstraße in Köln-Mülheim und gehört zu den Initiatoren der Interessengemeinschaft Keupstraße e.V. Er hat das Attentat aus nächster Nähe in seinem Büro erlebt.

Ali, erinnerst du dich an das Attentat?

Es war ein Mittwoch. Ich kam gegen 14.30 Uhr von der Schule und bin zu Fuß in mein Büro in der Keupstraße gegangen. Wegen meiner Tätigkeit für die Interessengemeinschaft der Keupstraße hatte ich mein Steuerbüro an diesem Tag nicht für das Publikum geöffnet. Ich saß also allein in meinem Büro und habe eigene Arbeiten erledigt. Plötzlich hörte ich eine Explosion ganz in der Nähe und sah Rauch durch das Fenster. Ich habe geglaubt, eine Gasflasche sei hochgegangen, was in gewissem Sinne ja auch stimmte. Ein Händler lieferte nämlich in der Keupstraße immer große Mengen Gasflaschen aus, und ich hatte ihn immer vor der Möglichkeit einer Explosion gewarnt. Ich erwartete folglich weitere Explosionen. Deshalb habe ich mich zu Boden geworfen. Von da aus sah ich durchs Fenster, dass die Leute hin und her liefen. Zu meiner Überraschung entdeckte ich zwischen ihnen einen Zivilpolizisten ohne Jacke. Unter seiner Schulter sah ich die Waffe.

Was geschah weiter?

Ich bin daraufhin sofort auf die Straße gelaufen. Dort sah ich vor dem benachbarten Textiliengeschäft den Polizisten. Ich habe ihn eingeholt und ihn gefragt, was passiert sei. Als er nicht antwortete, habe ich ihn darauf hingewiesen, dass ich die Interessengemeinschaft der Keupstraße vertrete und deshalb gerne eine Aufklärung hätte.

Was erhieltest du zur Antwort?

Er hat gesagt: «Schauen Sie doch mal auf den Boden.» Ich habe auf den Boden geschaut und Metallstücke gefunden. Als ich darauf hin wies, sagte er: «Das sind nicht nur Metallstücke, das ist eine Nagelbombe.» In diesem Moment sah ich auf der anderen Seite einen zweiten Zivilpolizisten. Beide wollten den Tatort absperren.

Erst zwanzig Minuten später traf die uniformierte Polizei ein.

Was war bis dahin mit den Opfern?

Die Opfer lagen teilweise auf der Straße, die herbeigelaufenen Geschäftsleute versuchten, deren Blut zu stillen.

Und dann?

Mit der Polizei zusammen waren Rettungswagen eingetroffen. Die Polizei hat die Menschen in die Hinterräume gedrängt und die Keupstraße gesperrt, weil sie ein weiteres Attentat befürchtete. Sie hat dann alle Häuser bis unters Dach untersucht. Ein Polizeihubschrauber kreiste über dem Viertel. Spezialpolizisten in schwarzen Uniformen durchsuchten das Kanalnetz.

Wie hat das auf die Anwohner gewirkt?

Die Türken und Kurden in der Straße waren ahnungs- und fassungslos. Sie hatten die Angst im Gesicht stehen. Die Deutschen haben sich in ihre Wohnungen eingeschlossen, sie hatten Angst vor Vandalismus.

Erinnerst du dich an Kommentare der Staatsorgane?

Ich erinnere mich, dass Otto Schily kurz nach dem Anschlag eine Erklärung abgab des Inhalts, dass es keinen politischen Hintergrund gebe und dass kriminelle Elemente in der Keupstraße diesen Anschlag selbst organisiert hätten. Diese Meinung wurde im Weiteren als Hauptmeinung verbreitet.

Was habt ihr daraufhin unternommen?

Ich habe am nächsten Tag mit Bürgermeister Joseph Müller von der CDU und dem türkischen Generalkonsul im Lokal Karawanseray eine Pressekonferenz gegeben und darauf hingewiesen, dass die verschiedenen Volksgruppen in der Keupstraße friedlich zusammenleben und keinesfalls Gewalt gegeneinander anwenden würden. Die deutschen Nachbarn haben sich daraufhin getraut, auf der Straße auf die türkischen Geschäftsleute zuzugehen und ihre Solidarität zu bekunden.

Wie haben die deutschen Behörden reagiert? Es ist doch dann ein Videoband aufgetaucht, das einen großen blonden Europäer mit zwei Fahrrädern – eines davon mit einer Gasflasche auf dem Gepäckträger – kurz vor der Explosion ganz in der Nähe zeigt?

Als die Videobänder aus der Schanzenstraße bekannt wurden, hat die Polizei etwa 500 Leute verhört, auf die die Personenbeschreibung zutraf. Es hieß dann, der Anschlag sei vermutlich von einem Europäer begangen worden, allerdings im Auftrag der türkischen Mafia.

Wie hat das politische Köln reagiert?

Regierungspräsident Roters [der heutige Oberbürgermeister der Stadt] ist damals in die Keupstraße gekommen und hat sich in dem beschädigten Frisiersalon seine Haare schneiden lassen. Von allen Parteien haben Politiker die Keupstraße besucht und ihre Solidarität bekundet. Am 15.7. war ein großes Straßenfest. Ich konnte deshalb nicht nach Hamburg fahren, wo mein Vater auf dem Sterbebett lag.

Wie ging es weiter? Ein Täter ist doch damals nicht gefunden worden?

Drei Monate später hat im Rathaus eine Veranstaltung stattgefunden zum Thema Integration in europäischen Städten. Verschiedene Bürgermeister aus europäischen Städten, aber auch der US-Generalkonsul aus Düsseldorf mit zwei Begleitern nahmen teil. Sie haben mir am Tisch im Gespräch gesagt: «Wir haben alle Dokumente in die USA geschickt und haben einen Bericht bekommen, demzufolge der Täter nicht erwischt werden kann.»

Wie ging es in der Keupstraße weiter?

In der Keupstraße sind die Kunden aus Angst weggeblieben, die Umsätze gingen drastisch zurück. Die Geschäftsleute hatten große Verluste. Sie hatten auf die Aufklärung des Verbrechens gehofft. Ich habe ihnen die Information der Amerikaner weitergegeben. Die Rechnung von Schily ist insofern aufgegangen, als die Migranten angefangen haben, sich untereinander zu verdächtigen. Das war der Tiefpunkt des ganzen Geschehens.

Wie habt Ihr euch gefühlt?

Wir fühlten uns von den Behörden zu Unrecht beschuldigt und allein gelassen. Im Gegenteil: Durch die Untersuchungen und Durchsuchungen sind viele Gewerbetreibende ins Visier der Behörden, z.B. des Finanzamts oder des Zollamts, geraten und hatten große Schwierigkeiten. Ich selbst habe nach dem Attentat dreimal Drohungen erhalten.

Was lässt sich vor diesem Hintergrund zu den heutigen Enthüllungen sagen?

Bis jetzt sind das für mich nur Vermutungen. Ich habe das Gefühl, man will die Akte schließen. Auf dem Fahrrad gab es Fingerabdrücke und DNA-Spuren. Das sollte wissenschaftlich verglichen werden, um endlich festzustellen, wer der Täter ist. Ich befürchte, dass der Staatsapparat aufgrund seines Versagens dazu neigt, jetzt alle Taten den beiden Toten anzulasten, um von den eigenen Ermittlungspannen abzulenken und den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund zu verschleiern.

Aus: NRhZ, Nr.328, www.nrhz.de.


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