Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2011 > 12 > Rechtsextreme-in-der-uberzahl

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2011 |

Rechtsextreme in der Überzahl

Polnischer Unabhängigkeitstag beherrscht von faschistischen Schlägern

von Malgorzata Swiatek

Am 11.November «feierte» Polen seinen Unabhängigkeitstag. Selbst die offiziellen Feierlichkeiten gingen unter den Schlägerorgien faschistischer und extrem nationalistischer Gruppen unter. Die Polizei war völlig überfordert.
Der 11.November ist für die Polen der Tag, an dem sie 1918 ihre Unabhängigkeit von Russland, Österreich und Preußen erlangten. An diesem Tag melden polnische Nationalisten, Faschisten, Rechtsextreme und Fußball-Hooligans traditionell Aufmärsche durch die polnischen Großstädte an.

In diesem Jahr hatten die Nationalisten einen Marsch durch die Hauptstraße von Warschau angekündigt. Antifaschistische Organisationen (Anarchisten, Linke und ähnliche Gruppen) mobilisierten ebenfalls und meldeten ihre Demonstration/Kundgebung für denselben Tag in derselben Straße an. Zur Mittagszeit versammelten sich die Antifaschisten auf der Marszalkowska-Straße in der Nähe des Verfassungsplatzes, wo um 15 Uhr die Nationalisten sich treffen und ihren Marsch beginnen wollten. Die antifaschistische Bewegung baut eine bunte Bühne auf, spielte Musik, Gäste hielten Reden, und die neuen Parlamentsabgeordneten – Feministinnen, Antiklerikale, Schwule und Transsexuelle [die auf der Liste der Palikot-Bewegung ins Parlament gewählt worden waren] – waren ebenfalls anwesend. Es waren zumeist junge Leute (Anarchisten, Sambagruppen), aber auch einige Leute mittleren Alters und kältere Menschen mit Kindern da.

Auch Antifaschisten aus West- und Osteuropa waren gekommen; die Anarchisten stellten sich schützend um unsere Antifagruppe, sie selbst wurden von den Polizisten umzingelt, die ihrerseits die Nationalisten eingekreist hatten. Auf der Seite der Nationalisten waren auch einige Politiker und Menschen aus West- und Osteuropa anwesend.

Die Antifaschisten zählten etwa 2000–3000 Menschen, die Nationalisten 7000–10000, die Polizei etwa 2000 (sie hatte Verstärkung aus allen Teilen Polens herangeholt).

Der Ablauf

Um 15 Uhr, als die Nationalisten sich anschickten, die Marszalkoswka-Straße herunterzulaufen, stellten wir uns ihnen in den Weg. Die Nationalisten wollten durchbrechen, die Polizei stellte sich ihnen entgegen. Die Nationalisten begannen, Steine, Feuerwerkskörper, Knallfrösche und ähnliches zu werfen. Die Polizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein. Es gab Handgemenge und Schlägereien, einige Nationalisten, Antifaschisten, Passanten und Polizisten wurden verwundet. Polizeiautos und zwei Fernsehwagen wurden zertrümmert, einer ging in Flammen auf. Über 200 Personen wurden verhaftet. Der Straßenabschnitt, wo die Kämpfe am härtesten tobten, wurde schwer verwüstet.

Die Kämpfe endeten am späten Abend, die Polizei informierte die Antifaschisten über den sicheren Zeitpunkt, zu dem sie abziehen konnten. Auf dem Rückweg gab es einige Zwischenfälle zwischen den Anarchisten und den Faschisten, vor allem in der U-Bahn.

Vor diesem Tag war auf den Webseiten der polnischen Anarchisten viel geschrieben worden über deutsche Anarchisten und andere antifaschistische Gruppen, die geplant hätten, sich unserer Demonstration anzuschließen (einige Deutsche schafften es wirklich zu unserer Gruppe). Doch es scheint, dass viele von ihnen mit einem organisierten Transport (Bussen) unterwegs waren, die Polizei davon informiert war und die meisten von ihnen in der Nähe ihrer Busse stoppte. Einige kamen trotzdem durch, obwohl die Polizei sie verfolgte. Auf ihrem Weg wurden die Deutschen von den Faschisten und Nationalisten angegriffen, es gab Handgemenge und Schlägereien, viele Deutsche, Polen und andere Anarchisten wurden verhaftet und viele Stunden, manchmal sogar mehrere Tage lang auf Polizeistationen festgehalten. Die polnische Polizei trat brutal und rassistisch auf, besonders gegenüber den Deutschen.

Auf der Nowy-Swiat-Straße gerieten die Deutschen in eine Schlägerei mit den Nationalisten und einer Gruppe, die die historischen nationalen Armeeuniformen trug (an dem Tag fanden in der ganzen Stadt viele historische Darbietungen statt). Die Deutschen sagen, sie seien von Fußball-Hooligans und Faschisten angegriffen worden, die Menschen in den historischen Kostümen hätten sich angeschlossen und die Deutschen geschlagen; die Nationalisten sagen, die Deutschen hätten zuerst angegriffen. Später machten die Medien viel Aufhebens von den Deutschen, die polnische Patrioten angegriffen hätten.

Einige deutsche Anarchisten versuchten, sich in einem nahe gelegenen Gebäude zu verstecken, das einer linken Organisation namens Krytyka Polityczna gehört; hier fand sie die Polizei und verhaftete sie. Sie durchsuchte das Gebäude und fand «Waffen» wie Pfefferspray, Schlagringe, Mund- und Knieschützer, hölzerne Beinschienen und Masken. Die Leute von Krytyka Polityczna sagen, sie wissen nicht, wie die Waffen dahin gekommen sind. Einige meinten, die Polizei hätte sie dort hingebracht.

Nachlesen

Die Medien kritisieren die städtischen Behörden dafür, dass sie beide Demonstrationen an demselben Ort genehmigt hat. Der Staatspräsident fordert jetzt schärfere Gesetze, die es den Behörden erlauben, eine Demonstration zu verbieten, wenn sie fürchten, sie artet in Gewalt aus. Viele Organisationen auf der Rechte wie auf der Linken kritisieren das, weil es bedeuten kann, dass niemand mehr legal demonstrieren darf. Das Gesetz muss noch durchs Parlament, im Moment ist es nur ein Plan.

Viele Menschen, die an beiden Demonstrationen teilgenommen haben, sind der Meinung, die Polizei und die Behörden habe diese Gewalt gewollt, damit das Gesetz geändert werden kann und die Regierung freie Hand hat bei künftigen Demonstrationen. Es kann auch sein, dass es bei den Nationalisten viele Zivilpolizisten gab, die einige Schlägereien angezettelt haben.

Offensichtlich wusste die Polizei, wer zur Demonstration kommen würde. Während die Deutschen nämlich auf einer Bushaltestelle gestoppt wurden, konnten ukrainische Nationalisten problemlos bis Warschau kommen und an den Straßenkämpfen teilnehmen (es heißt, sie seien von der Aggressivität der Polizei überrascht gewesen). Auch Fußball-Hooligans aus ganz Polen hatten kein Problem, in die Stadt zu gelangen. Es scheint, nur die deutschen Anarchisten sollten festgesetzt werden.

Einige Linke sagen, es sei unnötig gewesen, auf der Straße zu demonstrieren, wo die Faschisten marschieren wollten, die Antifaschisten hätten ihre eigenes «Happening/Demonstration/ Kundgebung» woanders machen sollen. Wir wären schön dumm gewesen, uns von der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza provozieren zu lassen, die die antifaschistische Demonstration unterstützt hatte.

Dazu möchte ich an die antifaschistische Demonstration im vergangenen Jahr erinnern: Wir haben den faschistischen Aufmarsch ohne Voranmeldung blockiert und die Polizei hat uns sehr brutal behandelt und sorgte dafür, dass die Nationalisten durchkamen. In diesem Jahr war es andersherum, die Polizei hat uns davor «beschützt», von den Faschisten und Nationalisten massakriert zu werden. Doch die Nationalisten waren stärker als wir und die Polizei zusammen genommen, hätten sie unsere Demonstration erreicht, wären wir massakriert worden, die ersten, die zusammengeschlagen worden wären, wären farbige Gäste und der bekannte schwule Politiker gewesen, der im vergangenen Jahr von Hooligans und von der Polizei zusammengeschlagen worden ist. Politisch hätte eine solche Gewalt gegen uns für die Regierung kein gutes Bild abgegeben.

Malgorzata Swiatek ist 52 und bezeichnet sich als linke, feministische, antiklerikale und ökologische Aktivistin. Vormals war sie bei Attac und Greenpeace aktiv, jetzt gehört sie zur feministischen Bewegung EFI. Sie ist auch Mitglied der antiklerikalen Partei Racja und der Anti-Gen-Bewegung.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.