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«Was tun mit Kommunismus?!»

Eine unbeantwortete Frage

von Jochen Gester

Der Kapitalismus befindet sich in seiner tiefsten Krise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929. Doch politisch ist das Gesellschaftssystem nicht wirklich bedroht. Denn eine Bewegung, die in der Lage wäre, es praktisch zu überwinden, ist nicht in Sicht.

Allerdings gibt es erstmals seit Jahrzehnten Diskussionen über gesellschaftliche Alternativen, an denen sich – in affirmativer Absicht – auch bürgerliche Zeitungen beteiligen. Teile der kapitalismuskritischen Linken, die als Parteigänger/innen des untergegangenen»Realsozialismus» in eine tiefe Sinnkrise gestürzt wurden, schöpfen dadurch neuen Mut. Absurderweise führt dies dazu, dass sie ihre diskreditierten politischen Rezepturen nun als das Zukunftskonzept anpreisen. So forderte ein ehemaliger NVA-Offizier der sog. «Kommunistischen Initiative» auf einer gut besuchten Veranstaltung radikaler Linker in Berlin von den Anwesenden ein Bekenntnis dazu, die DDR sei sozialistisch gewesen und ihr Modell zukunftsweisend.

Vor dem Hintergrund dieses wachsenden idiotischen «linken» Konservativismus hat sich in Berlin eine Initiative radikaler Linker gebildet, die unter dem Label SEK (Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus) eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel «Was tun mit dem Kommunismus?!» auf die Beine stellte.

In der ersten Veranstaltung ging es um das Verhältnis der Westlinken zum «Realsozialismus». In der zweiten wurde danach gefragt, wie sozialistisch der Realsoz war; die Abschlussveranstaltung sollte Antworten darauf geben, wohin der Weg aus dem Kapitalismus führen soll.

Die SEK war etwa zu gleichen Teilen durch Mitglieder der marxistischen und der libertär-anarchistischen Linken vertreten. Auch kamen sie aus West und Ost. Der Kreis der Impulsreferenten war mit insgesamt 18 Personen ungewöhnlich groß, was das bestehende Interesse an der Diskussion dieser Fragen verdeutlichte. Auch der Zuspruch des Publikums war mit 80 bis über 200 Besuchern und Besucherinnen ungewöhnlich gut.

So positiv war der Gehalt der Vorträge und Diskussionen jedoch nur bedingt. Auf der ersten Veranstaltung dominierte die biografische Vorstellung der Referenten, die, auch weil so verschieden, eine gemeinsame Diskussion kaum zustande kommen ließ. Diese gelang auf der Folgeveranstaltung über den Charakter des Realsoz noch am besten. Niemand auf dem Podium mochte dem implodierten System des ehemaligen Ostblocks das Label «sozialistisch» anheften. Eine historisch-konkrete Kritik wurde damit jedoch eher umschifft, weil jeder die Frage vor allem damit beantwortete, dass er der dürren Realität das eigene Sozialismusideal entgegenhielt.

Die Abschlussveranstaltung über den Charakter der kommenden Gesellschaft war eher enttäuschend. Der Abend begann damit, dass die Moderation das Podium in einer Weise vorstellte, die nur als peinlich zu bezeichnen ist. Musste man in den 90er Jahren kopfschüttelnd registrieren, wie Autoren in PDS-Publikationen Artikel mit akademischen Titeln unterschrieben, blamierte sich die sozialwissenschaftliche radikale Linke hier mit dem Versuch, vor allem durch den Umfang ihrer jeweiligen Publikationen zu glänzen.

Die Antworten des Podiums auf die Frage «Wohin?» fiel recht gegensätzlich und teilweise recht dürftig aus. Auch wenn es seit der Marxschen Kritik an den Frühsozialisten zu Recht als verpönt gilt, sich die zukünftige Gesellschaft im Detail auszumalen, kann der Verzicht darauf, sich selbst und der Öffentlichkeit darüber Rechenschaft abzulegen, wie die groben Konstruktionspläne einer anderen Gesellschaft aussehen sollen, doch nicht die Alternative sein. Und die Vorstellung, all diese Fragen beantworteten sich praktisch im Selbstlauf, wenn Menschen nur in Bewegung geraten, ist doch sehr idealistisch.

Alle Informationen zur Vorgeschichte und zu den Referenten der Reihe sind unter www.eidesk.wordpress.com einsehbar. Hier wird auch zu erfahren sein, ob und wo die Beiträge veröffentlicht werden.

 


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