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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Den Betrieb übernehmen

Zur dritten Ausgabe der Zeitschrift LuXemburg

Anfang November fand auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin eine internationale Konferenz zum Thema «Belegschaftseigentum, Kooperativen und Genossenschaften: Einstieg in die Transformation?» statt. Der Vorbereitung der Konferenz widmete sich die dritte Ausgabe der Zeitschrift Luxemburg. Einige Autoren waren auch zu Gast bei der Konferenz.
Das Editorial formuliert die Frage, ob sich heute aus den verschiedenen Versuchen, Alternativen zum kapitalistisch genutzten Eigentum zu erproben, neue Perspektiven für eine gesellschaftliche Transformation ergeben. Dazu gibt es einen Konzeptteil. Es folgen länderbezogene Rückblicke auf historische Anläufe, gefolgt von gegenwärtigen Ansätzen zur nicht-kapitalistischer Aneignung.

Mit Blick auf die Akteure der Umgestaltung und in der Geschlechterperspektive reflektieren Cornelia Möhring und Katharina Schwabedissen Frigga Haugs «Vier-in-einem»-Perspektive. Das Heft schließt mit Artikeln zu Streitpunkten über die Wege erfolgreicher sozialer Transformation.

Im Konzeptteil wirft Heinz Bierbaum einen Blick zurück auf deutsche gewerkschaftliche Erfahrungen bei der Übernahme von Betrieben durch die Belegschaften und skizziert die von Linken in der IG Metall diskutierte Idee der «Wirtschaftsdemokratie». Jessica Gordon Nembhard und Emily Kawano stellen am Beispiel von drei US-Kooperativen Entstehung, Ausstrahlung und Grenzen gegenwärtiger kooperativer Wirtschaftsformen vor.

Mit größerem historischen Radius und interessanten Einblicken in die Frühphase der Kooperativbewegung wird die US-Länderstudie von Immanuel Ness ergänzt. Alex Demirovic thematisiert die Bedingungen, unter denen sich Betriebe in Belegschaftshand entwickeln, welchen Hindernissen sie ausgesetzt sind und wie Erfolge auf diesem Wege unterstützt werden könnten. Tim Hunt stellt in seinem Beitrag über kooperative Wirtschaftsformen in Grossbritannien die Frage, ob sie bereits ein Mikrokosmos einer neuen Gesellschaft sind oder den politischen Wandel eher in die Sackgasse führen. Boris Kanzleiter würdigt die Tragfähigkeit des jugoslawischen Selbstverwaltungsmodells, und Jörg Rössler erinnert an das kleine Zeitfenster, in dem DDR-Belegschaften einen selbstständigen Zugriff auf ihre Betriebe wagten. Petra Brangsch beschreibt, wie das Experimentieren mit neuen Eigentumsformen während der Perestroika scheiterte.

Henning Süssner Rubin erinnert an den «Lohnempfängerfonds» des schwedischen Gewerkschaftsökonomen Rudolf Meidner, dessen Realisierung diese Fonds auf lange Sicht in den Besitz von mehr als die Hälfte der Aktien von Schwedens größten Unternehmen gebracht hätte.

Dario Azzellini schreibt über das soziale Laboratorium Venezuela. Am Beispiel der Aluminiumhütte Alcasa verdeutlicht er, woran Genossenschaften scheitern können und wie das zu verhindern ist. Eine Lehre: Räte, die nicht auf ausdrücklichen Wunsch der Arbeiter gebildet werden, haben keine Aussicht auf Erfolg. Die Zahl der Räte wachse ständig. Doch sei noch nicht absehbar, ob sie sich gegen staatliche Verwaltungsstrukturen für die Betriebe durchsetzen können.

Carl Davidson macht die Leserinnen und Leser mit dem baskischen Konzern Mondragón bekannt und fragt sich, ob hier ein Modell für den Sozialismus im 21. Jahrhundert entsteht. Die interessante Erfolgsgeschichte der weltweit größten Industriekooperative mit über 100000 Beschäftigten und einem Umsatz von 13,9 Mrd. Euro gewinnt auch dadurch nochmal an Bedeutung, dass die Firma mit der USW, der größten US-Industriegewerkschaft, eine Zusammenarbeit vereinbart hat, um in den abgestürzten Regionen des Rust Belt arbeitereigene Unternehmen zu gründen.

Weitere Länderberichte kommen aus Italien, wo der genossenschaftliche Sektor immer schon eine bedeutende Rolle spielte, und aus Südafrika. Hier stellt Vishwas Satgar Genossenschaften vor, die biologischen Landbau betreiben und neue Beschäftigungsfelder für Erwerbslose schaffen. Er sieht darin ein großes Potenzial. Doch es sei nur auszuschöpfen, wenn es zu einer Vernetzung und einem Wissensaustausch der lokalen Initiativen kommt.

Im Schlussteil beantwortet Christoph Behr die Frage, wie es die Linkspartei schaffen könnte, «mit normalen Mitteln nicht mehr zerstört zu werden», und John Holloway und Hilary Wainwright debattieren darüber, ob der Staat nur als feindliche Macht zu betrachten ist oder ob er eine Rolle im Prozess der gesellschaftlichen Transformation spielen kann.

Das Themenheft bietet einen interessanten Überblick über historische und aktuelle Versuche, Alternativen zum kapitalistischen Eigentum zu finden. Doch geht dies ein wenig auf Kosten der analytischen Tiefe. Ein Mangel ist auch, dass nicht-sozialwissenschaftliche Akteure erfolgreicher Betriebsübernahmen wie z.B. des Euzkadi-Werks in Mexiko oder von Zanon in Argentinien nicht selbst zu Wort kommen. Überhaupt könnte eine Fortsetzung der lobenswerten Themenbearbeitung durch die RLS darin bestehen, soziale Akteure vergleichbarer Initiativen an einen Tisch zu bringen.

Jochen Gester


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