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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2012 |

«Ich bereue keine Sekunde dieses Kampfes»

Vor 30 Jahren wurde in Polen der Kriegszustand verhängt

Der «kurze Sommer» der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc in Polen war der fortgeschrittenste Versuch in einem osteuropäischen Land, der bürokratischen Planungsdiktatur einen echten Selbstverwaltungssozialismus mit Massenanhang entgegen zu setzen. Dieser Versuch wurde durch die Verhängung der Kriegsrechts am 13.Dezember 1981 erstickt. Den Niedergang des Nominalsozialismus hat das nicht aufgehalten, wohl aber die Weichen für die Rechtsentwicklung der Solidarnosc nach 1989 und das geringe Engagement der Arbeiterklasse in der Wendezeit gestellt.
Im Westen waren die Kräfte, die die unabhängige Gewerkschaft auch im Untergrund noch unterstützten, gering. Kamil Majchrzak sprach mit MARCEL GERBER, einem Schweizer Unterstützer der Solidarnosc, über die damalige Solidaritätsarbeit.
Woher kommt dein Interesse an Osteuropa?

Ich habe mich schon immer für die Situation in den Ländern Osteuropas interessiert. Mitte der 70er Jahre war ich Gründungsmitglied eines Komitees, das linke und linksextreme Sympathisanten osteuropäischer Dissidenten zusammenbrachte. Durch Pressekampagnen und verschiedene politische Aktionen versuchte dieses «Komitee der sozialistischen Solidarität mit den Oppositionellen in den Ländern des Ostblocks» [Comité de Solidarité Socialiste avec les Opposants dans les Pays de l’Est – CSSOPE] die wegen ihrer demokratischen Bestrebungen verfolgten Regimegegner zu verteidigen. Insbesondere unterstützten wir Frauen und Männer, die versuchten, unabhängige Gewerkschaften zu gründen. So kamen wir relativ schnell mit russischen, polnischen, tschechischen und anderen Gewerkschaftern in Kontakt.

Als im August 1980 die Streiks in Polen begannen, haben wir sofort angefangen, die Kämpfe der polnischen Arbeiter publik zu machen und Solidaritätsbekundungen und -veranstaltungen zu organisieren. Da wir vorher schon Kontakt zu einigen Gewerkschaftern im Südwesten Polens geknüpft hatten, konzentrierten wir unsere Aktionen auf Niederschlesien. Zum Beispiel schickten wir Druckereimaterial. Zu Ostern 1981 organisierten wir eine Reise Schweizer Gewerkschafter nach Wroclaw und Warschau. Wir trafen Arbeiter und Verantwortliche der Gewerkschaft. So konnten wir uns ein konkretes Bild der Lage vor Ort verschaffen.

Erinnerst du dich an das Gefühl der Arbeitermacht während der August-Streiks 1980?

Seit den Ereignissen im August 1980 bemühte sich das «Komitee der sozialistischen Solidarität» um eine Sensibilisierung der Menschen in der Schweiz gegenüber der politischen Situation in Polen. Wir organisierten politische und materielle Solidarität für die Solidarnosc. Rückblickend kann man allerdings sagen, dass sich der Großteil der Aktionen des Komitees auf die Hilfe für und in Polen konzentrierte. Die Mitglieder des Komitees waren übrigens soweit politisiert, dass uns klar war, früher oder später musste es unweigerlich zu einer Konfrontation zwischen der neuen, unabhängigen Gewerkschaft und den bürokratischen Machthabern kommen. Auch unser Besuch an Ostern 1981 stand unter diesem Zeichen: Wir wollten die polnischen Genossen der Solidarnosc daran erinnern, dass noch nichts endgültig gewonnen war; dass der eigentliche Machtkampf mit den Herrschenden noch bevor stand. Doch die Solidarnosc und die polnischen Arbeiter befanden sich in einem Zustand der Euphorie, ich glaube heute, dass unsere Warnungen damals nicht ernst genommen wurden.

Wie hast du die Ausrufung des Kriegszustandes erlebt?

In den letzten Wochen des Jahres 1981 luden wir eine Delegation polnischer Gewerkschaftsvertreter zu einer Studienreise in die Schweiz ein. Wir organisierten Konferenzen in verschiedenen Schweizer Regionen, und jedes Mal gab es für die polnischen Kollegen die Möglichkeit, mit Arbeitern aus unterschiedlichen Fabriken und Betrieben zusammenzutreffen. Eigentlich sollten die polnischen Kollegen am 21.Dezember 1981 in ihr Land zurückfliegen, sie saßen aber auf Grund der Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13.12.1981 in der Schweiz fest. Ihr (unfreiwillig) verlängerter Aufenthalt erlaubte es, noch mehr Treffen und Diskussionen zu veranstalten, über den Militärputsch aufzuklären und die Verhaftung polnischer Gewerkschaftsaktivisten anzuprangern.

Wie sah deine Solidaritätsarbeit für die Untergrund-Solidarnosc aus?

Die Verhängung des Kriegsrechts und das Verbot der Solidarnosc, die dann im Untergrund und vom Ausland aus weiterarbeitete, veränderte unsere Art der Unterstützung. Ab diesem Zeitpunkt organisierten wir den Transfer nützlicher Dinge nach Polen, damit die Gewerkschaftsarbeit unter veränderten Bedingungen aufrechterhalten werden konnte. Dabei orientierten wir uns an den Anfragen polnischer Kollegen. Als Elektroingenieur war ich für die Materialbeschaffung in sog. «sensiblen» Bereichen zuständig. Zbigniew Kowalewski, einer der führenden Solidarnosc-Köpfe, der nach der Verhängung des Kriegsrechts in Frankreich festsaß, half mir bei dieser Aufgabe.

Beispielsweise entwickelte und baute ich Sender bzw. Sendeanlagen, die wir in tragbare Radiorekorder einbauten und so versteckten. Sie konnten über die Grenze gebracht werden, ohne aufzufallen und ohne, dass man ihnen ihre neue, wahre Funktion ansah. Diese Sender funktionierten folgendermaßen: Sie wurden auf dem Dach eines Hochhauses installiert, wo sie sich aufgrund der vorher programmierten Weckfunktion automatisch einschalteten und die zuvor auf Kassetten aufgenommenen Sendungen ausstrahlten. Man brauchte nur eine Antenne und für die Stromversorgung eine Autobatterie, dann konnte man den Sender auf irgendein Dach stellen. Die Dauer der Sendungen wurde stets so kurz gehalten, dass es der Polizei nicht gelingen konnte, die Sender zu orten. Später holte man sich den Sender zurück und installierte ihn auf einem anderen Dach.

Könntest du genauer erzählen, wie ihr damals auf eins dieser Dächer gelangt seid, um von dort eine Radiosendung zu übertragen?

Ich hatte in einem Arbeiterwohnhaus in einem Vorort von Wroclaw ein Treffen mit mir unbekannten Personen. Aus Sicherheitsgründen habe ich mir ihre Namen nicht gemerkt. Zusammen mit zwei oder drei Gewerkschaftsaktivisten sind wir auf das Dach des Hauses gegangen. Dort standen schon eine Autobatterie und die Dinge bereit, die ich einige Wochen zuvor aus Paris nach Polen gebracht hatte. Nachdem ich das ganze System zusammengebaut, die Antenne angebracht und eine 12-Volt-Autobatterie angeschlossen hatte, programmierten wir die Sendezeit, legten die Kassette mit der aufgenommenen Sendung ein und aktivierten die automatische Weckfunktion.

Um die Sendung zu hören, sind wir in einen anderen Bezirk von Wroclaw gefahren. Alles hat planmäßig und pünktlich funktioniert.

Am nächsten Tag habe ich erfahren, dass ein Ortungswagen durch das Viertel fuhr – ohne jedoch den Standort des Senders ermitteln zu können. Der Sender konnte also von anderen Aktivisten wieder vom Dach geholt werden. 23 Jahre nach diesen Ereignissen ist es mir unmöglich, Namen zu nennen oder das Aussehen meiner Mitstreiter zu beschreiben.

Wurde diese Art der technischen Zusammenarbeit koordiniert?

Im Frühling 1982 – das Kriegsrecht galt immer noch – bat mich die illegale Führung der niederschlesischen Solidarnosc, nach Wroclaw zu kommen, um mit ihrem Vorsitzenden Frasyniuk darüber zu diskutieren, wie die Schweizerische Hilfe für die verbotene Gewerkschaft aussehen könnte und auf welche Punkte wir uns konzentrieren sollten. Einen Tag vor meiner Abreise aus der Schweiz musste ich meine Fahrt absagen, weil Frasyniuk verhaftet worden war. Dann Kontaktaufnahme mit dem neuen, immer noch illegalen Vorsitzenden Piotr Bednarz, erneute Reisepläne – und wieder musste ich auf Grund seiner Inhaftierung die Reise verschieben. Aller guten Dinge sind drei, und schlussendlich konnte ich nach Warschau und Wroclaw fahren, um den neuen niederschlesischen Gewerkschaftsführer zu treffen.

An dieser Stelle möchte ich diesen Mann übrigens ehren: Józef Pinior ist einer der wenigen Solidarnosc-Vertreter, der seinen damaligen Idealen bis heute treu geblieben ist. Unser Treffen – unter Beachtung aller Vorsichtsmaßnahmen, die unter der Illegalität nötig waren – war sehr erfolgreich. Es erlaubte eine genauere Ausrichtung der Hilfe der Schweizer Organisationen an den Bedürfnissen der polnischen Gewerkschafter.

Wie haben Sie nach der Verhängung des Kriegsrechts Kontakt zu den polnischen Solidarnosc-Vertretern gehalten?

Normalerweise lief das über persönliche Kontakte, also wenn Mitglieder des Komitees als Individualreisende nach Polen fuhren. Einer von unseren Genossen wurde allerdings bei einer Kontrolle mit technischem Material erwischt und musste mehrere Monate in einem Warschauer Gefängnis verbringen. Wir hielten den Kontakt auch über das Netzwerk der Aktivisten des IV.Internationale. Auch meine Arbeit stütze sich im Wesentlichen auf diese beiden Netzwerke.

Was habt Ihr nach Polen geschmuggelt? Stimmt es, dass die Funkscanner aus Frankreich, die zum Abhören der polnischen Polizeifrequenzen ins Land gebracht wurden, dort eigentlich verboten waren?

Die Sachen, die wir nach Polen schickten, entsprachen den Anfragen der Gewerkschafter der Solidarnosc: Elektrotechnik, Fotoapparate, Aufnahmegeräte, Kameras oder spezielle Funkscanner, mit denen man die Frequenzen des Polizeifunks abhören konnte. Es gab da so eine ganze Reihe von Dingen und richtige Listen. Die Anfragen kamen von den verschiedenen Regionalbüros der Solidarnosc. Im Großen und Ganzen konnten wir den Bitten entsprechen.

Dieses Material war in Frankreich nicht verboten. Als Elektronikfachmann habe ich das Equipment allerdings zu Sonderkonditionen in Fachgeschäften in der Schweiz gekauft. Ohne meine vom Komitee gespendeten Waren beim Zoll zu deklarieren, fuhr ich zweimal im Monat mit dem Auto nach Paris. Von Frankreich aus gelangte das Zeug versteckt in Autos oder dank der Mithilfe von Fabrikanten in Konservendosen verpackt illegal nach Polen. Zbigniew Kowalewski war damals für diese Transporte verantwortlich.

Wie habt ihr die Sender versteckt?

Die Sender wurden in klassische Radiorekorder eingebaut. Natürlich haben wir Modelle bevorzugt, die der späteren Nutzung am besten entsprachen. Es brauchte zum Beispiel innen genug Platz, um einen 10-Watt-FM-Sender integrieren zu können. Mit einem Sender dieser Leistung konnte man das gesamte Stadtgebiet von Wroclaw abdecken. Zusätzlich benötigte man eine Sendeantenne und einen Anschluss für eine 12-Volt-Autobatterie. Außerdem musste das ganze System über eine Aufnahme-Abspiel-Automatik verfügen, um die Sendezeit programmieren zu können. Die Sendung selbst wurde vorher auf eine Kassette aufgenommen.

Wer hat die Initiative ergriffen, um eine Radiokommunikation zwischen den Hauptquartieren der Solidarnosc zu organisieren?

Die Anfrage kam von der Regionaldirektion der niederschlesischen Solidarnosc. Ich habe an diesem Projekt insofern mitgearbeitet, als ich mich um den Kauf von technischem Equipment gekümmert habe. Dieses Equipment musste dann noch so modifiziert und umgebaut werden, dass die Übertragung von Textcodes möglich wurde. Idealerweise sollten die Nachrichten kurz- bis mittelfristig für Außenstehende bzw. den Geheimdienst nicht verständlich sein. Dieses ehrgeizige Projekt wurde dann auf Grund der aktuellen Entwicklungen in Polen wieder fallen gelassen.

Was denkst du über die Solidarnosc heute?

Trotz der späteren moralischen und politischen Degeneration der Gewerkschaft und der Mehrheit ihrer Führung bereue ich nicht eine Sekunde, dass ich mich diesem Kampf für eine bessere Zukunft des polnischen Volkes gewidmet habe.

Marcel Gerber wurde in Lausanne in der Schweiz geboren und stammt aus einer Arbeiterfamilie, die mit der KP sympathisierte. Seit Beginn der 60er Jahre selber Mitglied der KP, wurde er nach Protesten gegen den sowjetischen Einmarsch in Prag wegen «Trotzkismus» aus der Partei ausgeschlossen. Bis zur ihrer Auflösung 1991 war er Mitglied der PSO, der Schweizer Sektion der IV.Internationale.


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