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«Sie ist so schwer zu fangen…»

Frauenfiguren bei Christa Wolf

von Tanja Schultz

Anfang Dezember starb Christa Wolf. Deutschlandradiokultur entschied sich, am Samstag nach der Nachricht einen Ausschnitt aus einer ihrer Lesungen auszustrahlen.
Eine wunderbare Entscheidung, so konnte man diese melancholische, aber doch feste, fast strenge Stimme in sich aufnehmen, versuchen, sie zu speichern, bevor sie nur noch ein Hall der Erinnerung wird. Christa Wolf, Jahrgang 1929, las aus ihrem letzten Roman Stadt der Engel (2010). Und man wird diese Stimme vermissen.

Was bleibt? Das ist der Titel einer ihrer wichtigsten Erzählungen – ein Text. Und das ist ihr zu wünschen, dass ihre Texte bleiben. Das Getöse um sie als öffentliche Person wird verhallen. Jahrgang 1929, daran muss man erinnern. Diese Frau hat als junges Mädchen den Krieg erlebt und Zeit ihres Lebens versucht, nicht zu verhärten. Das verbindet auch ihre unvergleichlichen Frauenfiguren.

Lebensschwäche, Lebensstärke

Da ist Christa T., die Figur, die von Kriegserfahrungen geprägt, der Ich-Erzählerin begegnet und eine nachhaltige Faszination ausübt. Christa T., die Träumerin und Fantastin, die versucht, ganz bei sich zu bleiben und entlang der schmerzhaften Grenze zwischen Träumen und Tun träumt. «Sie sah auch, wie man anfing zu entschlüpfen, die bloße Hülle, den Namen zurück zu lassen. Das hatte sie nicht gekonnt.» Die Welt, die sie vorfindet, beschreibt sie wie folgt – und es bleibt offen, welche Realität der 50er Jahre sie beschreibt: die Nachkriegszeit oder die beginnenden Verkrustungen des sozialistischen Gesellschaftsprojekts: «Eine Kälte in allen Sachen. Die kommt von weit her, durchdringt alles. Man muss ihr entweichen, ehe sie an den Kern kommt. Dann fühlt man sie nicht mehr.»

Christa T. die Zweiflerin, jene, welche sich Mühe gab hineinzupassen (worein auch immer), aber nie so ganz zu passen schien, sich nie wirklich passend machen konnte, die ihren Namen als Brandmal beschrieb, als Zeichen für eine Wunde, die sie war. «Sie aber sich selbst bis zum Überdruss bekannt und schmerzhaft unbekannt.» (Zitate aus Nachdenken über Christa T.) Diese bewunderte Frau ist mit einer gewissen Lebensschwäche ausgestattet, die zugleich als Empfindsamkeit ihre Stärke ausmacht. Die einzige Möglichkeit für sie zu leben ist das Schreiben. Immer: so auch in der Selbstanzeige «eine Art Mitschrift wäre mein Schreibideal: Mein ‹Griffel› folgte möglichst genau der Lebensspur, die Hand die ihn führte wäre meine Hand und auch nicht meine Hand, viele und vieles schriebe mit, das Subjektivste und das Objektivste verschränken sich unauflösbar, ‹wie im Leben›, die Person würde sich unverstellt zeigen, ohne sich zu entblößen … verdiente sich so vorurteilsfreie Aufmerksamkeit…» (Auf dem Weg nach Taboo).

Christa Wolf und die von ihrer Hand entworfenen Frauenfiguren setzen sich aus. Sie sind verletzlich, aus den Wunden heraus stark, immer versucht, nichts Fremdes weder von innen noch von außen zuzulassen. Die schwach-starken Frauen üben auf Generationen von Frauen eine zeitlose Faszination aus. Diese Frauenfiguren entweichen aber auch: «Denn sie ist so schwer zu fangen. Selbst wenn ich es schaffen könnte, alles getreulich wiederzugeben, was ich von ihr noch weiß oder in Erfahrung gebracht habe, selbst dann wäre es denkbar, dass derjenige, dem ich alles erzähle, den ich brauche und jetzt um Beistand angehe, dass er am Ende nichts von ihr wüsste.» (Christa T.)

Der blutrote Faden

Dass man diese Frauenfiguren kaum zu fassen bekommt und sie doch nachhaltig und deutlich in Erinnerung bleiben, dieses Wolfsche Phänomen gilt umso mehr für ihre mythische Frauenfiguren. Kassandra und Medea. Für die Protagonistinnen aus dem Geteilten Himmel und Christa T. war die Ehe noch eine Option des Zusammenseins und, wie es in Christa T. zu lesen steht, ein Damm. «Dämme bauen, gegen unmäßige Ansprüche, phantastische Wünsche, ausschweifende Träume. Einen Faden in die Hand nehmen, der in jedem Fall unter allen Umständen weiterläuft…» (Christa T.). Die Ehe wird hier verstanden als Schutzwall vor der Lebensschwäche und der Empfindsamkeit. Jener Faden der Ehe, die Neuerschaffung der Frau als Ehefrau, wird hier noch als Option gedacht.

Aber er bildet keinen Schlusspunkt, der Faden wird weitergesponnen: Kassandra verweigert sich der traditionellen Frauenrolle als Hausfrau und Mutter, stattdessen wird sie Seherin und Heilerin – wie auch Medea Heilerin und Seherin ist, eine Option, die durch das mythische Muster bereitgestellt wird. «Erst als Besitz, Hierarchie, Patriarchat entstehn, wird aus dem Gewebe des menschlichen Lebens, das die drei Uraltfrauen … in der Hand hatten, jener blutrote Faden herausgerissen, wird er auf Kosten der Gleichmäßigkeit verstärkt…» (Medea).

Dieser blutrote Faden, von dem hier die Rede ist, ist die Spur der Mitschrift und der prophetischen Körpersprache. Es ist die Sprache eines gedachten, authentischen Körperbezugs. So kann Kassandra sagen: «Meine Kopfhaut zog sich zusammen, es musste gefährlich sein» (Kassandra). Oder Agameda, die über die Heilerin und vermeintliche Brudermörderin Medea sagt: «Oder vor kurzem, als sie krank wurde. Als hätte sie geahnt, dass das Verhängnis näherrückte» (Voraussetzung einer Erzählung: Kassandra).

Die empfindsame Haut, die offenen Wunden, welche die Haut der Frauen zum Seismografen gesellschaftlicher Entwicklungen werden lässt, ist die Stärke dieser neuen Frauen. Und bespiegelt noch einmal die Lebensschwäche der Frauen aus den Texten zuvor als die unmittelbare Stärke. Akamas reflektiert im Medea-Roman über den Ursprung der Wirkung, welche Medea auf ihn hat: «Vor allem war sie ihm unheimlich. Sie war, wie soll ich das ausdrücken, zu sehr Weib, das färbte auch ihr Denken» (Medea).

Ihre Unheimlichkeit gründet auch in einer Art Unantastbarkeit, sie wirkt als hätte eine unsichtbare Hand einen unsichtbaren Kreis um sie gezogen. Sie lebt in einem Matriarchat, ihre Fähigkeit zu prognostizieren, unantastbar zu sein begründet sich darin. Mit ihrer magischen Kraft kann sie Verhärtungen lösen: So legt sie Jason die Hand auf den Nacken und kann auf diese Weise seine Verhärtungen lösen – Verhärtungen der männlichen Welt, die auf ein Leben in oder mit der Lüge und der Verstellung zurückgeführt werden.

Der Medea-Roman lässt die Fremdheit der Frauenfigur Medea wachsen, ihre prophetische Kraft scheint an ein System gebunden zu sein – außerhalb ist sie keine Heldin, sondern erscheint vielmehr als Opfer, sie kann sich nicht schützen. Die Täterschaft der Medea ist ein Produkt der männlichen Erzählweise, der Gerüchte. Medea wird verkannt und verraten.

In Stadt der Engel berichtet die Ich-Erzählerin von einem Ausflug: «Broken. Ein treffender Ausdruck … Dann habe ich lange im Museum vor dem Medea-Kleid der Jana Sterbak gestanden: Ein Frauenkörper, aus Draht geflochten, umgeben von einer Installation aus elektrischen Drähten, die an eine Steckdose angeschlossen waren und die ständig aufglühten, für kurze Zeit erloschen, wieder aufglühten. Alles brannte auf der Haut der Frau, es war ja das Kleid, das Medea der Glauke gegeben haben soll, der Nebenbuhlerin, und das deren Haut verbrannte. Auf einer Projektionsfläche erschien ein Text, den ich mir abschrieb: ‹…die Frau mit der brennenden Haut, die in meine Haut schlüpfen möchte, um mich fühlen zu lassen, was sie fühlt, um von ihrem Schmerz befreit zu sein, und die sich doch nicht heimisch fühlen kann im Körper der anderen. Bekannte Sehnsucht. Bekannte Enttäuschung.›» (Stadt der Engel.) Und so schreibt Christa Wolf mit brennender Feder, wie es im Kindheitsmuster im Dialog mit der von ihr so verehrten Ingeborg Bachmann auf der Haut und ins Gedächtnis.


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