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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2012 |

Die Quandts: Reich geworden am Elend der anderen

Joachim Scholtyseck: Der Aufstieg der Quandts. Eine deutsche Unternehmerdynastie, München: C.H.Beck, 2011. 1184 S., 39,95 Euro

von Larissa Peiffer-Rüssmann

Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck legt erstmals im Auftrag der Familie Quandt die Firmengeschichte dieses deutschen Industrieimperiums offen.
Mit ihrem weit verzweigten Industrieimperium gehören die Quandts zu den reichsten Familien in Deutschland; das US-Wirtschaftsmagazin Forbes listete 2011 gleich drei Familienmitglieder unter den zehn reichsten Deutschen: Susanne Klatten auf Platz 3, Stefan Quandt auf Platz 5 und Johanna Quandt auf Platz 7.
Doch über die Herkunft ihres Vermögens schwiegen sie über 60 Jahre lang. Der Grund dafür war wohl nicht nur unternehmerische Skrupellosigkeit, sondern vor allem die Komplizenschaft mit dem Nationalsozialismus und dessen Beitrag zur Vermehrung ihres Reichtums. Sie schwiegen auch, als 2007 in einer Fernsehdokumentation Einzelheiten bekannt wurden. Erst als der Druck in der Öffentlichkeit zunahm, waren die Quandts bereit, ihre Archive zu öffnen. Sie beauftragten den Bonner Historiker für Zeitgeschichte, Joachim Scholtyseck, mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte.

Der Aufstieg

Scholtyseck konfrontiert uns in seinem Buch mit einer Unternehmensgeschichte von grenzenloser Gier nach Macht und Reichtum. Ob im Kaiserreich mit seiner kriegerischen Expansionspolitik, ob in der Weimarer Republik mit Inflation und Arbeitslosigkeit oder in der Nazidiktatur mit Krieg und Vernichtungsfeldzug, Judenverfolgung und Konzentrationslagern, der Unternehmer Günther Quandt bleibt immer Gewinner.
Die Firmengeschichte beginnt im 19.Jahrhundert mit der industriellen Tuchproduktion. Emil Quandt heiratet in das brandenburgische Unternehmen Draeger ein. Dort werden Uniformtuche hergestellt für Armee und Marine, für Eisenbahn und Straßenbahn, für Post, Feuerwehr und Polizei. Später kommen die Tuchfabriken Wegener und Paul hinzu.
Die Produktionsstätten werden kontinuierlich erweitert und modernisiert. Arbeitsbedingungen und soziale Fragen sind kein Thema. Es gibt den 11- bis 12-Stunden-Tag bei einer 6-Tage-Woche, die wöchentliche Arbeitszeit liegt bei 66–72 Stunden, notwendige Reparaturen an den Maschinen erfolgen sonntags. Der Frauenanteil in der Textilindustrie liegt bei über 50%.
Durch Heirat, Zukäufe und Ausbau bestehender Produktionsstätten weitet sich die Firmengruppe der Draeger-Paul-Wegener-Werke zu einem weit verzweigten Familienunternehmen aus. Zu Beginn des 20.Jahrhunderts übernehmen Günther Quandt, seine beiden Brüder und Schwager Paul das Familienkonsortium, doch vor allem Günther Quandt hat alle Fäden in der Hand, er ist der unbestrittene Patriarch.
Er steht an führender Stelle in der Interessengemeinschaft der Tuchfabrikanten und wirkt mit Beginn des Ersten Weltkriegs in den «Kriegsgesellschaften» mit, wenn es um die Beschlagnahmung und den Kauf von Wolle und die Verteilung von Heeresaufträgen geht. Diese in Kriegszeiten erworbenen organisatorischen Fähigkeiten und Erfahrungen im Umgang mit den Behörden sind Teil des Netzwerks unternehmerischer Verbindungen, das ihm in späteren Jahren von Nutzen sein wird.

Kriegsgewinnler

Im Krieg fahren die Quandtschen Betriebe satte Gewinne ein. Trotz der Flaute nach Kriegsende werden die Fabrikanlagen schon zu Beginn der 20er Jahre erweitert und modernisiert. Selbst in Zeiten der Inflation werden noch Gewinne von 10–20% gemacht. Ein «im Krieg reich gewordener Teilhaber einer respektablen Tuchfabrik», der sich nun «aufs Spekulieren verlegt», so wird Günther Quandt von Zeitgenossen charakterisiert. Sein ganzes Sinnen und Trachten ist auf wirtschaftliche Expansion ausgerichtet.
In den 20er Jahren kommt es nicht nur zu Beteiligungen an Spinnereien und Webereien. Günther Quandt beteiligt sich auch an der AFA, dem größten deutschen Akkumulatoren- und Batteriehersteller (später Varta-Batterie AG), der viel ins Ausland exportiert. Damit steigt Quandt in die Gruppe der Großindustriellen auf.
Zu einem weiteren wichtigen Stützpfeiler der Quandt-Gruppe wird der Einstieg in die Berlin-Karlsruher Industriewerke AG, die mit ihren Tochtergesellschaften Dürener Metallwerke und Mauser-Werke AG in Nazideutschland zu einer der wichtigsten deutschen Waffen- und Munitionsfabriken werden.
Auch bei dem Kali- und Chemiekonzern Wintershall AG wird er mit seinen erheblichen Gesellschaftsanteilen zum einem einflussreichen Mann. Die Wintershall AG investierte schon früh in die Mineralölsparte und wurde zu einem der führenden Erdölkonzerne, der schon vor 1933 mit den Nazis sympathisierte und die NSDAP finanziell unterstützte. Die Unternehmensleitung forderte die Arbeiter sogar explizit zur Wahl der NSDAP auf. Die Regimenähe machte sich für die Wintershall AG bezahlt, der Konzern profitierte gemeinsam mit dem Flick-Konzern von der «Arisierung», als es um den Verkauf von Braunkohlegruben der Anhaltinischen Kohlenwerke ging, die in jüdischem Besitz waren.

Gewinne durch «Arisierung»

Günther Quandt wird im Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Seine Bereitschaft, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten, war reines Kalkül. Ihm ging es ausschließlich um Erhalt und Ausbau seiner Unternehmen und um die Teilhabe am früh einsetzenden Rüstungsboom.
Der rasante Ausbau des Quandt-Imperiums erfolgt maßgeblich über die zahlreichen «Arisierungen». Einige für die Quandt-Gruppe besonders lukrative Unternehmen seien hier genannt: Berlin-Erfurter Maschinenfabrik (BEM); Waffenfabrik Simson in Thüringen; Elektrochemische Fabrik Volt GmbH; Weißkopf & Kohl (später Wuppermetall GmbH); das Havelschmelzwerk; das Pharmaunternehmen Byk Gulden; die Ceresin-Fabrik Graab & Kranich und die Schaerer-Werke. Zu dieser Übernahmepraxis meint Scholtyseck: Günther Quandt zählte zu den Unternehmern, die die «Notlage der jüdischen Besitzer bewusst und kühl ausnutzten» – sie erwarben die Firmen in der Regel weit unter ihrem Wert.
Günther Quandt beteiligte sich auch an «Arisierungen» und Übernahmen im eroberten Ausland. So «besichtigte» er mit seinem Sohn Herbert die besetzten Gebiete im Westen. Perfiderweise machten die Quandts etwa in Frankreich die Behörden auf jüdische Firmen aufmerksam, die sie aufgrund früherer Geschäftsverbindungen kannten und annahmen, dass hier Beteiligungen und Übernahmen eher möglich sein würden.
Auch an der Ostexpansion war die Quandt-Gruppe beteiligt. Nur wenige Monate nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ging die Fabrik Cegielski AG (Lokomotivbau) mit etwa 5000 Beschäftigten in den Besitz der DWM (Deutsche Waffen- und Munitionsfabrik) über. Die Expansionsbemühungen folgten der Marschrichtung der Wehrmacht.
In einem Rundbrief von 1940 beschwört Günther Quandt den «Kampfgeist» und spricht von den «unvergleichlichen Waffentaten unserer herrlichen Wehrmacht zu Lande, zu Wasser und in der Luft … Dankerfüllten Herzens schauen wir stolz auf den größten Deutschen aller Zeiten: unseren geliebten Führer!»
Alle Firmen der Quandt-Gruppe profitierten von den Rüstungsaufträgen. Das NS-Regime kam den Unternehmen finanziell weit entgegen. So baute die Quandt-Gruppe neue Rüstungswerke mit Hilfe des Reichs auf. Die ihm zur Verfügung stehenden Gelder nutzte G.Quandt auch, um sich in andere Industrie- und Rüstungsfirmen einzukaufen, dazu gehörten z.B. die Mannesmann-Röhrenwerke, Daimler-Benz und IG Farben.

Einsatz von Zwangsarbeitern

Durch den Rüstungsboom mangelte es zunehmend an Arbeitskräften, die Einberufungen verschärften noch die Situation. So kam es in allen wichtigen Firmen der Quandt-Gruppe zum Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, was im Buch ausführlich behandelt wird. Ab 1940 wurden verstärkt Juden zur Arbeit verpflichtet. In Berlin setzte die DWM Juden ein, die eine besondere Kennzeichnung erhielten, und zwar noch bevor der «Judenstern» 1941 im gesamten Reichsgebiet getragen werden musste. In den Firmen der Quandt-Gruppe wurden schätzungsweise zwischen 51000 und 57500 Zwangsarbeiter beschäftigt, mit einem hohen Frauenanteil.
Um des Profits willen wurden jegliche rechtlichen Grundsätze im Arbeitsleben aufgegeben. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren so angelegt, dass Krankheit und Tod ständige Begleiter waren. Trotzdem beschwerte sich, wie zum Hohn, die Betriebsleitung der AFA bei der Gestapo über den «zu hohen Krankenstand» und die «ungenügende Arbeitsleistung».

Nichts gewusst?

Selbstverständlich gingen die Verwaltungsakten über den Zwangsarbeitereinsatz über den Schreibtisch von Günther Quandt. Sein Sohn Herbert hatte in der AFA-Firmentochter Pertrix Personalverantwortung und muss also über den Einsatz von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen informiert gewesen sein. Trotzdem behaupteten beide nach 1945 dreist, vom Zwangsarbeitereinsatz nichts gewusst zu haben.
Die Alliierten sahen zu Recht in Günther Quandt einen Profiteur des NS-Regimes. 1946 wird er verhaftet. Doch Anerkennung von Schuld oder Verantwortung für das eigene Handeln sucht man bei Günther Quandt vergeblich. Vielmehr stilisiert er sich mit Hilfe seiner Anwälte zum Opfer und Gegner der Nazis und präsentiert «fast schon eine Widerstandsvita». Das Verfahren kommt schließlich vor eine deutsche Spruchkammer, am Ende wird er als «Mitläufer» eingestuft, als eigentlich «unpolitischer Mensch», der innerlich das NS-Regime abgelehnt habe. Wäre damals bekannt gewesen, was wir heute wissen, wäre er sicher nicht so davongekommen und sein Vermögen wahrscheinlich konfisziert worden.
Einen Großteil seiner Unternehmen bringt er wieder in seinen Besitz und Einflussbereich, er profitiert vom Marshall-Plan und sichert sich seinen Anteil am Wirtschaftsaufschwung. Bald sitzt er wieder in den Aufsichtsräten der Unternehmen und privaten Großbanken. Am Beispiel der Quandts wird deutlich, dass nach 1945 eine Abrechnung mit den Verantwortlichen nicht stattgefunden hat.
Das Buch bietet umfassenden Einblick in die Geschichte eines Unternehmens, dem jedes Mittel recht war, das zur Vermehrung des Reichtums taugte, Größenwahn und ein mörderischer Krieg eingeschlossen. Mit seinen ausführlichen Quellenangaben ist es für politisch Interessierte und Pädagogen gleichermaßen geeignet, die Verstrickungen der Industrie mit dem NS-Regime aufzuzeigen.


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