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Hotel Lux

Ruth von Mayenburg: Hotel Lux. Die Menschenfalle. Mit Drehbuchnotizen von Heinrich Breloer, München: Sandmann, 2011, 384 S., 24,80 Euro

von Werner Abel

Die Kunde von dem Mord im fernen Mexiko im August 1940 versetzte die Bewohner des riesigen Hauses in der Moskauer Maxim-Gorki-Straße 10 in helle Aufruhr. In dem mächtigen Bau, der 1911 als Hotel errichtet und 1921 von der Kommunistischen Internationale zur Unterbringung ihrer nach Moskau gereisten Mitglieder requiriert worden war, wohnten noch immer Funktionäre der Komintern, aber auch Emigranten aus jenen Ländern, in denen die kommunistischen Parteien verboten worden waren.
Seit Mitte der 30er Jahre lebte hier auch das Ehepaar Ruth und Peter Wieden, besser bekannt als Ruth von Mayenburg und Ernst Fischer. Beide waren nach dem gescheiterten Aufstand der Schutzbündler im Februar 1934 nach Prag geflohen, wo sie Mitglieder der KP Österreichs wurden. Sie, die Tochter eines adligen Bergwerksdirektors, machte Karriere in der militärischen Aufklärung der Roten Armee, während er Vertreter der österreichischen Kommunisten bei der Komintern wurde. In Moskau wütete zu dieser Zeit der stalinistische Terror, der auch vor den Bewohnern des «Absteigequartiers der Weltrevolution», wie das Hotel Lux spöttisch genannt wurde, nicht Halt machte. Stalin war die Komintern eh ein Dorn im Auge, er betrachtete sie, wie er deren Vorsitzenden Georgi Dimitrov gegenüber spöttisch äußerte, eher als Hort der Konterrevolution.

Das Gespenst des Trotzkismus

Das eigentliche Problem Stalins aber war Leo Trotzki, neben Lenin die andere große Persönlichkeit der Oktoberrevolution. Als Schöpfer und Organisator der Roten Armee, als Theoretiker und Journalist war Trotzki weit über die Grenzen des Sowjetlandes berühmt. Stalin und seine Bürokratie aber hatten es vermocht, Trotzki nach und nach aus seinen Funktionen zu verdrängen, aus der Partei zu verstoßen und schließlich auszubürgern. Aber auch im Exil blieb ihnen Trotzki gefährlich. Die Stalinisten erfanden einen «konterrevolutionären Trotzkismus» und entfachten eine Kampagne gegen den von Land zu Land gehetzten Revolutionär, von der Isaac Deutscher später schreiben sollte, dass noch nie in der Geschichte so viel gegen einen einzelnen Menschen geschrieben und gesprochen worden war.
Der Trotzkismus wurde nicht nur als konterrevolutionär, sondern schließlich auch als dem Faschismus gleich gewertet. Jede kritische Haltung, jede kritische Äußerung konnte letztlich als trotzkistisch denunziert werden. Die Jagd auf die «Trotzkisten» war längst auch auf das Hotel Lux ausgedehnt worden, dessen Bewohner oft eilfertig beteiligt waren, den Geheimpolizisten des NKWD immer mehr und neue Opfer zuzuführen. Der Geist Trotzkis, so schrieb Ruth von Mayenburg, schwebte gleichsam durch das Hotel Lux, obwohl er, zum Glück für viele spätere Nutzer, das Haus wohl nie betreten hat. Sie selbst stellte mit Erschrecken fest, dass alles das, was sie bei ihrem Eintritt in die kommunistische Partei über die Sowjetunion und den Kommunismus wusste, aus den Schriften Trotzkis stammte.
Nur keinen Fehler mit diesem Wissen machen, wird nicht nur sie gedacht haben. Die Psychose ging so weit, dass sie anfing, von Trotzki zu träumen. Täglich wurde den gläubigen Genossen das Schreckgespenst des Trotzkismus in immer schwärzeren Farben ins Denken gehämmert. In diesem Moment kam die Nachricht, dass Trotzki von einem enttäuschten Anhänger umgebracht worden wäre, in den Augen vieler ein verdientes Ende. Und so flog die Kunde auch von Tür zu Tür, der Tod des einst gefeierten Helden der Revolution versetzte die noch immer um ihr Leben und ihre Freiheit bangenden Dauerbewohner des Hotels in einen erregten Zustand.
Von Ernst Fischer, dem feinsinnigen Kulturphilosophen, Schriftsteller und Journalisten, schrieb seine Frau erstaunt, er, der nicht einmal eine Motte zwischen den Fingern zerdrücken könne, hätte ein ums andere Mal ausgerufen: «Erschlagen hat man ihn, erschlagen wie einen tollen Hund, mit einer Axt oder so was, erschlagen! Das war der richtige Tod für diesen Teufel! Historisch richtig, verstehst du, der musste erschlagen werden!»

Der Pakt mit den Nazis

Die Freude der Lux-Bewohner war sicher primär die Frucht der stalinistischen Propaganda, andererseits wohl auch Ausdruck der Hoffnung, nun, nachdem Trotzki nicht mehr war, müssten auch die Gründe für die Anklage wegen konterrevolutionär-trotzkistischer Betätigung wegfallen, die unzähligen Opfern der Säuberungen und der Schauprozesse angedichtet wurde. Ernst Fischer, dem viele Jahre später seine zweite Frau Louise vorwarf, unsägliche, noch Öl ins Feuer gießende Broschüren gegen die Trotzkisten geschrieben zu haben, argumentierte, er habe geglaubt, ähnlich wie Lenin sich mit dem deutschen Generalstab gegen den Zarismus verbündet habe, hätte nun Trotzki das Bündnis mit Hitler gegen Stalin gesucht.
Als Trotzki ermordet wurde, war der Vertrag zwischen der Sowjetunion und Nazideutschland gerade ein Jahr alt, und nicht Trotzki, sondern Stalin hatte einen Grenz- und Freundschaftsvertrag mit Hitler geschlossen, der die kommunistischen Parteien irreparabel beschädigte und deren antifaschistischen Kampf grundsätzlich behinderte.
Wie Stalin, so setzte – aus völlig anderen Gründen – auch die sowjetische Armeeaufklärung keine großen Hoffnungen auf die Komintern. Als Ernst Fischer gegenüber Georgi Dimitrov darauf bestand, dass seine Frau, gefährdet durch seine Tätigkeit, nicht mehr zu Erkundungen nach Deutschland geschickt werde, sondern wie er bei der Komintern arbeiten solle, antwortete der bei dem Gespräch ebenfalls anwesende Chef der Militäraufklärung, Semjon P. Uritzki, die Arbeit für die Rote Armee sei wichtiger, denn durch sie werde es eines Tages zu Veränderungen in der Welt kommen.
Ruth Fischer fuhr nach Deutschland und Italien. Als sie Ende 1937 von ihrem Auslandseinsatz zurückkam und sich bei ihrer Abteilung melden wollte, waren alle, auch Uritzki, verhaftet worden. Niemand von den Verhafteten hat überlebt. Es wird nie geklärt werden, ob Uritzki Ruth von Mayenburg der Gefahr durch die Gestapo aussetzte, um sie vor den Organen des NKWD zu retten.

Kommunistenjäger

Fast zeitgleich mit dem Grenz- und Freundschaftsvertrag zwischen der UdSSR und Deutschland vom 28.9.1939 wies der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler am 29.9. das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) an, eine «Sonderliste UdSSR» zu erstellen, sie bezog sich auf 5254 Personen, die von den Nazis als besonders gefährlich angesehen wurden. Die Aufenthaltsorte deutscher Emigranten in der UdSSR waren so präzise angegeben, dass Ruth von Mayenburg den Verdacht äußerte, es könne hier eine Zusammenarbeit sowjetischer und deutscher Dienste gegeben haben.
Andererseits tauchten in der Liste, eigentlich ein kleines Buch, Namen von deutschen Kommunisten auf, die von den sowjetischen Organen längst umgebracht worden waren, wie Leo Flieg, Hans Kippenberger, Heinz Neumann und Hermann Remmele. Hier hatte das NKWD der Gestapo die Arbeit abgenommen. Die meisten der prominenten Lux-Bewohner, die sich auf dieser Sonderfahndungsliste befanden, überlebten den stalinistischen Terror. Ruth und Ernst Fischer, die nach Kriegsende sofort nach Österreich zurückkehrten, sagten sich später vom Kommunismus los.
Ruth von Mayenburg hat viele internationale Funktionäre der Komintern gekannt, deshalb sind die vielen Episoden, die sie zu erzählen wusste, auch ein Beitrag zur Geschichte dieser einst weltumspannenden Organisation. 1991, zwei Jahre vor ihrem Tod, reiste sie mit dem bekannten Regisseur Heinrich Breloer erstmals wieder nach Moskau, um ihm bei den Arbeiten an seinem Film Wehner. Die unerzählte Geschichte. Teil 1: Hotel Lux als Zeitzeugin beratend zur Seite zu stehen. Der Neuauflage des erstmals 1978 erschienen Buches sind einige Szenen aus dem Drehbuch dieses Filmes vorangestellt. Im Anhang befinden sich gut elaborierte Kurzbiografien der meisten im Buch vorkommenden Personen.

Werner Abel, Jg. 1934, promovierte zu DDR-Zeiten in Leipzig über Che Guevara, wurde als «Partei- und Staatsfeind» (u.a. wegen «Trotzkismus») aus der SED und der Universität ausgeschlossen, ab 1990 wieder an der TU Chemnitz, bis 2008 am Lehrstuhl «Geschichte der politischen Ideen und Theorie» tätig.


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