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Poststalinistische Eierschalen

Herbert Meißner: Trotzki und der Trotzkismus, Berlin: Verlag Wiljo Heinen, 2011, 190 S., 13,50 Euro

von Paul B. Kleiser

Es gibt keine Figur der modernen Geschichte, die in einem solchen Umfang geschmäht und verleumdet worden ist wie der russische Revolutionär Leo Trotzki. Auch in der Nachkriegszeit erschienen im Ostblock in regelmäßigen Abständen Schriften, die seine Ansichten «widerlegten»; gleichwohl konnte man die «Widerlegungen» nicht überprüfen, da sich Trotzkis Schriften im Giftschrank befanden.
Der frühere Professor der Deutschen Akademie der Wissenschaften der DDR, Herbert Meißner, hat eine «marxistische Analyse» über Trotzki und den Trotzkismus verfasst, in der er sich bemüht, dem großen Revolutionär gerecht zu werden. Allerdings sind die «poststalinistischen Eierschalen» noch vielfach sichtbar.
Aus Platzgründen möchte ich hier nur auf seine Darstellung von Trotzkis Theorie der «permanenten Revolution» eingehen. Bekanntlich stellt die von Stalin nach dem Ableben von Lenin 1924 aufgebrachte «Theorie» vom Sozialismus in einem Land einen Eckpfeiler des Stalinismus dar.
Der erste Teil der Theorie der permanenten Revolution behandelt das «Hinübergleiten» der bürgerlich-demokratischen zur sozialistischen Revolution. Meißner behauptet, «alle namhaften Marxisten der damaligen Zeit» hätten diese Theorie ebenfalls vertreten, weshalb er den Bruch, den Lenins «Aprilthesen» mit ihrer Logik des «Alle Macht den Räten!» (die Meißner verschweigt) in der bolschewistischen Partei hervorrief, nicht versteht. Gleichzeitig hält er gegen Trotzki die Theorie vom Sozialismus in einem Land hoch.
Meißner zitiert Lenin, wonach «der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist» (was Trotzki nie bestritt!), unterschlägt aber, wie Lenin fortfährt: «Das siegreiche Proletariat dieses Landes würde sich nach Enteignung der Kapitalisten … der kapitalistischen Welt entgegenstellen, würde die unterdrückten Klassen der anderen Länder auf seine Seite ziehen, in diesen Ländern den Aufstand gegen die Kapitalisten entfachen und notfalls sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen.» Gleich danach spricht Lenin von der «freien Vereinigung der Nationen im Sozialismus» (LW21: 345f.). Also nix von Sozialismus in einem Land und friedlicher Koexistenz!
Meißner wirft permanent zwei Dinge durcheinander: Natürlich war Trotzki dafür, sofort mit dem Aufbau des Sozialismus zu beginnen und ein umfassendes Industrialisierungsprogramm umzusetzen, auch um die Preisschere zwischen Stadt und Land zu verringern (die Bauern horteten ihr Getreide, weil sie keine vernünftigen Waren aus der Stadt bekamen). Die Linke Opposition trat gegen Stalin und Bucharin seit 1923 für ein solches Programm ein. Die Industrialisierung wurde dann erst ab 1929 mit den Methoden des bürokratischen Despotismus und seinen bekannten Resultaten begonnen.
Aber entscheidend waren für Lenin und Trotzki die Fortschritte der internationalen Revolution, wohingegen Stalin und Konsorten die revolutionären Möglichkeiten in Spanien 1936 – und nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich, Italien und Griechenland – auf dem Altar der Versöhnung mit den Westmächten opferten. Nicht zufällig siegten die Revolutionen in China, Jugoslawien oder Kuba gegen den Willen der Herrscher im Kreml. Tito wurde 1948 «exkommuniziert» und Fidel Castro als «kleinbürgerlicher Abenteurer» verunglimpft.


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