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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2012 |

Über Arbeit in Volker Brauns Erzählung „Die hellen Haufen“

„Die Enkel löffelns besser aus“1

Volker Braun: Die hellen Haufen, Berlin: Suhrkamp Verlag, 2011, 96 S., 14,90 Euro

von Michael Banos

In der Januarausgabe der SoZ gab es einen kleinen, in der Kürze aber sehr trefflichen Buchtipp von Christel Berger zu Volker Brauns neuer Erzählung. „Ein Buch, das mehrmals zu lesen lohnt“, schreibt sie. Richtig, denn alle Seiten des schmalen Bändchen sind auch NACHDENKSEITEN. Und: „Als Philosoph und Lyriker, Chronist und sozialistischer Träumer in einer Person, denkt er über das Wesen und den Sinn von Eigentum nach und über Gewalt, über den Wert von Arbeit sowieso.“
Also: nochmals gelesen und über den Wert von Arbeit nachgedacht, bei Volker Braun nachgelesen.
Volker Brauns Erzählung ist ein Bericht von Niederlagen nach der Wende in der DDR, von der der Bischofferoder Kali-Kumpel und von der eines fiktiven, aufständischen hellen Haufens von Bitterröde. Aber kein Abgesang auf die Kämpfenden, kein Klagen und Gejammer sondern ständiges Hinterfragen, Überlegen, neues Deuten begegnet uns im Text. Die geschilderten Niederlagen – mit Reminiszenzen und Parallelen zum Bauernkrieg und zum Mitteldeutschen Aufstand von 1921 – sind nicht „das Ende der Geschichte“.

„Dieser Abstand mag entsetzen, diese auferlegte Distanz zur eigenen Zeit, die Gelassenheit, mit der man sich anderen freilich vergleichlichen Gegenständen zuwendet. Aber es ist nicht nur das; es geht uns ja nahe. Es ist ein Warnen vor alten Mustern von Abläufen, die ins Nichts führten, und aus denen doch schlagend sichtbar wird, daß Geschichte nicht unausweichlich so laufen mußte. Sie lief aus Gründen so. Verhängnisse, selbst genäht, und ahnbar die Rettung, die immer vorhandene Möglichkeit, uns anders zu entscheiden. Die wahnwitzige Vorführung der fatalen Verläufe ist ja ein intimes Klammern an die heutige Welt, die wir nicht verloren geben.“2

Die zum Kampf,  zum Aufstand bereiten Menschen sammeln sich im Mansfeld: „Das Mansfeld nennt sich nach der roten Lette; sein Name war nicht Gesinnung, sondern die Gewinnung … Sie lebten davon, Berge zu versetzen, nämlich aus der Erde zu haun. Und wirklich sieht man überall Halden und Hohlen, alte, eingesunkene Schlacken und die mächtigen grauen Kippen, in hundert Jahren unter den Himmel geräumt. Eine unnatürliche Landschaft, unideal, wie man sie nebenbei produziert; als hätte der Boden von der Arbeit brodelnd Blasen geschlagen. Wo er ausgeholt war, versetzten die Berge den Glauben…“
Und der Schauplatz der entscheidenden Schlacht?
„Ein halbhohes flaches Plateau (Sargdeckelhalde), über dem sich der weithin sichtbare Kegel erhebt, und ein Vorberg wie eine Vorburg im Acker. Das sind die riesigen Massen tauben Gesteins aus dem Wolfschacht, später Fortschrittschacht, der vor hundert Jahren angehauen und vor dreißig stillgelegt wurde.“
„Wie sie nun auf dem Abraum saßen, war er das Eigenste, Mächtigste, mit dem sie in Zusammenhang waren … Bänsch rechnete: 149 Meter hoch, achteinhalb Millionen Kubik, wovon auf den Kegel sechs Komma sechs entfallen. Dunkelgrau entsprechend der Tönung des Unteren Zechsteins. Es war der Rückstand, den sie hinterlassen hatten. Der Beleg, den sie vorweisen konnten, ein Monument ihrer Mühe und Maloche, der Verbohrtheit in den Berg und die Beute. Bis 572 Meter Tiefe war der Abbau vorgedrungen am Füllort der 7.Sohle. Der Arsch über dem Pumpensumpf. Schälschrapperstrebabbau. Sie hockten auf dem finsteren Exkrement, dem giftigen Schutt, dem Rest ihres Daseins, das nicht zu verteidigen war. Einem Besitz, den sie nicht besessen hatten; einem Leben, für das man das eigene nicht in die Schanze schlägt. Sie selber der Abraum, ausgeworfen, abgetan, ein Menschenmüll, schieferfarben, indem sie nun selbst auf der Halde lagen.“
Das also war ihr Werk, Produkt ihrer Tätigkeit, ihrer Arbeit: das Arbeitszeugnis. Und nun einfach fordern, wir wollen weiter Arbeit, Arbeit, weiter produzieren? Nein, das ist kein Leben, „für das man das eigene in die Schanze schlägt“.
Viele Faktoren spielen für die Niederlage der Aufständischen eine Rolle, Gewalt, polizeiliche, militärische Übermacht, Isoliertheit. Aber eben auch diese Skepsis, das Unbehagen nicht einfach altes wieder haben, wiederholen zu wollen – auch die alte Arbeit.
Das Sujet Arbeit durchzieht das Werk von Volker Braun. So hat er sich zum Arbeitsbegriff auf dem X.Schriftstellerkongress der DDR 1987 geäußert:
„Wir können aber nicht unsere Verhältnisse verlassen, ohne sie zu ändern. Wir werden die Maschine, die sich weltweit so gigantisch verselbständigt, nicht wieder von uns abhängig machen, indem wir aussteigen; sie würde, mit dem Rest ihrer Energie, den Krieg in der Natur zu Ende führen. Die Arbeit hat den Menschen gemacht, nur andere Arbeit macht ihn anders und wird ihn aus dem rohen Zustand reißen.“3
„Das Nichtgelebte ist das», so Volker Braun an anderer Stelle, „wovon man nicht loskommt, was man nicht vergessen kann, weil es nicht geleistet wurde.“
Aber was ist das, wo ist es formuliert, ausgeführt?
Und nochmal Volker Braun: „Wir haben aber in neuerer Zeit verlernt, ein notwendiges Bedürfnis der Masse, nur weil es sich noch nicht artikuliert, überhaupt für möglich zu halten.“

Die befreite Arbeit:
Als in den frühen 80er Jahren Theorien vom Verschwinden der Arbeit, das für viele Menschen bittere Realität geworden ist, von neuen „Wegen ins Paradies“ sprachen, konnte man glauben, das „Reich der Notwendigkeit“ wäre bald nur noch eine Marginalie, das „Reich der Freiheit“ nahe. Dazu nahm Volker Braun Stellung:
„»das reich der freiheit beginnt in der tat erst da«, schrieb marx: jenseits der materiellen produktion. soll das heißen, daß die befreiung auch erst jenseits dieser sphäre zu suchen ist? die neuen philosophen sind hier mit dem herrschenden sozialismus einer meinung. aber deshalb, weil etwas notwendig ist, muß es nicht notwendig knechtend sein. wovon wir uns nicht befreien können, darin eben müssen wir frei sein. dem reich der notwendigkeit ist nicht nur raum und zeit einzuschränken, es ist ihm auch eine verfassung (eine produktionsweise) zu geben, in der »gemeinschaftliche kontrolle« und die der »menschlichen natur würdigsten bedingungen« keine phrase bleiben. es sei denn, man wolle die misere mit würde ertragen. die befreiung der arbeiterklasse findet im reich der notwendigkeit statt.“
Und:
„die freie assoziation ist der verein von produzenten, nicht von »autonomen« wesen.“4
Diese Freiheit ist als Ahnung in den Mansfelder Artikeln erkennbar. Erstritten, gelebt wurde sie noch nicht. Die Befreiung der Sphäre der Arbeit steht noch aus. Diese kluge Erzählung, u.a. über Arbeit, bestätigt die alte Aussage des Dichters: „die Arbeit / sie hat es in sich, ein zweischneidiges Schwert / Entwicklung und Verwüstung“.5
Also genug Stoff zum Lesen in dem kleinen, wichtigen Bändchen, dessen Lektüre wir gern ein, auch von Volker Braun schon mal benutztes Brecht-Wort mitgeben wollen:
„Vergiß nicht, dies sind die Jahre
Wo es nicht gilt zu siegen, sondern
Die Niederlagen zu erfechten.“
Aber natürlich am besten, am liebsten im Buch.

Michael Banos
ist Schriftsetzer, lebt als glücklich-parteiloser Kommunist in Dortmund.

1. Aus Volker Braun: Der Wendehals oder Trotzdestonichts, 1995
2. Volker Braun in einem Interview mit Hans Kaufmann, 1985
3. Bericht vom Plenum des Schriftstellerkongresses der DDR, Diskussion am 24.November 1987, Berlin/Weimar 1988
4. Volker Braun: Werktage – Arbeitsbuch 1977–89, S.454, 455
5. Volker Braun: Leipziger Vorlesung, Halle 1993


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