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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2012 |

Hans Rudolf Vaget, Thomas Mann, der Amerikaner

Frankfurt: Fischer, 2011, 545 S., 24,95 Euro
von Peter Fisch

Vom Cover der Studie von Vaget blickt uns der fast 70-jährige «Doyen des antifaschistischen deutschen Exils», Thomas Mann, an. Offensichtlich wurde das Foto im Garten seines Wohnhauses in Pacific Palisades am San Remo Drive, inmitten der «seven palms», aufgenommen. Es zeigt uns den Thomas Mann, wie wir ihn kennen, ganz seiner Rolle bewusst und entsprechend stilvoll gekleidet.

Es gilt jedoch als sicher, und seine umfangreichen Tagebücher sagen viel darüber aus: Diese Rolle war in seinen 14 Exiljahren nicht leicht zu erfüllen, verschaffte ihm aber auch Genugtuung und die von ihm gewünschte gesellschaftliche Anerkennung. Denn es gibt keinen Zweifel darüber, dass er der bekannteste und repräsentativste Vertreter, ja, der geistige Kopf des anderen, besseren Deutschlands war.

Dennoch, und auch das verrät das Tagebuch, war die Last sehr oft schwer, die zu tragen war: Zwistigkeiten und innere Zerrissenheit, die ausgedehnten Vortragsreisen, die Diskussionen danach, ein umfangreicher Briefwechsel, Empfänge und Besuche, all das neben der «üblichen Arbeit» als Schriftsteller, vor allem am «Josephus-Stoff» und am Faustus. Das skizzierte Arbeitspensum führte ihn zu US-Präsident F.D.Roosevelt, den er hoch verehrte und in dessen Wirken er die Voraussetzung für einen Sieg über Nazideutschland sah.

Zweimal wurden Thomas und Katia Mann im Weißen Haus vom Präsidenten empfangen. Seine Vorträge füllten die Vortragssäle der US-Universitäten und die von Hollywood. Er suchte den Kontakt zu den intellektuellen Exilantenkreisen, sprach in 58 Radiosendungen im Auftrag der BBC London zu den Deutschen (1940–1945), gab zahllose Interviews und Erklärungen, die alle ein einziges Ziel hatten: mitzutun, mit allen ihm zur Verfügung stehen Kräften, am Sieg über das Hitlerregime.

Sein Hoffen, Bangen und Wirken galt zunächst dem Kriegseintritt der USA, dann dem vollständigen Sieg der Armeen und Staaten der Antihitlerkoalition, verbunden auch mit der Rechtfertigung des strategischen Bombenkrieges der Alliierten gegen Nazideutschland, selbst dann, als es seine Geburtsstadt Lübeck betraf, freilich immer zugleich hoffend, dass die Deutschen selbst die Kraft aufbringen, dieses Regime des Verbrechens aus eigener Kraft zu stürzen. Seine Kinder Erika, Golo und Klaus dienten in der US-Armee. Von sechs amerikanischen Universitäten erhielt er die Ehrendoktorwürde, u.a. von der Harvard und der Princeton University. Schließlich wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

Ehre und Härte

Hans R. Vaget hat mit seiner 600-Seiten-Studie, trotz der schier unübersehbaren Thomas-Mann-Literatur, eine einzigartige Leistung vollbracht. Der Verfasser erklärt überzeugend die innere Entwicklung Thomas Manns in direktem Zusammenhang mit seinem umfangreichen öffentlichen Wirken in der amerikanischen Gesellschaft. Seine bis ins Detail gehende Sachorientiertheit führt zu neuen Erkenntnissen und Denkanstössen beim Leser. Vaget vermutet nicht, er beweist faktenreich. Häufige innere Reflexionen oder psychoanalytische Ansätze sucht der Leser in der Studie vergebens. Ein Mangel ist das nicht.

Freilich gibt es auch für Thomas Mann fördernde, glückliche Umstände, die ihn zum Repräsentanten des antifaschistischen deutschen Exils machen. Zwei Personen sind es vor allem: der Journalist Hendrik Willem Van Loon, der die Audienzen von Thomas und Katia Mann bei Roosevelt in die Wege leitete, und Agnes E. Meyers. Letztere vermittelte die hochdotierte Ehrenprofessur in Princeton und die ebenso einträgliche Position in der US-Nationalbibliothek. Ihr Ehemann war Besitzer der Washington Post, während sie selbst Thomas Manns Bücher rezensierte, übersetzte und zudem wichtige Gesprächspartnerin für ihn war.

Vaget macht deutlich, wie Thomas Mann rigoros die Politik Roosevelts vertrat und auch gegen Angriffe verteidigte. Das ist die eine Sache, die andere, dass das seiner Selbststilisierung half. Der Verfasser der Studie verschweigt nicht, dass er ein privilegiertes Exildasein hatte – ohne Geldsorgen, versehen mit vielfachen Ehrungen und hohem gesellschaftliche Ansehen.

Er verschweigt aber auch nicht, dass sein inneres Verhältnis zum Emigrantentum Fragen aufwirft oder manchmal fragwürdig erscheint, wenn man z.B. zur Kenntnis nehmen muss, wie ungerührt-teilnahmslos er den Selbstmord Stefan Zweigs und seiner Ehefrau (in Brasilien) aufnahm.

Doch das macht nicht das politische Erbe des «Kaisers» der deutschen Emigration aus (Ludwig Marcuse). Dieses wird literarisch in seinem Jahrhundertroman, dem Faustus, deutlich. Thomas Mann kam als Antifaschist in die USA, durchlief zugleich aber einen weiteren politischen Reifeprozess. Auf jeden Fall dürfte Joachim Fests Buch Die unwissenden Magier (Thomas und Heinrich Mann) endgültig und gründlich widerlegt sein. Wie auch Reich-Ranicki hatte der Verfasser der Hitler-Biografie behauptet, dass die Brüder Mann kein angemessenes, sondern ein verqueres, verstörtes Verhältnis zum Politischen gehabt hätten. In Wirklichkeit ging es ihm wohl hauptsächlich um den Angriff auf ihren Antifaschismus, ihre Humanitätsauffassung.

Der Autor ist Historiker.

 


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