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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2012 |

Michel Hazavanicius, The Artist

Frankreich 2011
von Angela Huemer

Schon bei der Titelsequenz, den «opening titles», merkt man, dass man hier nicht nur einen Film sieht, sondern eine Zeitreise unternimmt. Ein Stummfilm, kein Dialog, nur schwarz-weiß und noch dazu kein Breitband-Format, an das wir uns mittlerweile nicht nur im Kino gewöhnt haben. Kann das gut gehen?

Regisseur Michel Hazavanicius hat lange darum gekämpft, diesen Film zu machen. Und das Risiko ging wohl auch wider sein Erwarten voll auf. Seitdem der Film in Cannes Premiere hatte, räumt er Preise ab, nun hat er auch die noch immer wichtigsten Filmpreise gewonnen: fünf Oscars – bester Film, beste Regie, bester männlicher Hauptdarsteller (Jean Dujardin), beste originale Filmmusik, beste Kostüme.

Stummfilm, also kein Dialog, nur Musik, ist das nicht langweilig? Wo wir uns doch so daran gewöhnt haben, uns alles doppelt und dreifach von redundanten Dialogen, und wenn es sich um Fernsehformate handelt auch noch von unsichtbaren Sprechern, erklären zu lassen. Hazavanicius hat die Filme der 20er Jahre genau studiert, und gleich werden wir daran erinnert, dass «stumm» nicht nur kein Dialog bedeutet, sondern auch keine Geräusche. Die Wirkung ist einzigartig, man taucht tatsächlich in eine ganz eigene Welt ein.

Doch worum geht es im Film? George Valentin, ein berühmter Schauspieler, beobachtet hinter der Leinwand eines Lichtspieltheaters (das Wort Kino wäre hier nahezu banal) die letzten Szenen seines Films. Er spielt einen Gangster, der sich mit Hilfe seines Hundes in letzter Minute befreit. Dann, nach der Vorführung, brüskiert er seinen weiblichen Co-Star, indem er dem Hund, Jack, der auch privat sein Hund ist, den Vortritt lässt. Es ist das Jahr 1927, das Jahr, in dem der erste kommerziell erfolgreiche Tonfilm auf den Markt kommt.

Eines Tages zeigt Al Zimmer, George Valentins Produzent, seinem wichtigsten Schauspieler etwas Neues im Vorführraum des Studiogeländes, einen Tonfilm. Ein Mikrofon hängt noch ziemlich sichtbar über der Schauspielerin, und George Valentin verlässt kopfschüttelnd den Raum, das kann doch wohl nicht ernsthaft die Zukunft sein. Er kommt zurück in die Garderobe, trinkt einen Schluck, und plötzlich ist da ein Geräusch, als er das Glas auf den Tisch stellt. Er wiederholt die Geste, und da ist schon wieder dieses Geräusch. Kurz darauf dringt Lärm von draußen rein, er öffnet die Tür und sieht, wie ein lachendes Showgirl die Studiostraße entlang geht, rasch umringt von mehreren Mädchen, alle laut lachend.

Er wacht auf, es war ein Albtraum. Und er lässt sich nicht beirren: Kündigt seinem Produzenten und macht einen eigenen Film, «Tears of Love». Nun ist er selber Produzent und Regisseur und stellt einen Scheck nach dem anderen aus, als sich die Dreharbeiten hinziehen. Es ist das Jahr 1929. Börsencrash. Und George Valentin ist pleite – außer, aber das erwartet zu diesem Zeitpunkt nicht einmal er selbst, sein Film hat Erfolg. Mehr soll zur Handlung nicht verraten werden. Außer dass es melodramatisch ist und auch eine Liebesgeschichte nicht fehlt. Stumm ist er natürlich nicht, der Film, denn da gibt es ja noch Musik von Ludovic Bourse, die ebenso zu Recht alle großen Preise gewonnen hat.

Ein Darsteller, der dem Film so recht das «Stummfilmflair» verleiht, der Jack-Russell-Terrier Uggie, soll nicht unerwähnt bleiben. Zu Recht gibt es spätestens seit Dezember eine aktive Fangemeinde, die dafür kämpfte, dass auch Uggie für den Oscar nominiert wird. Uggies Anfang war schwer, zweimal wurde er verstoßen, weil er als zu wild empfunden wurde. Einen Preis hat auch er bekommen: den Palm Dog Award in Cannes. Auch dieser Preis ist mehr als gerechtfertigt.

Bleibt nur zu hoffen, dass nun aufgrund des Oscar-Gewinns der Film länger in den Kinos zu sehen sein wird, denn dort sollte er auch gesehen werden.


 


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