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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2012 |

Reicher werden mit Schnäppchen

Linke Stadtplanung im Duisburger Armenviertel
von Angela Klein

Der geplante Bau eines Factory Outlet Center spaltet die Duisburger Linkspartei.

Ein Factory Outlet Center (FOC) ist ein Einkaufszentrum, in dem Markenhersteller unverkaufte Ware aus vergangenen Kollektionen mit bedeutenden Abschlägen anbieten. Bekleidung dominiert, es werden aber auch Schmuck, Kosmetikartikel und Haushaltswaren angeboten. Der Name heißt übersetzt eigentlich: Fabrikverkauf, das aber ist irreführend: Weder wird ab Fabrik verkauft, noch wird reguläre Ware verkauft, sondern Reste zum Schnäppchenpreis – im besten Fall, denn es gibt auch Hinweise die sagen: Die Schnäppchen sind Billigware, die eigens für diesen Verkauf hergestellt werden.

Ein solches FOC soll laut Beschluss der Mehrheit im Duisburger Stadtrat (SPD, Grüne, LINKE) vom 17.10.2011 im Norden der Stadt zwischen den beiden Armen-Stadtteilen Hamborn und Marxloh gebaut werden. In der BRD gibt es bislang sechs Standorte für FOCs, darunter die Autostädte Ingolstadt und Wolfsburg sowie Zweibrücken, das über einen Flughafen für TUIFly und Germanwings verfügt. Spitzenreiter sind in Europa Großbritannien mit 41, Italien und Frankreich mit jeweils 19, die Türkei mit 18, Spanien mit 15 FOCs.

Ein Stück Amerikanisierung

Das Problematische am Konzept des FOC wie an allen Einkaufszentren ist ihre Größe, ihr Verdrängungseffekt, der Verkehr, den sie generieren, und ihr Beitrag zur Verödung der Innenstädte. «Der Standort für ein FOC-Projekt wird in der Regel so gewählt, dass ca. 3 Millionen Einwohner innerhalb einer Pkw-Fahrzeit von einer Stunde wohnen», schreibt die Faz vom 10.2.2012. Ein großer Parkplatz ist Voraussetzung, auch Flughafenanbindung ist von Vorteil, denn die Kunden kommen nicht nur aus der Region: «Neben den Anwohnern im Umkreis von 90 Minuten zielt [der Standort Ingolstadt] auch auf die Skandinavier, die auf dem Weg nach Süden durch Deutschland fahren, sowie auf Touristen aus China, Russland und den Golfstaaten», schreibt die Faz weiter. Das Duisburger FOC würde nach Düsseldorf und Mönchengladbach, vor allem aber in die Niederlande ausstrahlen, von dort wird die meiste Kundschaft erwartet: Im Umkreis von 1 Stunde Fahrzeit leben mehr als 13,5 Millionen potenzielle Kunden.

Der deutsche «Rückstand» beim Ausbau von FOCs liegt an der Ausrichtung der (bisherigen) deutschen Raumordnungsplanung auf Förderung der Innenstädte: Bislang sind die meisten Projekte daran gescheitert. Da in Deutschland aber noch viel Kaufkraft vermutet wird, sollen die Dämme nun auch hierzulande gebrochen werden: Drei weitere FOCs sind konkret in Planung: Soltau, Remscheid und eben Duisburg, insgesamt soll die Zahl in den kommenden Jahren auf 20 steigen.

Der Duisburger Rat befasst sich seit 2007 mit der Angelegenheit. Ursprünglich sollte das FOC auf 15.000 m2 (1,5 Hektar) gebaut werden, im vergangenen Herbst hat der Investor den Antrag jedoch «überraschend» auf 25.000 m2 erweitert – und von der Ratsmehrheit bewilligt bekommen. Das FOC soll bis 2017 in drei Stufen mit 100 Geschäften und 2500 Parkplätzen realisiert werden.

Auf dem zusätzlichen Gelände steht jedoch eine Wohnsiedlung, die in den 60er Jahren vom Architekten Max Taut gebaut wurde und 400 Wohnungen für 1000 Personen bietet. Die sollen jetzt weichen – und auf einmal ist Leben in der Bude: Der Kreisverband der LINKEN, der bislang keine nennenswerten Einwände gegen das FOC hatte, schlägt sich auf einmal auf die Seite der Mieter, in der Siedlung hat sich eine Bürgerinitiative gebildet…

Einwände

Die fundiertesten Einwände gegen das FOC kamen bisher von der IHK (hinter der auch die Warenhäuser der Innenstadt und der Einzelhandelsverband stehen), dem Deutschen Werkbund und dem Geschichtskreis. Die IHK führt in ihrem Gutachten vom Juni 2010 mehrere Gründe auf, weshalb sie das FOC rundheraus ablehnt:

– neben der Innenstadt würde damit ein neues Hauptzentrum Hamborn/ Marxloh geschaffen, dessen zwei, von mehreren hundert Metern Ausfallstraße voneinander getrennte Stadtteilzentren auch durch ein FOC nicht verbunden werden könnten; die erforderlichen Maßstäbe für ein Oberzentrum würden damit nicht erfüllt;

– der Plan mache dem vom Rat beschlossenen und in Umsetzung begriffenen Masterplan zur Neuaufstellung der Duisburger Innenstadt Konkurrenz;

– die abzusehenden Umsatzrückgänge in den nördlich umliegenden Stadtteilen und Ortschaften würden nicht berücksichtigt.

Dass hochspezialisierte Megaverkaufsflächen den Einzelhandel in der Innenstadt oder im Zentrum von Stadtteilen kaputt machen, ist bekannt. Bei Projekten wie dem FOC kommt erschwerend hinzu, dass die enormen Verkehrsströme – fast ausschließlich Pkw-, Lkw- und Busverkehr – die täglich, vor allem jedoch am Wochenende, zu bewältigen sind, jeden Gedanken an so etwas wie die Entwicklung einer lebenswerten Umgebung für die ansässige Bevölkerung im Keim ersticken: Heuschreckenartig fallen Menschenmassen tagsüber ein, die abends wieder ausgespuckt werden, mit den umliegenden Stadtteilen haben diese Bewegungen nichts zu tun, sie bleiben Fremdkörper, kein Kunde wird sich nach der Einkaufsstrapaze in den Hamborner Ratskeller oder auf den Marktplatz verirren, um sich dort noch ein Bier zu genehmigen.

Das US-amerikanische Konzept des Drive-in-Einkaufs, das hier Vorbild ist, kümmert sich um solche Fragen nicht, dort ist alles der Pkw-Mobilität untergeordnet und so etwas wie Innenstädte gibt es vielfach überhaupt nicht. Allerdings gibt es in Duisburg  bislang angeblich aber nicht einmal eine Untersuchung, ob eine angemessene Erschließung für den Pkw- und Lkw-Verkehr überhaupt möglich ist.

Ein Import solcher Konzepte nach Europa bedeutet ein Ja zu mehr Autoverkehr, mehr Zersiedelung, mehr Flächenversiegelung, noch mehr «Unwirtlichkeit unserer Städte». Für eine linke Ratsfraktion, die ansonsten in Umweltangelegenheiten sehr rührig ist, ist das eine erstaunliche Wendung.

Die Sache mit den Arbeitsplätzen

Die verteidigt sich mit dem Arbeitsplatzargument. Das FOC verspricht 800 Arbeitsplätze – brutto. Wieviele es netto werden, wenn man die abzieht, die in den umliegenden Stadtteilen und Ortschaften wegfallen, well dort der Einzelhandel weiter einbricht, wurde, so scheint es, ebenfalls noch nicht ermittelt. Die Geschichtswerkstatt unkt: Es werden höchstens 50, dazu schlecht bezahlt.

In einem Positionspapier vom 9.1.2011 schreibt die Ratsfraktion dazu: «Natürlich übersehen wir nicht, dass ein FOC einen Umverteilungseffekt hinsichtlich Kaufkraft und Umsatz bewirkt. Für Duisburg ist dies auch weiterhin dringend nötig – nach vielen Jahren massiven Kaufkraftabflusses nach Düsseldorf, Essen, Mülheim, Oberhausen (CentrO) usw. in einer Größenordnung, wie sie der gesamte Duisburger Innenstadtumsatz ausmacht (rd. 350 Mio. Euro) und entsprechenden Steuerverlusten für die Stadtkasse.» Mit dem FOC soll die Kaufkraft wieder in Duisburg bleiben – und wird dafür aus den Städten und Gemeinden im Umkreis abgezogen, wie die Arbeitsplätze auch. Solcherart Ansatz «Entwicklung durch Konkurrenz» hat in der LINKEN eigentlich nichts verloren.

Eigene Ansätze für eine Stadtplanung, die vom Auto wegführt und eine Gewerbeansiedlung fördert, die tatsächlich neue Arbeitsplätze, neues Wohnumfeld und kulturellen Austausch bringen, lässt diese Position völlig vermissen. Der Gelsenkirchener Stadtplaner und Mitglied der LINKEN, Tomas Grohé, äußert dazu in einer Mail an die Autorin: «Die demographische Entwicklung der nächsten Jahrzehnte wird dazu führen, dass immer mehr Menschen nicht mehr mit dem Auto werden einkaufen können, sondern auf einen Rollator angewiesen sind. Die ‹Stadt der kurzen Wege› wird wieder brennend aktuell und solche FOC werden kaum noch von Interesse sein – im Gegenteil: Einmal gebaut, blockieren sie für lange Zeit möglicherweise Flächen für eine dezentralere klimagerechtere durchgrünte Siedlungsentwicklung mit integrierter Versorgungs- und Mobilitätsstruktur.»

Kriterien für Stadtplanung

Der größte Stein des Anstoßes ist zweifellos die Wohnsiedlung Am Zinkhüttenplatz. Die Bauten aus der Mitte der 50er Jahre entsprechen energetisch nicht mehr heutigen Standards und sind auch sonst sanierungsbedürftig. Es scheint aber auch unumstritten zu sein, dass sie sanierungsfähig sind – und nach allem, was man über die Siedlung in Erfahrung bringen kann, scheint sie wert, erhalten zu werden. Mit 55–65 m2 haben die Wohnungen eine Größe, die für alte Menschen bewältigbar ist. Der Bau ist mit dem Namen Max Taut verbunden und, wie das Hansa-Viertel in Berlin, nach den Vorstellungen der klassischen Moderne entworfen.

Max Taut ist einer von Deutschlands renommiertesten Architekten des 20.Jahrhunderts; er war in den 20er Jahren Mitglied avantgardistischer Architektenvereinigungen und hat sich vor allem durch die Verbindung von Wohnen und Landschaft einen Namen gemacht. In der Berliner Architektur hat er bleibende Spuren hinterlassen, so mit dem Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker in der Dudenstraße, das lange Jahre Sitz der IG Medien war. Er war aktives Mitglied im Werkbund, eine Vereinigung von Künstlern, Architekten, Unternehmern und Sachverständigen, die Anfang des 20.Jahrhunderts einen Neuanfang in der Architektur und die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk anstrebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er an der Universität der Künste in Berlin eine neue Architekturschule.

«Max Taut ist einer der ‹Unsterblichen›», schreibt Prof. Roland Günter, der heutige Vorsitzender des Deutschen Werkbund, «in Frankreich und in anderen Ländern würde er hoch geehrt. Das Viertel steht zu Recht auf der Denkmäler-Liste. Wie kann sich kultureller Reichtum in Stadt und Region bilden, wenn ein solches Kulturgut abgerissen wird? Und an die Stelle von Max Taut ein Outlet gesetzt wird?» In Berlin-Lichtenberg gibt es seit Oktober 2008 eine Max-Taut-Schule, und in Duisburg reißt man seine Siedlung ab? «Es zu zerstören, ist Zynismus gegenüber dem Gedächtnis und erneute Barbarei.»

Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, welche Kriterien eine menschennahe Stadtplanung und Bauweise erfüllen muss, dann kommt man auf so Begriffe wie Licht, Grün, Platz, kurze Wege, Entschleunigung, Ruheräume. Zukunftsgewandte Konzepte der Stadtentwicklung müssten an diese Vorgaben der klassischen Moderne anknüpfen. Gerade für eine schrumpfende Stadt wie Duisburg und einen «abgehängten Stadtteil» wie Hamborn ist so ein Kulturgut ein unschätzbares Pfund, mit dem die Stadt wuchern sollte. So eine Siedlung hat, wenn sie in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt wird, eine «Seele», sie entfaltet Ausstrahlung, kann Ausgangspunkt für die Entwicklung von Lebensqualität sein.

Die LINKE würde gewinnen, wenn sie den sinnstiftenden Gehalt solcher Güter erkennen würde und der Kulturvergessenheit der Stadtherren andere Vorstellungen von Lebensqualität entgegensetzte als die Schnäppchenjagd im Outlet-Center.


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