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Energiedebatte in Polen

Atomkraftwerke und Schiefergas sollen Wunder bewirken

von Dariusz Zalega

Die Energiefrage ist eine zutiefst politische Frage. Dies zeigen in Polen die Diskussionen, die zum Thema des Baus von Atomkraftwerken oder der Gewinnung von Schiefergas, geführt werden.

Die polnische Regierung schlägt Alarm: Polen fehlt Energie. Strom könnte in drei bis vier Jahren knapp werden, weil 40% der Kohlekraftwerke schon überaltert sind, meinen Experten. Die Kohle genießt bei den Politikern kein Ansehen (auch, weil die Bergleute innerhalb der Arbeiterklasse eine geschlossene Formation bilden). Die Möglichkeiten der Gewinnung erneuerbarer Energien sind weiterhin schlecht und reichen nicht aus. Also sucht man nach Wundern und kam auf die Idee, Atomkraftwerke zu bauen und Schiefergas zu gewinnen.

Vor drei Jahren hat Ministerpräsident Donald Tusk den Bau von zwei Atomkraftwerken angekündigt. Damals haben etwa 50% der Bevölkerung dies unterstützt, einige Jahre zuvor waren noch 70% dagegen gewesen. Die Katastrophe im japanischen Fukushima zerstörte jedoch den Mythos, dass die modernen Atomanlagen sicher wären. Bei einem Referendum in der Gemeinde Mielno, wo das Atomkraftwerk gebaut werden soll, sprachen sich 94% der Einwohner dagegen aus.

Auch Ökologen protestieren und werfen der Regierung vor, die örtlichen Behörden und Anwohner nicht eingebunden zu haben – eine Ortschaft haben sie gar vergessen zu informieren –, außerdem seien die Termine unrealistisch und Atomkraftwerke nicht hundertprozentig sicher.

In ihrer Erklärung zum Referendum von Mielno heißt es: «Wir verstehen nicht, warum wir 120 Milliarden, vielleicht sogar 240 Milliarden Zloty für zwei Betriebe zahlen sollen, die Strom erzeugen. Für die Hälfte dieser Summe könnten wir 30% der Energie zurückgewinnen, die uns durch veraltete Stromnetze verloren gehen. Für die zweite Hälfte des Geldes könnten wir 600 kleine Wasserkraftwerke – für 100 Millionen Zloty pro Stück – sowie eintausend andere erneuerbare Energieerzeuger bauen; damit hätten wir eine saubere Energie und für die nächsten 100 Jahre wäre unsere Wasserversorgung durch Grund- und Oberflächenwasser gewährleistet.»

Das Institut für Ökologische Entwicklung hat ebenfalls eine sehr kritische Haltung gegenüber den Plänen der Regierung eingenommen: «Wir halten es für leichtfertig, die Problematik der atomaren Abfälle auf die leichte Schulter zu nehmen … Das polnische Atomenergieprogramm ist nicht in der Lage, brennende Probleme wie die Deckung des Energiebedarfs nach 2015 oder die Anforderungen des Energie-Klima-Programms bis 2020 zu lösen. Gleichzeitig sind die aufgeführten Kosten für Investition und Betrieb undurchsichtig.»

Das Atomprogramm

Die Regierung hat angekündigt, 18 Millionen Zloty für eine Kampagne ausgeben zu wollen, die die Gesellschaft überzeugen soll, Atomkraftwerke zu bauen. Bei dieser Gelegenheit wurde öffentlich, dass eine der beauftragten Firmen gleichzeitig ein Investitionspapier erarbeitet hat. Das ist nur die Spitze des Eisbergs, hieran zeigt sich die ganze Undurchschaubarkeit und der leichtfertige Umgang mit öffentlichen Geldern bei der Durchführung des polnischen Atomenergieprogramms.

Das erste Atomkraftwerk mit einer Leistung von 3000 MW sollte vor Ende 2020 in Betrieb gehen. Tusk meinte: «Das schaffen wir!» Aber jetzt schon zeigt sich, dass das erste Atomkraftwerk frühestens 2025 in Betrieb gehen kann, das zweite erst 2029, wie der Investor «Polnische Energie Gruppe» bekennen musste.

Nach Auffassung von Prof. Andrzej Strupczewski vom Institut für Atomenergie werden die gesamten Kosten für den ersten Block des Atomkraftwerks 4,68 Milliarden Zloty je 1000 MW betragen. Allerdings werden bei Diskussionen zu diesem Thema weitaus höhere Kosten genannt, Kosten, die die Schulden der öffentlichen Hand nach oben treiben.

Die verschiedenen linken Kräfte in Polen – angefangen bei den Sozialdemokraten, über die Palikot-Bewegung bis hin zur Polnischen Partei der Arbeit sprechen sich für ein Referendum in dieser Frage aus, allerdings ohne sich groß dafür zu engagieren. Schlimmer noch, unter der radikalen Linken gibt es eine starke Gruppe, die das «saubere» Atomprogramm unterstützt. Daher ist es verständlich, dass die ökologischen Bewegungen hier besonders aktiv geworden sind.

Den größten Anlass zu Hoffnungen gibt jedoch der Widerstand der Menschen, in deren Umfeld die Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Erinnert sei daran, dass bereits 1982 durch solch einen Widerstand von unten der Bau von Atomkraftwerken in Zarnowiec und Klempicz in Pommern verhindert wurde.

Schiefergas – die neue Unbekannte

Die größte Gefahr für das Atomprogramm der Regierung geht jedoch vom ebenfalls umstrittenen Schiefergas aus, für dessen Gewinnung es erste Pläne geben soll. Plötzlich träumen Politiker und Journalisten davon, Polen könne zu einem Kuwait des Schiefergases werden.

Alles begann im April 2011, als die amerikanische Energieagentur EIA (US Energy Information Administration) bekannt gab, in Polen würden 5,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas lagern, die gewonnen werden könnten. Dies wäre das größte Vorkommen in ganz Europa. Diese Menge würde nach Auffassung der EIA den Bedarf Polens für die nächsten 300 Jahre decken.

Die Medien veröffentlichen Artikel, die nachweisen wollen, dass Ökologen sich mit Gazprom gegen die Förderung von Schiefergas verbünden. «Klar Deutschland, Frankreich, Russland liegt nichts daran, dass sich in Polen die Gewinnung von Schiefergas entwickelt», meint RA Mikolaj Goss, der die Förderfirmen in Polen vertritt.

Verdeckt seien Firmen tätig, die eine Lobby für den Vorrang für russisches Erdgas bildeten, meint der polnische Europaabgeordnete Jacek Saryusz-Wolski, dem Ambitionen auf ein Staatsamt nachgesagt werden. Die wirtschaftsliberale Regierungspartei Bürgerplattform tritt in Brüssel sehr für Schiefergas ein, damit die Kommission keine negativen Entscheidungen fällt.

Polen möchte eine führende Rolle bei der Gewinnung von Schiefergas einnehmen. In den kommenden zwei bis drei Jahren sollen etwa 200 Bohrungen durchgeführt werden. Dies wäre nach Auffassung von Pawel Poprawa vom Staatlichen Geologischen Institut ein «Labor der Erfahrungen» für ganz Europa. Die Befürworter des Projekts könnten aber einen kräftigen Dämpfer erhalten, wenn am 21.März der Bericht dieses Instituts veröffentlicht wird. Institutschef Jerzy Nawrocki hat bereits darauf hingewiesen, die Vorkommen seien weitaus geringer, als die Amerikaner vorausgesagt hätten.

Risiken und Kosten

Regierung und Medien werfen den Gegnern der Schiefergasförderung Naivität vor, obwohl es viele technische Unklarheiten in Bezug auf die Gewinnung dieses Gases gibt. Das amerikanische Internetportal oilprice.com, dem ökologische Neigungen nicht nachgesagt werden können, hat auf einige Probleme aufmerksam gemacht: Im Vergleich zu den USA sei Europa viel dichter besiedelt und die europäischen Vorkommen lagerten sich in größerer Tiefe als in den USA – dies wiederum würde bedeuten, dass viel mehr Wasser zur Förderung benötigt wird.

Zudem gibt es keine polnische oder europäische Firma, die technologisch in der Lage wäre, das Gas zu fördern. Die polnische Firma PGNiG nutzt die Technologie der US-Firma Halliburton. Polen ist also auch finanziell nicht in der Lage, das Projekt zu stemmen, denn die hohen Kosten für Lizenzen amerikanischer Firmen kann die Regierung nicht tragen. Das bedeutet, dass die Gewinnung des Schiefergases den Amerikanern überlassen werden müsste, etwa dem Konzern Chevron, der auch schon in Rumänien und Bulgarien tätig ist. Polen hat bisher 100 Konzessionen für Probebohrungen vergeben.

Die damit verbundenen Kosten sind enorm: 50–100 Millionen Zloty für eine Konzession, dazu 50 Millionen für jedes Bohrloch. Sobald Gas gefunden wird, fallen gigantische Kosten für Infrastruktur an: Gasleitungen, Abfallentsorgung, Wasserversorgung. Allein der Wasserbedarf ist sehr hoch: Für ein Bohrloch werden 7,5–11,3 Millionen Liter Wasser und 450–680 Tonnen Sand gebraucht. (Zum Vergleich: Ein olympiataugliches Schwimmbecken benötigt 2,25 Millionen Liter Wasser.) Um genügend Gas zu gewinnen wären viele Bohrlöcher notwendig (in den USA gibt es bereits 35000). Bis zur effektiven Nutzung des Gases ist dann noch ein weiter Weg, es müssen Kraftwerke und Vorratsspeicher gebaut werden.

Im Juli 2011 warnte die New York Times vor dem «Schiefer-Fieber», nachdem sie Zugang zu Hunderten von E-Mails von Fachleuten bekommen hatte; sie verglich sie mit den Warnungen, die Fachleute seinerzeit in Bezug auf die Finanzblasen geäußert hatten. Die Zeitung analysierte über 10000 amerikanische Schiefergas-Bohrlöcher. «Auch wo es aktive Bohrlöcher gibt, sind sie oft umgeben von weniger ergiebigen. Die Bohrungen und der Erhalt dieser Bohrlöcher ist in vielen Fällen kostspieliger als das geförderte Gas», stellt die Zeitung fest.

Widerspruch

Immer wieder kommt von Seiten der Umweltgruppen und örtlicher Initiativen Widerstand gegen die Gewinnung von Schiefergas. Ein großes Echo hatte in Polen der amerikanische Film Gasland von Josh Fox – allein auf Youtube hatte er 30000 Besucher.

Im Frühjahr 2011 besuchte der französische Europaabgeordnete der Grünen, José Bové, die betroffenen Ortschaften. Er warnte: «Wir haben Ergebnisse ernstzunehmender Untersuchungen, die die Probleme im Zusammenhang mit der Gewinnung von Schiefergas aufzeigen: Grundwasser, Umweltverschmutzung, Freisetzung von Methan in die Atmosphäre (6–8% des gewonnen Gases). Die Technik des Fracking kann zu tektonischen Erschütterungen führen.» Bové fügte hinzu, auch in Polen würden Genehmigungen ohne Transparenz vergeben, so dass niemand wisse, worauf er sich eingelassen habe. Ein polnisches Wochenblatt machte eine Reportage über ein Treffen der Firma Chevron mit den Einwohnern eines Dorfes. Am Ende lehnten die Vertreter der Firma es ab, im Beisein der Presse aufzutreten.

Jetzt allerdings werden solche Treffen mit der Bevölkerung nicht mehr nötig sein: Das neue Recht für Bergbau und Geologie gibt allein dem Wojewoden das Recht, Genehmigungen zu erteilen, auch wenn die örtlichen gewählten Vertreter dagegen sind.

Die polnische Ökologin Karolina Jankowska (FU Berlin) stellt im Internetportal lewica.pl fest: «Polens Drang nach neuer Technologie ist schon ein Phänomen, das einer tieferen Analyse bedarf. Zumal diese neuen Technologien mit vielen Gefahren verbunden sind, die in ihrer ganzen Tragweite überhaupt noch nicht untersucht worden sind – wie der Atomstrom stellt deshalb auch Schiefergas keine Alternative dar. Über Fragen der Atomenergie gibt es in Polen bereits viel kritische Literatur und die Gesellschaft ist dagegen, doch über das Schiefergas hört man nur Positives und viel Lob. An diesen Lobliedern geht die internationale Diskussion über die neusten Erkenntnisse zum Schiefergas vorbei. Denn auf internationaler Ebene wird Schiefergas mit immer größerer Vorsicht betrachtet.»

Dariusz Zalega ist Journalist und Mitarbeiter bei der Gewerkschaft August ’80. (Übersetzung: Norbert Kollenda.)


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