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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Jakob Moneta 11.11.1914–3.3.2012

von Angela Klein

Jakob wollte 100 Jahre alt werden. Das hat er nicht ganz geschafft, er ist „nur“ 97 geworden, doch bis zum Schluss bei klarem Bewusstsein. Noch auf der Geburtstagsfeier zu seinem 85.Lebensjahr in der Bildungsstätte der NGG in Oberreifenberg zeigte er sich überzeugt, er werde den Sozialismus noch erleben. Da schüttelten wir schon den Kopf…

Woher nahm Jakob die Kraft für seine Zuversicht?

Er wurde in eine gewalttätige Zeit hineingeboren. In seinem autobiografischen Abriss schildert er, wie er als Vierjähriger Zeuge von Gewalttätigkeiten gegen Mutter und Vater im Zuge einer jener Pogrome wurde, die zu Ende des 1.Weltkriegs in Osteuropa wüteten. Danach wanderte die Familie Moneta nach Köln aus. Anfang der 30er Jahre erlebte er den Terror der SA in den Kölner Straßen, zog nach dem Abitur 1933 nach Palästina – und bekam dort am Tag seiner Ankunft, am 2.November, mit, wie ein Streik der arabischen Hafenarbeiter von den Engländern aus der Luft angegriffen und niedergeschlagen wurde. Es war der Jahrestag der Balfour-Deklaration, die 1917 Palästina zur nationalen Heimstatt des jüdischen Volkes erklärt hatte. „Dabei wurden sehr viele Menschen umgebracht“, sagt er später in einem Interview mit Sybille Plogstedt für den WDR.

 

Die Kölner Zeit

Jakob rettete sich vor den Folgen dieser Gewalt, weil er den Weg zur Arbeiterbewegung und zum Internationalismus fand.

Jakob hat sich selbst als „missratenen Sohn einer ostjüdisch-orthodoxen Fabrikantenfamilie“ beschrieben. Der Vater betrieb in Köln eine Wäschefabrik. Er schickte, noch in Galizien, seinen Sohn mit 3 Jahren in den Cheder, eine traditionelle religiöse jüdische Vorschule, wo er Hebräisch lernte und anfing, die Bibel zu lesen. In Köln kam er auf das jüdische Reformrealgymnaisum Jawne in der St. Apernstr., das war die einzige weiterführende jüdische Schule, die es damals im Rheinland gab. Sie wurde von einem orthodoxen Rabbiner geleitet, Jakob hat sie stets sehr gelobt. Dieser Schuldirektor, Erich Klibansky, organisierte nach 1938 Kindertransporte nach England, er wollte sukzessive die gesamte Schule dorthin aussiedeln. Mindestens 130 jüdische Kinder aus Köln konnten so überleben. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war dies nicht mehr möglich. Klibansky, seine Familie und die verbliebenen Schüler wurden 1942 mit über 1000 anderen Kölner Juden in die Nähe von Minsk deportiert und dort ausnahmslos ermordet.

„Die Politik lag damals auf der Straße“, sagte Jakob später. In der polarisierten Atmosphäre des Anfangs der 30er Jahre schlug er sich auf die Seite der Arbeiter – sehr zum Missfallen seines Vaters, mit dem er sich deshalb überwarf: 1931 trat er zunächst in den linkszionistischen Verband Hashomer Hatzair ein. Hashomer heißt Falke, der Verband war Mitglied der Internationalen Falkenbewegung und hatte zum Hauptziel, die Auswanderung nach Palästina und die dortige Gründung von Kibbuzim zu organisieren. Wenige Monate später folgte der Eintritt in die Jugendorganisation der Sozialistischen Arbeiterpartei, den SJV.

Wie aber kam er in Kontakt zu diesem, da doch auf seiner Schule nur jüdische Kinder waren? Auf dem Mauritiussteinweg gab es ein jüdisches Jugendheim, in dem sämtliche zionistischen, religiösen, sozialistischen Jugendverbände zusammenkamen. Auf diese Weise lernte er den späteren Literaturwissenschaftler Hans Mayer kennen, der ihn mit Trotzkis Schriften über Deutschland und mit dessen Eintreten für eine Einheitsfront der Arbeiterbewegung bekannt machte. Hans Mayer war ein Gründungsmitglied der SAP.

In Palästina

In Palästina suchte Jakob zunächst Verbindung zu einem Kibbuz von Hashomer Hatzair. „Die hatten übrigens eine ziemlich stalinistische Führung“, sagte er später. Aber dort fand er auch eine Gruppe von 5 Leuten aus Berlin, die unter trotzkistischem Einfluss standen.

„Würde man mich fragen, woher meine unverrückbare Zuversicht stammt, dass Menschen Habsucht, Jagd nach Geld, Konkurrenzneid, Selbstsucht, Unterwürfigkeit  jene ihnen zum großen Teil vom Kapitalismus mühsam anerzogenen, angeblich „menschlichen“ Eigenschaften ablegen können; würde man mich fragen, wo die tiefste Wurzel meines Glaubens daran liegt, dass Menschen ohne jeden äußeren Zwang als Gleiche und Freie leben können, ich würde antworten: Das hat mir meine Erfahrung in der Praxis des damaligen Kibbuz bewiesen.“

Mit der Kibbuzbewegung und der zionistischen Haltung, die dort überwog, gerieten er und die besagte Berliner Gruppe allerdings in Konflikt. Jakob arbeitete dort als Orangenkistennagler. Sie hatten eine Kampagne für den Achtstundentag begonnen, Jakob trat für den gemeinsamen Kampf von jüdischen und arabischen Arbeitern ein. Das vertrug sich nicht mit der zionistischen Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen der ansässigen, arabischen Bevölkerung. 1938 wurde die Gruppe, nach sechs Jahren im Kibbuz, von der zionistischen Mehrheit ausgeschlossen.

Danach ging Jakob, wo er die einzige gemischte jüdisch-arabische Gewerkschaft gründete. Mit der Gewerkschaft Histadruth hatte er sich überworfen, weil sie im Gegensatz zur internationalistischen Tradition der jüdischen Arbeiterbewegung damals keine Araber aufnahm. Sie war einer der Pfeiler der zionistischen Kolonisation Palästinas.

Kurz danach wurde er von der britischen Administration verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Die Engländer hatten seine Adresse bei einer trotzkistischen Gruppe in Haifa gefunden. In seinen Erinnerungen erwähnt er, dass einmal ein Mann namens Moshe Dajan ins Gefängnis kam – der wurde allerdings relativ rasch wieder freigelassen…  2 Jahre saß Jakob im Gefängnis in Haifa, mit 30 Leuten in einem verwanzten und verdreckten Raum, mehrheitlich mit Arabern zusammen. Hier begann sein Leben als Journalist. Er organisierte mit anderen zusammen eine Art Gefängnisuniversität, lernte Sprachen <\#208> am Ende beherrschte er zehn <\#208> und organisierte einen Hungerstreik. Nach seiner Freilassung arbeitete er mit der arabischen Linken zusammen. Nach Kriegsende wurde er mehr und mehr von der Politik der Zionisten desillusioniert. Er schrieb einmal: « Hier wurden Juden zu Pogromisten.

Als 1947 die UNO, mit sowjetischer Unterstützung!, die Teilung Palästinas beschloss, fand Jakob seinen Traum vom binationalen, sozialistischen Palästina zerplatzt. Er kehrte nach Köln zurück, „in dem Glauben“, wie er später schrieb, „die 1918 unterbrochene und niedergeschlagene Novemberrevolution würde jetzt ihre Fortsetzung als sozialistische Demokratie finden. Wenn man heute das Ahlener Programm der CDU liest, klingt das doch gar nicht so blauäugig.“

Diesen Glauben teilte er damals mit einer ganzen Reihe anderer Genossen aus der trotzkistischen Bewegung, u.a. Ernest Mandel.

Wahlverwandtschaft

Seiner jüdischen Wurzeln war sich Jakob stets sehr bewusst. Aber es war nicht das assimilationswillige jüdische Bürgertum, zu dem er sich hingezogen fühlte, auch nicht der sozialdemokratische proletarische Zionismus, der von der Existenz einer arabischen nationalen Bewegung nicht einmal Notiz nahm. Es war die internationalistisch gesinnte jüdische Arbeiterbewegung, die einen so einzigartigen Beitrag zur Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung geleistet hat <\#208> gleich ob sie sich im Bund organisierte, oder ob sie Teil der revolutionären Bewegung in Deutschland, Russland, der Ukraine oder Polen war.

Mit diesem Beitrag hat sich Jakob umfassend auseinander gesetzt. Zu den Schriften, die er hinterlassen hat, gehören u.a. eine Übersetzung der „Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs“ von Hersch Mendel, Bundist und Leiter der jüdischen Sektion der Kommunistischen Partei Polens. Aber auch Artikel über das Wirken jüdischer Kämpfer in der deutschen Arbeiterbewegung, vornehmlich das von Stefan Born in der 48er Bewegung und das von Paul Singer im Kampf der Sozialdemokratie gegen die Sozialistengesetze. Jahrelang pflegte Jakob engen Kontakt zu Walter Grab, dem Historiker der Judenemanzipation in Deutschland und der Rolle der Juden im Vormärz.

Jakob pflegte zu sagen: „Wer nicht im KZ ermordet, nicht in den Gaskammern umgebracht wurde, wer nicht in imperialistischen Kriegen gefallen ist, hat kein Recht dazu, den Kampf für den Sozialismus aufzugeben.“

Das klingt hart in unseren Ohren. Aber es bringt doch nur die enorme utopische Kraft zum Ausdruck, die in dieser jüdischen Arbeiterbewegung gesteckt hat, und deren enge Wahlverwandtschaft zur revolutionären Bewegung des beginnenden 20.Jahrhunderts.

„Aus welchen Quellen“, fragt Jakob, „speist sich trotz aller Niederlagen meine Zuversicht in den Sieg des Sozialismus, den wir wollen? Die Befreiung Algeriens, Vietnams ist nur ein Teil der Antwort. Ein anderer Teil liegt in der Hoffnung, die jene vernichtete, in Gaskammern erstickte jüdische Arbeiterklasse Osteuropas bis zum letzten Atemzug, bis in ihren Todesgesang aufrecht erhalten hat.“

 

Jakob hatte eine Hymne, es war ein Lied des Bundes:

 

Vielleicht bau ich in der Luft nur meine Schlösser.

Vielleicht ist mein Gott überhaupt nicht da.

Im Traum wird’s leichter mir, im Traum wird mir besser.

Im Traum ist der Himmel blau und völlig klar.

 

Vielleicht werd ich mein Ziel nicht erreichen,

Vielleicht wird mein Schiff nicht landen am Steg.

Es geht mir nicht darum, ich soll was erreichen

Es geht drum zu gehn auf dem richtigen Weg.

 


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