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R-mediabase

Neue gesellschaftskritische Plattform mit Fokus auf kritische Fotografie

von Hans-Dieter Hey

In Köln hat sich das Bildforum «R-mediabase» gegründet, es will der sozialdokumentarischen Fotografie einen neuen Stellenwert verschaffen. Das Bildforum, ein gemeinnütziger Verein, sammelt, archiviert und organisiert sozialkritische, politische und gesellschaftliche Fotografie und bietet sie als Gemeingut kostenlos an. Neben aktuellen Bilderstrecken wird ein historisches Archiv aufgebaut.

Seit Jahren gilt die gesellschaftskritische Fotografie als tot. Mit R-mediabase wollen wir deshalb der herrschenden, von Beliebigkeit, Werbung oder politischen Interessen dominierten Bilderwelt eine Gegenöffentlichkeit gegenüberstellen. Damit sind Veröffentlichungen gemeint, die in den Massenmedien normalerweise nicht vorkommen. Wir von R-mediabase sind davon überzeugt, dass die herrschende Bildindustrie die Wirklichkeit manipuliert, ein Selbstbetrug an Gegenwart und Realität ist und die wirklichen Lebensumstände und -geschichten der Menschen ignoriert.

Ist der Fotojournalismus tot?

Schon vor dem Einzug der Digitalfotografie galten Fotojournalismus und sozialdokumentarische Fotografie als mehr oder weniger tot und mussten der Lifestyle-Bilderwelt weichen, weil sie «schöner» war als die Realität. In gewisser Weise wurde die kritische Fotografie gezwungen sich zu prostituieren. Der Fotograf Nick Cobbin spricht von einem Crossover zwischen Werbung und Fotojournalismus, und Magnum-Fotograf Philip Jones Griffiths weiß aus Erfahrung: «Die ganze Idee des Fotojournalismus besteht heute darin, alles zu trivialisieren, es so bunt wie möglich zu machen, um die Aufträge der Werbeindustrie zu bekommen.»

Kaum jemand hat die dominierende und meist belanglose Fotografie so grundlegend kritisiert wie der Philosoph und Literaturkritiker Walter Benjamin. Nach ihm ist Fotografie «eine menschliche Produktivkraft, die, da in falsche Produktions- und Gesellschaftsverhältnisse geraten, seit ihren Anfängen bedauerlicherweise zum Mittel der Repression und Unterdrückung verkommt, statt zu einem entscheidenden Beitrag für die Durchsetzung eines konstruktiven Menschenbildes und humaner Lebens- und Arbeitsverhältnisse zu werden.»

Sozialdokumentarische, kritische und zumeist linke Fotografie, aus der große Agenturen wie Life, Magnum oder die in Köln ansässige große deutsche Agentur laif entstanden sind, ist nach wie vor bedroht. Mit der Dokumentation von Armut und Elend oder normalen Lebensbedingungen ist eben kein Geld zu verdienen.

Historische Anfänge

Die sozialdokumentarische Fotografie begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Schon in den 1840er Jahren wurden Fotos von Henri Mayher und John Brinny zum Thema «London Labour and the London Poor» veröffentlicht. Die Fotografen wurden seinerzeit von der Obrigkeit als «Ratten und Maulwürfe zur Zerstörung Ihrer Majestät» verteufelt. Sozialfotografie stand immer unter dem Beschuss der Mächtigen. 1890 veröffentlichte der in die USA ausgewanderte dänische Zimmermann Jakob A. Riis, wie die andere Hälfte der Menschen in bitterer Armut lebte (How the Other Half Lives).

In den 1930er Jahren war Fotografie vor allem in den USA ein Werkzeug des Klassenkampfs der sich entrüstenden werktätigen Menschen, die mittels Bildern die Finger in die Wunden der Gesellschaft legten. Oft wurden die Fotografen als «Mülleimerfotografen» verunglimpft. Die Internationale Arbeiterhilfe in verschiedenen amerikanischen Städten belieferte damals unter der Workers Camera League die linke Presse wie den Daily Worker oder die New Masses. Es wurden Themen wie Arbeitslosigkeit, Verarmung und Hunger ins Bild gebracht, die niemand sonst zeigte. Viele berühmte Fotografen wie Dorothea Lange, Ben Shahn, Walker Evans, Russell Lee, Sebastião Salgado, Gorden Parks und viele andere haben sich mit ihren Arbeiten in die Geschichte der sozialdokumentarischen Fotografie eingeschrieben. Teilweise wurden sie zunächst mit öffentlichen Geldern oder durch Eastman Kodak unterstützt, bis sie unter öffentlichen Beschuss gerieten. 1947 beschuldigte die US-Regierung die American Photo League wegen ihrer Berichterstattung über die soziale Realität in den USA der «Subversivität».

Sozialkritische Fotografie in Deutschland

In Deutschland wurden 1967 per Zufall Papierabzüge und 300 Glasnegative des Zeichners Heinrich Zille bekannt, die bis dahin unbeachtet auf einem Dachboden verborgen geblieben waren. Erst 1975 wurde Fachleuten klar, dass der «Kleinbürgerhumorist mit dem Proletenhabitus» von 1890 bis 1910 Aufnahmen mit bis dahin beispielloser sozialdokumentarischer Schärfe und Gestaltungskraft angefertigt hatte. Diese Funde galten damals als Sensation. Später, in den 20er und 30er Jahren, kam die Bewegung der Arbeiterfotografie hinzu, die die Fotografie als Waffe gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit verstand. Eugen Heilig, Ernst Thormann oder Walter Ballhause wurden darüber bekannt. Letzterer war damals arbeitslos und fotografierte als Betroffener sein «Milieu». 1980 bemerkte er: «Ich habe mich nicht in der Nähe der Unterdrückten herumgetrieben, um auf schamlose Art etwas zu erbeuten. Ich brauchte den Unterdrückten nicht über die Schulter zu schauen, da ich selbst einer von ihnen war, aus ihrem Milieu kam.»

Während der Nazibarbarei flüchteten deutsche Fotografen in die USA und beteiligten sich dort an meist linken Fotoagenturen. In Deutschland wurde August Sander für sein epochales Werk «Menschen des 20.Jahrhunderts» berühmt. Er hatte lange in Köln gelebt. Niemand zuvor – und wahrscheinlich danach – hatte derart präzise und systematisch Berufsgruppen und Stände fotografisch erfasst. In der Zeit des Faschismus musste er sich zurückziehen. Sein Buch Antlitz der Zeit wurde 1936 beschlagnahmt, die Druckstöcke wurden vernichtet, sein Sohn als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands festgenommen.

Wiederbelebung

Engagierte Fotografen weist eine Tatsache aus, die bis heute gilt: Oft solidarisieren sie sich mit den Menschen, die abseits leben, wenn sie nicht selbst dazu gehören. Einer dieser Engagierten seit den 60er Jahren ist Günter Zint mit seiner Agentur Panfoto. «Mit dem Auslöser drückte er immer auf die offenen Wunden einer Gesellschaft. Fotos von prügelnden Polizisten, Steine werfenden Demonstranten, Panzerwagen in Brokdorf, Wackersdorf oder in der Hamburger Hafenstraße sind in seinem Archiv zu Tausenden», schrieb die Bremervörder Zeitung über ihn. Sozialdokumentarische Fotografie hat immer die Finger in die gesellschaftlichen Wunden gelegt und war daher nicht überall beliebt, vor allem nicht bei der Politik.

Den Entwicklungen zum Trotz bedarf die sozialdokumentarische Fotografie dringend der Wiederbelebung. Das will R-mediabase leisten. Das in Deutschland einzigartige Forum wird gefüllt durch engagierte Fotografinnen und Fotografen, Bürgerreporter und Aktive aus der Arbeiterfotografen-Bewegung. Presseorgane, Institutionen und Privatleute erhalten die Möglichkeit, auf einen Pool mit qualitativ wachsenden Ansprüchen zurückgreifen zu können. Inhaltlich handelt es sich um Fotos aus den Bereichen der Friedensarbeit, Integration, Erwerbslosigkeit, des Faschismus, der Arbeitskämpfe, politischen Proteste, des allgemeinen Lebens oder der Stadtgestaltung. Aber auch Themen aus Europa und der Welt.

Aus der geplanten europäischen Vernetzung ergab sich auch der Name des Verbandes, der mit einem großen, roten «R» beginnt. «R» steht für rot, rouge, rosso, rojo – ein Wort, das in vielen europäischen Ländern mit demselben Buchstaben beginnt. Finanziell «gestemmt» wurde das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden, beispielsweise der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW.

Und wer keine Lust an Vereinsmeierei am Sitz des Vereins in Köln hat, kann auch aktiv als Fördermitglied zum Beispiel in Erfurt, Berlin, Kiel oder München mitmachen. «Wichtig ist uns, es machen Fotobegeisterte in vielen wichtigen Städten mit und haben Interesse an der Sache. Dabei steht nicht die Menge im Vordergrund. Wir wollen auf unserem Weg vor allem Qualität sicherstellen», sagt einer der Ideengeber.

Mit 20000 Postkarten und 300 Plakaten unter dem Titel «Es geht wieder aufwärts…» für den Landeserwerbslosenausschuss von Ver.di NRW und den Ver.di-Bundeskongress ist R-Mediabase an den Start und mit der Medienwelt, die die jahrelange Vermögensumverteilung von unten nach oben lange ignoriert hat, kritisch ins Gericht gegangen – eben als Gegenöffentlichkeit zur bürgerlichen Scheinwelt.

Mehr Informationen und vor allem Bilder gibt es auf: www.r-mediabase.eu.


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