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Raimund Wolfert, Nirgendwo daheim

Das bewegte Leben des Bruno Vogel, Leipzig: Universitätsverlag, 2012, 303 S., 29 Euro

von Werner Abel

«Größenwahnsinnige Offizierstypen hetzen mit unzähligen frechen, verlogenen Phrasen zum Kampf für Recht und Ehre, das blanke Schwert in der Faust, um dann die Machtgelüste ihrer Caligulaseelchen wieder möglichst ungehemmt ausleben zu können … Bedauernswerte empfehlen den Krieg als läuterndes Stahlbad, denn er bietet ihnen tausend köstliche Gelegenheit zur gefahrlosen Befriedigung ihrer Triebe.»

Nicht allein Sätze wie diese sind es, deretwegen der Staatsanwalt das erste nach dem Krieg in Deutschland erschiene Antikriegsbuch verbieten wollte. Der 1898 in Leipzig geborene Bruno Vogel, dessen anfängliche Kriegsbegeisterung durch die Erlebnisse an den Fronten des Ersten Weltkriegs in blankes Entsetzen umschlug, hatte in seinem 1924 im Leipziger Verlag Die Wölfe, einem der wichtigsten Verlage der Linken in Sachsen, erschienenen Buch Es lebe der Krieg! mit eindringlichen Worten nicht nur das Blut, den Dreck, die zerstörten Leben und die Sinnlosigkeit des Mordens beschrieben, sondern auch den Oberst am Scherenfernrohr, der onanierend beobachtet, wie seine Mannschaften in den Tod stürmen. 

Der Leib Christi am Kreuz, so Vogel, wird von Granaten zerfetzt, derweil Gott seine Hand öffnet, um Eiserne Kreuze über die sterbenden Soldaten zu schütten. Solche Sätze führten zu einer Anzeige wegen Verbreitung unzüchtiger Literatur und Gotteslästerung und zu einem lange währenden Prozess durch verschiedene Instanzen. Die Folge war, dass weitere Auflagen nur in einer vom Verleger ironisch so bezeichneten «kastrierten» Ausgabe erscheinen konnten.

Der Prozess gehörte zu den spektakulären Zensurmaßnahmen der Weimarer Republik, was zur Folge hatte, dass sich viele Intellektuelle mit Vogel solidarisch erklärten. Thomas Mann schrieb ein Gutachten, in dem er betonte,  die Sprache Vogels sei wohl krass, aber ein Ergebnis der fürchterlichen Erlebnisse und angetan, den Völkern die Wiederholung der grässlichen Ereignisse zu ersparen.

Bruno Vogel verkörperte alles das, was ihn bei den Herrschenden unbeliebt machen musste: Er war entschiedener Pazifist mit anarchistisch-sozialistischer Einstellung und, selbst schwul, Aktivist der Bewegung zur Abschaffung der Diskriminierung von Homosexualität. Das alles führte ihn an die Seite Kurt Hillers in dessen Gruppe Revolutionärer Pazifisten und in Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaften. Seine Erzählung Alf, veröffentlicht als erstes Buch der Gilde Freiheitlicher Bücherfreunde, der Buchgemeinschaft der syndikalistischen Freien Arbeiter-Union Deutschlands, die bis heute nachgedruckt wird, thematisiert eine homosexuelle Liebe, die durch Staat, Kirche und Gesellschaft zerbricht und als Konsequenz den Protagonisten der Erzählung den «Heldentod» an der Front suchen lässt.

Vogel veröffentlichte überdies einen erstaunliche Vielzahl von Artikeln in der kommunistischen, anarchistischen und sexualaufklärerischen Presse. 1931 verließ er Deutschland und lebte in Norwegen, dann in Südafrika, wo er sich im Kampf gegen die Apartheid engagierte, und später in England, wo er nach einem entbehrungsreichen Leben 1987 verstarb.

Der vielseitige Skandinavist und Schriftsteller Raimund Wolfert hat nun eine bis ins Detail recherchierte und gründlich elaborierte Biografie Vogels vorgelegt, die nicht nur eine empfindliche Lücke der Literaturgeschichte füllt, sondern auch den Kampf gegen die repressive Sexualmoral des vergangenen Jahrhunderts widerspiegelt.

Dem Leipziger Universitätsverlag ist zu danken, dass er die Biografie in sein Programm aufgenommen hat. Gut wäre es, er könnte sich dazu entschliessen, Bruno Vogels Es lebe der Krieg! in der vollständigen Fassung neu aufzulegen.



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