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The Black Power Mixtape 1967–1975

Dokumentarfilm, Schweden/USA/BRD 2011, Regie: Göran Hugo Olsson

von Gaston Kirsche

The Black Power Mixtape 1967–1975 ist ein ungewöhnlicher Dokumentarfilm. Er ist eine erlesene Mischung aus neu zusammengestelltem, lange vergessenen historischem Filmmaterial des schwedischen Staatsfernsehens über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Black Panther und Interviews, die 2010 mit einigen der damaligen Protagonisten sowie Künstlern und Historikern geführt wurden, die sich heute auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung beziehen.

Regisseur Göran Hugo Olsson stieß in den Kellern von Sveriges Television AB auf einzigartiges 16-mm-Filmmaterial: Schwedische Journalisten waren Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in die USA gereist, um die große Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus, für Gleichberechtigung und soziale Gleichheit zu filmen.

Nach 1968 war Schweden ein Land, in dem die regierenden Sozialdemokraten vorgaben, eine Alternative zu Kapitalismus und «Realsozialismus» aufzubauen: Einen dritten Weg – demokratischen Sozialismus, yeah! Dass dieser trotz ausgebautem Wohlfahrtsstaat und gerechterer, hoher Steuern für Reiche nicht mit der kapitalistischen Produktionsweise brach, war damals vielen nicht klar. Im Vergleich mit den USA schnitt Schweden gut ab: keine offensichtliche rassistische Segregation und soziale Ungleichheit wie in den mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Elendsquartieren der USA, auch mehr als eine nur rudimentäre sozialstaatliche Grundversorgung. Keine Mitgliedschaft im Militärbündnis NATO, dessen Mitglied USA im Krieg gegen Vietnam mehr Bomben abwarf als auf Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

So reisten schwedische Journalisten in die USA und interessierten sich besonders für die soziale und rassistische Diskriminierung. Angeblich gibt es in Schweden mehr Filmmaterial über die Black Panther Party als in den USA, wo ihr radikaler Protest entweder ignoriert oder als gefährlich, gar terroristisch, dargestellt wurde.

The Black Power Mixtape 1967–1975 zeigt die USA aus schwedischer Sicht. Ganz klasssisch startet der Film in einem kleinen Urlaubsort an der Küste Floridas: Hallandale. Am Strand fragt ein Reporter einen weißen Verkäufer in einer Imbissbude: Wie geht es einem einfachen Arbeiter in den USA? Allen gehe es ganz gut, es gebe Meinungsfreiheit und Chancengleichheit. So die wortreiche Antwort.

Der investigative Reporter kontrastiert dies umgehend mit einem Slum in Hallandale. Hier leben die unteren 20% der Bevölkerung. Ein Schwarzer, der als GI in Vietnam für die USA kämpfte und dort sein Leben riskierte, erzählt: Eigentlich kein großer Unterschied zu Vietnam, hier wie dort muss ich um mein Überleben kämpfen, wenn auch mit anderen Mitteln: «Ich darf für mein Land sterben, aber in Amerika bin ich ein Mensch zweiter Klasse, überall.»

Das Mixtape ist eine Mischung von Ausschnitten aus solchen Sozialreportagen mit Berichten über Aktivitäten der Black Power Bewegung und Interviews mit bekannten Führungspersönlichkeiten der Black Panther. Stokely Carmichael, Bobby Seale, Angela Davis, Eldridge und Kathleen Cleaver bekommen Gelegenheit, die Situation in den USA zu analysieren, zu kritisieren und über ihre Bewegung zu reflektieren. Dazu gibt es Auszüge aus wichtigen Reden: «Diese drei Schweine, die zur Wahl stehen, Oink Nixon, Oink Humphrey, Oink Wallace, sind für uns die Falschen», bemerkt Eldridge Cleaver über die Präsidentschaftswahlen: «Sie vertreten nicht die wahren Interessen dieses Landes!» Die drei Kandidaten wären auch nicht gerade durch Intelligenz aufgefallen.

Auch die Bekämpfung der Black Power durch staatliche Stellen kommt vor: die paramilitärische Niederschlagung von Aufständen in den schwarzen Elendsquartieren – über 300 zwischen 1964 und 1972, bei denen es über 60000 Verhaftungen und 250 Tote gab, zumeist durch Polizeigewalt. Im Film ist zu sehen, wie die Nationalgarde wie eine Armee gegen die Aufständischen vorgeht. Edgar Hoover, Präsident des FBI, erklärt, das Freies-Frühstück-Programm der Black Panther Party stelle die größte Gefährdung des inneren Friedens der USA dar. Eben weil die Panther ein sozialistisches Programm hatten, das nicht nur den Rassismus, sondern auch den Kapitalismus als System beseitigen wollte.

Erwähnt wird im Film auch das Aufstandsbekämpfungsprogramm des FBI, COINTELPRO, mit dem die führenden Vertreter der Bewegung gejagt wurden: 1970 war nur noch einer von ihnen auf freiem Fuß.

Leider hat der Regisseur dem fesselnden Archivmaterial alleine nicht getraut. So hat er die 2010 geführten Interviews und die neu aufgenommene, aktuelle Musik als Tonspur über einen Teil der Bilder gelegt – nicht über alle, die zentralen Interviewsequenzen der Panther sind geblieben. Aber da, wo die Tonspur das historische Material überlagert, stört sie. Die historischen Bild- und Tonaufnahmen der Black Power sind so starke Dokumente, dass sie keinen neuen Ton gebraucht hätten.


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