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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Wie «nationaler Wille» erzeugt wird

Die BILD-Zeitung und Gauck

von Arno Klönne

Die Zeiten sind ungemütlich. Noch steht die Bundesrepublik im europäischen Vergleich gut da, «volkswirtschaftlich» betrachtet. Aber die schönen Durchschnittsdaten der Statistik täuschen. Reichtum häuft sich an, bei wenigen, Armut droht, bei vielen. Und immer mehr Bürgerinnen und Bürger, die jetzt noch wohlsituiert sind, befürchten zu Recht, dass es auch mit ihnen abwärts gehen könnte.

Von der politischen Klasse erwartet kaum jemand in ihrem Volk, dass sie diese Bedrängnisse aus der Welt schaffen werde. Sie gilt weithin als borniert, von den Parteien wird angenommen, dass sie nur dem je eigenen Wohl dienen. Unter solchen Umständen breitet sich ein Bedürfnis nach dem «großen Unparteischen» aus, nach einem Mann, der «ehrliche Worte» wagt, rettende Wege zeigt. Nach einem, der «über den Wassern schwebt», wie Claudia Roth von den Grünen sagt, der «die Demokratie erneuert», wie Andrea Nahles von der SPD es als Erwartung an Joachim Gauck formulierte.

Die Bundeskanzlerin, mehrheitlich wegen ihrer handwerklichen Fähigkeiten durchaus hoch geschätzt, kann die Wünsche nach emotionaler Führung nicht erfüllen, vermutlich braucht es dafür auch trotz der langjährigen Tätigkeit von Alice Schwarzer ein männliches Wesen. Dieses, mit erlösenden Eigenschaften, muss also gefunden und zugleich erfunden werden.

«Deutschland will Gauck» – so tadelten Sprecher von CDU/CSU/SPD und Grünen die mehr als hundert Abweichler aus ihren Reihen bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten (die FDP war sich sicher, dass ihre Wahlmänner und -frauen keine Enthaltsamkeit geübt hatten). Aber wie kommt «Deutschland» zu seinem Willen? Von selbst läuft so etwa nicht, also müssen Profis ran, und die standen auch bereit, vorneweg die aus dem Hause Springer. Sie haben Erfahrung mit der Methode «Ich BILD dir deine Meinung». Schon für Thilo Sarrazin hatten sie für ein Massenpublikum gesorgt, und auch Christian Wulff, als Bundespräsident dann doch nicht geeignet, war mit ihrer Hilfe in Niedersachsen Landesvater geworden. Freilich bekam er später massenmediale Ungnade zu spüren, das geht nach dem Lift-Verfahren, ein Politiker kann nach oben – aber auch wieder nach unten befördert werden, und er selbst ist es nicht, der auf den Knopf drückt.

Will man einen «Mann der Herzen» für die sonst so verdrießlich stimmende Politik, sind erhebliche Leistungen beim Marketing erforderlich. Kein Produkt verkauft sich von selbst. Die Rolle, in die der Politiker gebracht werden soll, muss ausgestaltet, die Erwartungen an ihn müssen systematisch gepflegt werden: publizistische Werbekolonnen sind erforderlich, die Demoskopie hat ihre Dienste zu tun, und das alles funktioniert heutzutage nicht auf Kommando, sondern nur, wenn alle Helfer und Helfershelfer Eigenmotivation einbringen. Ein massenkommunikatives Kunstwerk ist erst einmal zustande zu bringen, damit» Deutschland» begreift, was es wollen soll.

Selbstverständlich kann ein so schöpferisches Unternehmen, den «Antipolitiker» zum politischen Nationalheros zu machen, auch schief gehen. Der Freiherr aus dem Fränkischen war schon ganz oben in der Demoskopie, und dann hat jemand in seine Dissertation hineingeschaut. Aber das vergessen wir am besten, sonst kommt «Deutschland» noch auf die Idee, es könne sich irren, infolge VerBILDung.

Übrigens, in Sachen Gauck: Wollte ganz «Deutschland» ihn? Es gab doch Deputierte in der Bundesversammlung und auch Umfragebeteiligte, die ihn offenbar nicht wollten? Die waren dann undeutsche Deutsche. Vaterlandslose Gesellen.


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