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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2012 |

«Wir leben in der Angst vor einem Massaker»

Marie Colvins letzter Bericht aus Syrien

Sie nennen es den Witwenkeller. Verängstigte Frauen und Kinder sind hier inmitten improvisierter Betten und verstreuter Habseligkeiten gefangen im Horror von Homs, die syrische Stadt, die seit zwei Wochen unerlässlich bombardiert wird.

Unter den 300, die sich im Keller der Holzfabrik im belagerten Stadtviertel Baba Amr drängen, ist die 20-jährige Noor, deren Mann und Zuhause den Raketen zum Opfer gefallen sind.

«Zwei Tage lang hatten wir nichts als Zucker und Wasser und mein Mann ging hinaus, um etwas zu essen zu finden.» Das war das letzte Mal, dass sie ihren 30-jährigen Mann Maziad … gesehen hat. Er wurde von einer Mörsergranate in Stücke gerissen. Mit Maziad starb auch Adnan, Noors 27-jähriger Bruder.

Alle in diesem Keller haben eine ähnliche Geschichte von Not und Tod. Der Keller wurde als Zuflucht erkoren, da er einer der wenigen Keller in Baba Amr ist. Schaumstoffmatratzen lehnen gegen die Wand, und die Kinder haben seit dem 4.Februar, dem Tag, an dem die Belagerung begann, kein Tageslicht mehr gesehen.

Kälte und Hunger bestimmen die Stadt, sie ist durchdrungen vom Echo des Waffenlärms. Es gibt keine funktionierenden Telefone, die Elektrizität wurde abgeschaltet. Nur wenige Häuser haben Diesel für die Blechöfen, das einzige, womit man in diesem kältesten Winter seit eh und je heizen kann. Eiskalter Regen füllt die Schlaglöcher, Schnee dringt durch die kaputten Fensterscheiben. Die Geschäfte sind alle geschlossen, also teilen die Familien das, was sie haben, mit ihren Verwandten und Nachbarn. Viele der Toten und Verwundeten hatten versucht, etwas Essbares aufzutreiben.

Ich bin über eine Schmugglerroute nach Homs gelangt, die ich versprach nicht zu verraten. Dabei kletterte ich im Dunkeln über Wände und streifte durch matschige Gräben. Bei der Ankunft in der abgedunkelten Stadt im Morgengrauen, wurde ich von einer Gruppe ausländischer Journalisten empfangen, die darauf brannten, die Welt über die Lage der Stadt zu informieren. Sie waren so verzweifelt, dass sie mich in einen offenen Lastwagen packten und mit eingeschalteten Scheinwerfern volle Fahrt losfuhren – alle standen hinten und riefen «Allahu akbar», Gott ist groß. Natürlich eröffnete die syrische Armee das Feuer.

Als sich alle beruhigt hatten, wurde ich in einem kleinen Auto, ohne Scheinwerfer, dunkle Straßen hinunter gefahren, die Gefahr war greifbar. Als wir einen offenen Straßenabschnitt passierten, feuerte eine Einheit der syrischen Armee erneut auf das Auto mit Maschinengewehren und warf eine raketengetriebene Granate. Wir beschleunigten und fanden Schutz hinter einer Reihe verlassener Häuser.

Das Ausmaß menschlicher Tragödie in der Stadt ist immens. Die Einwohner leben in Angst. Fast alle Familien haben Tote oder Verletzte zu beklagen.

Ein 25-jähriger Student, der sein Leben beim Filmen der Massaker der Bewohner von Baba Amr riskierte, war nur knapp dem Tod entronnen, als er versuchte, zwei Männer, die von einer Mörsergranate verletzt worden waren, in eine Klinik zu bringen.

Seine drei Freunde und er hatten gerade eben die Verwundeten zur Klinik gebracht, in der ein Arzt und ein Zahnarzt Dienst taten. Er trat rasch weg von der Tür, als «eine Rakete genau am Eingang landete». «Meine drei Freunde starben sofort.» Die zwei Männer, denen sie geholfen hatten, wurden ebenso getötet.

19.Februar 2012 (Auszüge)

Quelle: www.thesundaytimes.co.uk/sto/public/news/article874796.ece?intcmp=239


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