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Der globale Marsch auf Jerusalem

Neue Stolpersteine und neue Bündnisse
von Leo Gabriel

«Am 30.März 2012 werden wir, von allen Kontinenten kommend, uns an der palästinensischen Grenze mit Jordanien, Ägypten, Syrien und dem Libanon einfinden und zu einem friedlichen Marsch nach Jerusalem vereinigen», so lautete der internationale Aufruf zum „Global March on Jerusalem“ (GMJ), dessen erklärtes Ziel es war, «den arabischen Frühling nach Jerusalem zu bringen».Schon im Vorfeld entpuppten sich seit längerem schwelende interne Konflikte unter den Palästinensern und rund um die Palästina-Solidarität als Stolpersteine auf dem relativ kurzen Marsch auf Jerusalem.

Zum einen ist da das Misstrauen zwischen Fatah und Hamas, das trotz der jüngst erklärten Einigung fortbesteht. Obwohl die Fatah dem Projekt GMJ von Anfang nicht negativ gegenüberstand, befürchtete sie, Hamas werde sie als Propagandaaktion für die anstehenden Wahlen in den Palästinensergebieten ausnützen.

Aber auch die religiöse Fraktionierung zwischen der Hezbollah und den von Iran unterstützten Schiiten auf der einen, und den eher sunnitisch orientierten Kräften in Ägypten und Jordanien auf der anderen Seite spielte eine gewisse Rolle.

Schließlich hatten die linken Kräfte, die sich in einem eigenen internationalen Koordinationskomitee zusammengeschlossen hatten (in dem der deutschen Solidaritätsbewegung neben der italienischen  und der US-amerikanischen eine tragende Rolle zukam), ernsthafte Bedenken gegen die anfänglich ziemlich stark artikulierte, religiös-islamische (wenngleich nicht islamistisch) gefärbte Sprache – die jedoch letzten Endes einen äußerst positiven Einfluss auf die innere Homogenisierung der Bewegung um den Globalen Marsch hatte.

Eine historische Allianz

Als die Delegationen der verschiedenen am Projekt beteiligten Organisationen und Bewegungen Ende März in den Hauptstädten Amman, Beirut und Kairo eintrafen, waren die Anfangsschwierigkeiten größtenteils überwunden. Innerhalb der Fatah hatten sich jene Kräfte durchgesetzt, die auch der von der Hamas vorgeschlagenen sog. Einstaatenlösung immer mehr abgewinnen können. Die schiitischen Kräfte hielten ihre religiöse Sprache im Zaum und nahmen sich im Rahmen der internationalen Koordination sehr zurück.

Wenngleich alle am GMJ beteiligten Aktivisten genau wussten, dass es völlig ausgeschlossen war, nach Israel zu kommen, waren die politischen Voraussetzungen für einen weltweiten Erfolg dieser Kampagne für die Befreiung von Jerusalem von der politisch-militärischen Vorherrschaft Israels und für die Festschreibung des interkulturellen Statuts dieser Wiege der drei großen Weltreligionen durchaus gegeben.

Schließlich waren an dem politischen Bündnis nicht nur die wichtigsten Palästinenserorganisationen unter Einschluss von Fatah, Hamas und PFLP sowie die maßgeblichen linken Kräfte im arabischen Raum beteiligt, sondern auch namhafte Vertreter der Initiative «Ein Schiff für Gaza» und der Palästinasolidarität in Europa, Nordamerika und Asien; letztere hatten sogar ein eigenes Schiff mit Friedensaktivisten aus Indien, Indonesien und dem Iran entsandt.

Ein neues Triumvirat als Ordnungsfaktor

Diese breite Allianz hatte am traditionellen palästinensischen «Tag des Bodens», dem 30.März, nicht mit großen Hindernissen gerechnet. Doch es kam zu heftigen Zusammenstößen an verschiedenen Check Points im Westjordanland und in Gaza (mit einem Toten und rund 100 Verletzte).

In Ägypten unterbanden sowohl die Armee als auch die Muslimbrüder den Versuch linker Kräfte, eine größere Demonstration auf dem Tahrir-Platz zustandezubringen, es kamen nur einige hundert – sehr im Unterschied zu Jordanien, wo unter aktiver Beteiligung der Muslime an die 50.000 Demonstranten unweit der israelischen Grenze aufmarschierten.

Am komplexesten war die Lage im Libanon. Dort hatte sich die schiitische Hezbollah in Zusammenarbeit mit den Palästinenserorganisationen dazu entschlossen, dem libanesischen Komitee das Heft aus der Hand zu nehmen und die geplanten Märsche in den Süden zur libanesisch-israelischen Grenze elegant, aber bestimmt, «umzuleiten».

Anstelle der geplanten Massendemonstrationen an der Grenze, an der auch viele der über 100.000 palästinensischen Flüchtlinge aus den Lagern hätten teilnehmen sollen, beschränkte sich das Triumvirat Hezbollah/Hamas/ Fatah auf eine feierliche, von kämpferischen Reden gespickte Kundgebung rund um die historische Ruine des Schlosses Beaufort, an der auch einige Rabbiner teilnahmen, mit einem Transparent: «Judaism rejects Zionism!» (Das Judentum verwirft den Zionismus). Einige kämpferische Jugendliche, die versuchten, den Stacheldrahtzaun um das Schloss zu umgehen, um zur israelischen Grenze zu gelangen, wurden schnell von der libanesischen Armee zurückgepfiffen.

Leo Gabriel ist Journalist, Anthropologe und Filmemacher in Wien.

Zuletzt veröffentlichte er: «Lateinamerikas Demokratien im Umbruch», Mandelbaum-Verlag, 2011.


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