Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2012 > 05 > Schwarzbuch-leiharbeit

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2012 |

Schwarzbuch Leiharbeit

Die IG Metall will das Vordringen der Zeitarbeit bekämpfen
von Jochen Gester

Unter der Parole «Gleiche Arbeit für gleiches Geld» führt die IG Metall seit 2008 eine Kampagne, die sich gegen die Auswirkungen der expandierenden Leiharbeit richtet. Sie hat auch Eingang in das Forderungspaket der aktuellen Tarifrunde gefunden. Die Gewerkschaft will mehr Mitbestimmung von Betriebsräten beim Einsatz von Leiharbeit durchsetzen.

Um öffentliche Unterstützung für die Ziele zu mobilisieren, hat der IG-Metall-Vorstand jetzt ein «Schwarzbuch Leiharbeit» herausgegeben.* Die Broschüre umfasst mehrere Interviews mit Sozialwissenschaftlern und ein Gespräch mit dem Betriebsratsvorsitzenden von BMW in Leipzig, einem Betrieb, der im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung um die Leiharbeit steht. Darin finden sich ferner die Ergebnisse einer Befragung von 26.000 Mitgliedern der IG Metall, die als Zeitarbeiter tätig sind. Über 1000 Metaller haben darüber hinaus ihre Situation, Sorgen und Ängste ausführlicher beschrieben. Die Berichte verdeutlichen anschaulich, wie Leiharbeit das Leben der Beschäftigten prägt.

Leiharbeit, das bedeutet Mensch und Arbeiter zweiter Klasse zu sein, und es ist der prekäre soziale Status, der tief verletzt. Ein 55-jähriger gelernter Elektroniker, dem nur die Leiharbeit blieb, schreibt:

«Tatsächlich fühlt es sich als Leiharbeiter so an, als hätt’ er alle Rechte an der Garderobe abgegeben. Wobei von Garderobe noch nicht einmal die Rede sein kann. Da es in meinem derzeitigen Betrieb für uns Leiharbeiter nicht einmal einen Spind gibt, in dem wir die eigenen Sachen ablegen können, müssen wir uns im Gang umziehen. Die Stammbelegschaft hat dafür eigene Räumlichkeiten: Ich komme mir vor wie ein Stück Fleisch, das nur zu funktionieren hat. Ich möchte endlich gerecht entlohnt werden und nicht nur als Sklave für den Leiharbeitgeber schuften.»

Hackordnung

Zeitarbeit ist für die Betroffenen keineswegs eine Übergangsmaßnahme, sondern zumeist eine Sackgasse. Der behauptete Klebeeffekt in der Zeitarbeit ist ein Mythos. Die Vermittlungsquote in reguläre Arbeitsverhältnisse liegt bei 7%. Gerade für Junge ist sie überproportional der einzige Zugang zum Arbeitsmarkt.

Die Einsatzzeiten sind kurz. 2011 endete fast jeder zweite Vertrag vor Ablauf der ersten drei Monate. Viele Zeitarbeiter kommen aus der Erwerbslosigkeit und rutschen hinterher wieder dort hinein. Die Einkommen von Zeitarbeitern lagen im Mittel bei 1419 Euro brutto, kaum mehr als 50% der 2702 Euro, die laut Statistik den Durchschnittslohn sozialversicherungspflichtiger Vollzeitkräfte bilden. Besonders betroffen sind Frauen, sie stellen drei Viertel der Mini- und Zeitarbeitsjobs.

Für den Soziologen Hajo Holst ist Zeitarbeit mittlerweile «zu einem Teil der strategischen Unternehmensführung» geworden und wird sich weiter ausbreiten. Leiharbeit ist dabei vor allem in Großbetrieben präsent, jedes zweite Unternehmen mit über 250 Beschäftigten macht davon Gebrauch. Fast die Hälfte von ihnen hat über 20% der Beschäftigten in der Leiharbeit. Es gibt Unternehmen, die in ganz Europa seit Jahren in Produktion und Montage niemanden mehr fest eingestellt haben.

Der Arbeitssoziologe Gerhard Bosch weist darauf hin, dass Leiharbeit in dreifacher Weise staatlich subventioniert wird: Das Arbeitgeberrisiko wird auf die Allgemeinheit abgewälzt, die Niedriglöhne werden durch öffentliche Mittel aufgestockt, und am Ende des Arbeitslebens sorgen diese dafür, dass die Renten wenigstens das Grundsicherungsniveau erreichen.

Der Betriebsratsvorsitzende des Leipziger BMW-Werks, Jens Köhler, spricht von einem eigenen «Klassensystem», das sich im Betrieb herausgebildet hat. Es besteht aus vier Klassen: der BMW-Stammbelegschaft, den BMW-Leiharbeitern, den Werksvertragsstammmitarbeitern und den Werksvertragsleiharbeitern. In dieser Rangfolge verringern sich Sicherheit und Bezahlung. Von den 6000 Beschäftigten des Werks sind 2700 bei BMW, 1100 bei Leihfirmen und 2200 bei Werksvertragsunternehmen angestellt.

Köhler hat im Prinzip nichts gegen Werksverträge in den klassischen Bereichen Kantine, Werkssicherheit oder IT-Betreuung einzuwenden. Doch das Eindringen dieser Dienstleister, die mittlerweile ganze Montagemodule übernommen haben, geht ihm zu weit.

Stammtische

Nun hat sich der Betriebsrat mit Unterstützung der IG Metall in zu Gegenmaßnahmen entschlossen. Er verweigert die Zustimmung zur Vertragsverlängerung von 1100 Leiharbeitern. Dagegen hat BMW das Arbeitsgericht angerufen, das in zwei von neun anhängigen Verfahren der Klage des Autobauers recht gab. Das Betriebsverfassungsgesetz biete keine Handhabe, die Ausbreitung der Leiharbeit auf diesem Wege zu bekämpfen. Die IG Metall hatte sich auf eine Formulierung des 2011 geänderten Gesetzes zur Arbeitnehmerüberlassung gestützt, die Leiharbeit nur «vorübergehend» erlaubt. Doch der Gesetzgeber hat wohlweislich darauf verzichtet klarzustellen, wann «vorübergehend» vorbei ist. Der Betriebsrat geht in die nächste Instanz und hofft auf eine Einigung über den Gesamtbetriebsrat.

Die interessanteste Entdeckung des Schwarzbuchs sind für mich die Leiharbeiterstammtische, die sich in der Augsburger IG Metall gebildet haben. Die Kollegen haben diese Treffpunkte direkt in den Einsatzbetrieben angesiedelt und versammeln sich wöchentlich. Aufgrund des Schichtbetriebs konnten die Kollegen manchmal monatelang nicht zu den monatlichen Arbeitskreisen in die Verwaltungsstelle kommen. Mit Hilfe der neuen Strukturen wurden Betriebsräte und sogar Vertrauensleutekörper aufgebaut und echte Besserstellungen durchgesetzt.

Wichtig ist auch die Unterstützung durch die Betriebsräte in den Einsatzbetrieben. In einem Fall konnte ein Betriebsrat erreichen, dass das Verleihunternehmen die Wahl hatte, entweder die Löhne anzupassen oder aus dem Geschäft zu fliegen. Es hat angepasst. Im Gegenzug sind die Leiharbeiter auch auf die Straße gegangen, als es den Festangestellten ans Leder ging.

*Siehe www.igmetall.de.


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.