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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 06/2012 |

Leben und Tod des Jakob van Hoddis

von Peter Fisch

Es scheint eine Widersinnigkeit zu sein. Jakob van Hoddis (eigentlich Hans Davidsohn) gehört zu den großen, aber weitgehend unbekannten Berühmtheiten der deutschen Literatur jüdischer Herkunft.Am 16.Mai 1887 in Berlin geboren, begann er schon 1901 Gedichte zu schreiben, damals das Städtische Friedrichsgymnasium besuchend. Das folgende Architekturstudium (1906) in München brach er ab, arbeitete auf dem Bau, um sich dann dem Studium der Altphilologie und Philosophie zuzuwenden.

Inzwischen hatte van Hoddis eine Reihe von Schriftstellern und Malern, meist Bohemiens, darunter Kurt Hiller, Erwin Loewenson, Ludwig Meidner, Georg Heym, Johannes R.Becher und Else Lasker-Schüler kennengelernt. Man traf sich zu Vortragsabenden, die der «Neue Club» oder das «Neopathetische Cabaret» organisiert hatten. Irgendwann zwischen 1908 und 1910 hatte van Hoddis sein Gedicht «Weltende» geschrieben. Es wurde am 11.Januar 1911 in Franz Pfemferts Zeitschrift Der Demokrat veröffentlicht – insgesamt acht Zeilen, die einen ungewöhnlich großen Widerhall fanden.

Sie markieren den Beginn der expressionistischen Lyrik. Einige ihrer bestimmenden Sujets fanden hier schon Platz: u.a. Krankheit, Vernichtung, Naturkatastrophen, Bedrohungen durch die Technik und das apokalyptische Weltende. Das lyrische Ich trat vollkommen zurück. Mit der Anwendung des Reihungs- bzw. Simultanstils unternahm van Hoddis zudem einen Vorgriff auf den Dadaismus der 20er Jahre. Allein mit diesem Gedicht erlangte van Hoddis Weltruhm:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

in allen Lüften ist Geschrei,

Dachdecker stürzen ab und gehen entzwei,

und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Einer, der ganz nah dabei war – Johannes R. Becher – hatte noch nach mehr als vier Jahrzehnten, 1957, ein Jahr vor seinem Tode («Das poetische Prinzip») genaue Erinnerungen an die Wirkung des Gedichts, nicht nur deswegen, weil 1919 die wohl berühmteste Anthologie der deutschen Literaturgeschichte mit dem Gedicht «Weltende» von van Hoddis eingeleitet wurde – nämlich die «Menschheitsdämmerung», herausgegeben von Kurt Pinthus. Becher fand angemessene Worte dafür. Er nannte die acht Zeilen die «Marseillaise der expressionistischen Rebellion» und setzte fort: «Diese zwei Strophen … schienen uns in andere Menschen verwandelt zu haben, uns emporgehoben zu haben aus einer Welt stumpfer Bürgerlichkeit, die wir verachteten … Wir fühlten uns wie neue Menschen.»

Für Becher war der provozierende Text «weltwendend», denn er reflektierte die Sehnsucht nach einem neuen Lebens- und Kunstgefühl. Vielfältige, heiße Diskussionen, vor allem im Club und dem «Café des Westens» halfen, neue Vorstellungen über Wege und Ziele ihrer Kunst zu gewinnen. Nietzsches Kulturkritik gab Denkimpulse, wie auch das Humanitätsideal der Weimarer Klassik (Hiller). Das Bildstakkato (Metaphern) der apokalyptischen Untergangsstimmung, das van Hoddis kreierte, war ein Seismograf der Zeit, denn es vertiefte das Bewusstsein über die Krise der Zivilisation. Er verfremdete bestimmte Vorgänge, gleichsam Vorboten der baldigen Zertrümmerung der bürgerlichen Ordnung – ausgesprochen nur wenig mehr als drei Jahre vor der «Urkatastrophe des 20.Jahrhunderts», dem Ersten Weltkrieg. Im Zentrum des Gedichts stand der «Sturm», Vorbote der Apokalypse, der die Dämme brechen wird!

Hierin liegt die außergewöhnliche Wirkung der acht Zeilen in ihrem Kern begründet: einmal im respektlosen Angriff auf ein selbstgefälliges wilhelminisches Bürgertum, zum anderen in der Montagetechnik. Das Revolutionäre der Dichtung war in der Semantik zu finden, nicht in seiner Metrik (zweifach gereimte Strophen mit jeweils vier fünfhebigen Jamben). Konnte vom Gedicht «Weltende» Hoffnung auf eine neue Welt vermittelt werden? Becher hat diese Frage positiv beantwortet: «Die Welt der Abgestumpftheit und Widerwärtigkeit schien plötzlich von uns zu erobern und bezwingbar zu sein…»

Von van Hoddis wurden 70 Gedichte veröffentlicht, 1911 in der Zeitschrift Die Fackel, 1912 im Sturm und in der Aktion. 1912/13 begann seine lebenslange psychotische Erkrankung. Im April 1914 trat er zum letzten Mal auf einem Autorenabend der Aktion auf. 1915 war seine Nervenkrankheit schon fortgeschritten, und er kam in eine Heilanstalt in Jena, ab 1915 in Privatpflege.1918 erschien die einzige Buchveröffentlichung zu seinen Lebzeiten mit dem Titel Weltende (Aktions-Verlag). Ständige Internierungen in Heilanstalten bestimmten sein weiteres Leben.

Nach der Machtübertragung an Hitler brachte man van Hoddis in die einzige jüdische Heilstätte, Bendorf-Sayn bei Koblenz. Seine Mutter und zwei Schwestern hatten Nazideutschland bereits verlassen und fanden Zuflucht in Palästina. Am 30.April 1942 wurde Jakob van Hoddis in das «Generalgouvernement» deportiert. Anfang Mai 1942 wurde er in einem faschistischen Vernichtungslager (Chelmno, Belzec oder Sobibor) ermordet.

Bis zur Mitte der 60er Jahre galt in der DDR die parteidoktrinäre Linie, dass die expressionistische Moderne «kein wesentliches Erbe» für die marxistische Literaturtheorie und Ästhetik darstellen kann, sie wurde als «Formalismus», gar als Vorläufer des Faschismus und Nationalsozialismus definiert. Offensichtlich hatten Lukács (1934), auch A.Kurella, die Protagonisten, und andere nur Benn und Johst im Blick. Diese Wertung erwies sich jedoch als falsch und desorientierend, führte aber zur Entfernung des Expressionismus aus dem Literaturkanon der SBZ /DDR, was auch dem Axiom der sowjetischen Literaturpolitik seit Anfang der 30er Jahre entsprach. So verwundert es nicht, dass Kurt Pinthus’ Menschheitsdämmerung erst 1968 (!) in der DDR erscheinen konnte.

Bis Mitte der 80er Jahre gelang es dennoch schrittweise durchzusetzen, dass die Werke der humanistische Avantgardebewegung des Expressionismus in der DDR in größerem Umfang publiziert werden konnten und zum Gegenstand der gezielten Forschung und Lehre wurden, oft nach zäher Auseinandersetzung. So erschien 1985 in der Reihe «Poesiealbum» auch ein Gedichtband von Jakob van Hoddis.


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