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Wilder Streik der Stahlwerker in Polen

von Dariusz Zalega

Anfang Mai ging der längste wilde Streik Polens in Chorzów zu Ende. Die Arbeiter haben verloren, fühlen sich aber nicht besiegt.

Die Batory-Hütte ist die ehemalige Bismarck-Hütte, so hieß sie bis 1933. Der Betrieb hat eine fast 140-jährige Tradition und ist spezialisiert auf die Produktion von nahtlosen Stahlrohren mit großem Durchmesser und von bester Qualität. 2005 erwarb Roman Karkosik, der Besitzer des Konzerns Alchemie, die Hütte. Die meisten Arbeiter arbeiten seit Jahrzehnten dort, sie wohnen in der Nähe des Betriebs und sind sogar Fans des gleichen Fußballclubs, Ruch Chorzów.

Die Hütte erwirtschaftet, wie der ganze Konzern, große Gewinne: 2011 waren das 30 Millionen Euro, 700% mehr als im Vorjahr. Die Löhne waren mit 800 Euro netto für polnische Verhältnisse auch gut, und das stach der Direktion ins Auge. Mitte 2011 schloss die Geschäftsführerin von Alchemia, Karina Wsciubiak-Hanko, einen Vertrag mit der Zeitarbeitsfirma Work Service. «Die Krise hat uns gelehrt, dass elastische Formen der Beschäftigung eine Schlüsselrolle spielen», meinte sie. Die Beschäftigten mit einem befristeten Vertrag konnten entweder gehen oder sich bei der Zeitarbeitsfirma für die Hälfte des bisherigen Lohnes einstellen lassen, zudem kündigte der Vorstand der Batory-Hütte den Tarifvertrag.

Der Streik

Es begannen die ersten Entlassungen. Die Arbeiter gingen davon aus, dass die Gewerkschaften etwas aushandeln. Als sich die Gespräche jedoch über Monate hinzogen, wuchs die Wut der Arbeiter. Manche verdienten doppelt so viele wie andere, schließlich platzte ihnen der Kragen.

Am 2.April, um 6 Uhr morgens, traten 250 Arbeiter der Walzstraße und des Röhrenwerks in den Streik. Es war ein «illegaler», wilder Streik, die gesetzlichen Bestimmungen waren nicht eingehalten worden, die Arbeiter hatten jedoch genug von den monatelangen, ergebnislosen Verhandlungen.

Die Beschäftigten verlangten, weitere Kündigungen zu unterlassen, den Tarifvertrag wieder einzuführen, die «Schrott-Verträge» zurückzunehmen und alle Beschäftigten in Arbeitsverträge der Batory-Hütte zu übernehmen. Dazu sollten auch die fälligen Zahlungen für Feiertage aus dem Sozialfonds erfolgen. Wie meinte einer der Protestierenden: «Wir kümmern uns um den Betrieb, wir können hier gut arbeiten, aber das Management kümmert sich gar nicht um uns.»

Bei den täglichen Vollversammlungen entschieden die Beschäftigten über den Verlauf der Proteste, sie hatten kein Streikkomitee gebildet. Am 3.April kamen die Fans vom FC Ruch Chorzów zum Werk, viele von ihnen sind selbst Hüttenarbeiter. Die Direktion sah darin eine Politisierung des Streiks.

Dann kam unter den Streikenden das Gerücht auf, aus Bydgoszcz würden Leute vom Wachschutz kommen, um den Streik zu unterbinden. Die Stahlwerker verbarrikadierten sich im Betrieb. Zur Unterstützung kamen die Kumpel der Gewerkschaft «August 80», die vor über drei Jahren einen dramatischen Streik in der Zeche Budryk organisiert hatten. In Internetforen gibt es Aufrufe wie «Alle zur Hütte!» und Diskussionen.

In der Stadt wurde ein Krisenstab gebildet. Am 6.April nahm Herr Spik vom Vorstand an dem Treffen teil. Er verkündete, das Stahlwerk werde geschlossen, 150 Arbeiter entlassen. Er wurde des Saales verwiesen. Der Präsident der Stadt Chorzów erklärte, er sei erschüttert von der Einstellung des Vorstands.

Nach den Osterfeiertagen wurden 124 Beschäftigte des Stahlwerks entlassen. Anfang Mai wurde die Mehrzahl von ihnen wieder eingestellt, jedoch unter schlechteren Bedingungen – über eine Zeitarbeitsfirma.

Vorläufer

Damian, einer der Hüttenwerker meint: «Das ist eine Angelegenheit des ganzen Landes, aller Arbeiter, nicht nur von uns hier, den Jungs von Batory. Diese Ausbeutung  nach ‹Schrott-Verträgen› [«August 80» bezeichnet damit alle Verträge, die nicht nach dem Arbeitsrecht, sondern nach dem Zivilrecht geschlossen werden] muss beendet werden, sonst gehen die Leute auf die Straße.» Es war wichtig zu streiken und sich der Ausbeutung zu widersetzen – diese Meinung teilen alle Kollegen.

Die geschilderte Aussperrung der Beschäftigten war nicht die erste. Am 11.September 1922 kam es zu einem Streik auf der Bismarck-Hütte, als die Direktion die Gehälter kürzte. Die empörten Arbeiter drangen damals in das Büro des Direktors Kallenborn ein und versuchten, ihn vom Balkon zu werfen, gar ihn im Hochofen zu verbrennen. Als sie die Polizei vertrieben, wurde Armee eingesetzt, zwei Arbeiter wurden erschossen und die gesamte Belegschaft von 8000 Arbeitern entlassen. Die Armee besetzte den Betrieb. Die meisten Entlassenen wurden wieder eingestellt – zu schlechteren Bedingungen.

Darek Zalega ist Journalist und Mitarbeiter der Gewerkschaft August 80.

(Übersetzung: Norbert Kollenda.)


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