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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2012 |

Arbeiterselbstverwaltung in Venezuela

«Wir glauben an einen Sozialismus, bei dem die Arbeiter selbst etwas schaffen»
Interview mit Paulo Cumana und Felix Martínez

Im April waren zwei venezolanische Arbeiter zu Gast in Deutschland. Auf Einladung der deutschen Gruppe Interbrigadas, die solidarische Projekte in Venezuela betreut, sprachen sie auf mehreren Veranstaltungen über Ansätze von Arbeiterselbstverwaltung in Venezuela. Im Anschluss an die Veranstaltung in Köln sprach mit ihnen Angela Klein.

Beide stammen aus Anzoátegui, einem der 23 Staaten Venezuelas. Paulo Cumana arbeitet für die Fabrik Vivex (Vidrios Venezolanos Extra), die Glas für die Autoindustrie herstellt. Die Fabrik wurde, nach der Pleite und dem Abgang des Chefs, von den Arbeitern besetzt und in eigene Regie übernommen. Felix Martínez hat früher für Mitsubishi gearbeitet. Er leitet die Nationale Arbeiterunion (UNT) von Venezuela und ist in der Bewegung für Arbeiterkontrolle aktiv. Er ist auch ein politischer Aktivist und versteht sich als revolutionärer Marxist.

Paulo, wieviele waren in deiner Fabrik Vivex beschäftigt?

Ursprünglich fast 400 im Alter von 25 bis 30 Jahren, aber die Firma ging pleite und der Chef verschwand, nachdem er all seine kapitalistische List aufgewandt und die Schwäche vieler Mitarbeiter ausgenutzt hatte. Mehr als die Hälfte der Beschäftigten mussten die Arbeit aufgeben und eine niedrige Abfertigung akzeptieren. Noch dazu redeten ihnen Gewerkschaften vom Dachverband CTV ein, die Ideen, die wir umsetzen wollten, würden nicht funktionieren, unsere Aktionen wären verrückt und sinnlos, wir würden nie Erfolg haben. [Der CTV war vor dem Antritt von Chávez jahrzehntelang der dominierende Gewerkschaftsbund Venezuelas, seitdem hat er stark an Einfluss verloren.]

Sind das für venezolanische Verhältnisse große Fabriken?

Vivex ist eine der wenigen, die viele Arbeiter beschäftigt. In Anzoátegui gibt es zwei sehr große Fabriken: Mitsubishi und PDVSA. Ansonsten gibt es Betriebe mit 100, 200 oder 400 Beschäftigten.

Warum haben die Betreiber von Vivex das Unternehmen verlassen?

Der Chef ist gegangen, weil er die Löhne nicht zahlen wollte. Er argumentierte, er sei bankrott. Er hat den Behörden Dokumente vorgelegt, mit denen er einen Verlust von 80.000 Bolivar (18.626 US-Dollar, Stand vom 12.Juni 2012) dokumentierte.

Wie alle Kapitalisten bereichert er sich, macht Gewinn, ist schon Multimillionär und beruft sich auf neoliberale Maßnahmen. Danach verhandelt er mit dem Staat – denn obwohl in Europa und vielen Ländern gesagt wird, dass Chávez die Betriebe ausraubt, bezahlt in Wahrheit der venezolanische Staat die Betriebe und ihre Chefs. Venezuela ist ein Paradies für sie.

Es gab einen wichtigen Zwischenfall. Ende 2009 wollte der Chef von Vivex die Zahlungen an die Arbeiter reduzieren und ihre Rechte missachten. In einer Übereinkunft, die von der Gewerkschaft und der Betriebsleitung unterzeichnet wurde, wurde dann festgelegt, dass den Arbeitern der Lohn für 120 Tage Arbeit ausbezahlt werden sollte. Der Chef weigerte sich jedoch und wollte nur den Lohn für 15 Tage zahlen. Es gab einen Konflikt, die Arbeiter wandten sich an das Arbeitsministerium. Das Ministerium ordnete an, die 120 Tage zu bezahlen, der Chef akzeptierte das nicht und verließ die Fabrik.

Nach Chávez’ Antritt wurde die Hälfte der Fabriken geschlossen.

Passiert so etwas häufiger oder ist das ein Einzelfall?

2002, nach dem Staatsstreich, versuchten viele Unternehmer so zu handeln. Sie respektierten die Rechte der Arbeiter nicht, provozierten Konflikte, gaben vor, insolvent zu sein, behaupteten, dass sie die Arbeiter nicht bezahlen könnten und verließen schließlich ihre Betriebe. Es gab aber auch die Fälle wie Inveval, Invepal, Maprinca, Abaste Bicentenario etc., wo der Staat sich einschaltete, um die Fabrik zu kaufen und die Rechte der Arbeiter wieder anzuerkennen.

Als Chávez gewählt wurde, gab es in Venezuela 12.000 Fabriken, von denen 6000 geschlossen wurden.

Warum wurden die Unternehmen nicht verstaatlicht?

Weil der Staat keine Abkommen geschlossen hat und nicht die Mittel hat, alle verlassenen Fabriken aufzukaufen. Der Staat übernahm nur einige von ihnen wie Vivex, Invepal, Inveval, wobei es viele Probleme gab, die Produktion ans Laufen zu bringen. Diese Unternehmen beziehen Rohstoffe aus dem Ausland – sie sind begrenzt und werden oft nicht geliefert, um Venezuela zu sabotieren.

Ein anderer Punkt ist, dass die Regierung Bürokraten eingestellt hat, um die Unternehmen zu leiten – auch sie sabotieren mitunter, d.h. sie bremsen den Kampf der Beschäftigten und deren Organisation um mehr Rechte, mehr Beteiligungsmöglichkeiten. In einigen Unternehmen wurden die Produktionsmaschinen mitgenommen. In den großen Unternehmen musste der Staat hohe Ausgaben schultern, vor allem in der Erdölindustrie; dazu kamen noch die Sozialausgaben. Der Ölpreis ist zwar hoch, doch auch die Kosten sind enorm.

Die Regierung hat vor allem in strategische Unternehmen investiert, wie Sidor und Alcasa, das sind Unternehmen, die Rohstoffe abbauen und diese verarbeiten. Mit dem hohen Ölpreis hat die Regierung Projekte in diesen Unternehmen finanziert, damit sie wiederum anderen Unternehmen helfen, sich weiter zu entwickeln. Es ist ein wirtschaftliches Ziel der Regierung,  alle Fabriken wieder produktiv zu machen.

Die Regierung muss sich aber auch auf eine Bewegung stützen können, auf eine Arbeiteravantgarde, die in diesen Fabriken die Entwicklung der Arbeiterkontrolle vorantreibt. Seit etwa fünf Monaten mobilisieren wir dafür, Organe der Arbeiterselbstverwaltung zu schaffen. Vor zwölf Jahren gab es noch keine gewerkschaftliche Organisation, die den Präsidenten beim Vorantreiben von Projekten hätte unterstützen können.

Im speziellen Fall von Vivex haben wir die Kollegen dort in ihrem Vorhaben, die Fabrik zu übernehmen, bestärkt und ihnen geholfen, sich zu behaupten. Am 31.Mai 2011, zwei Jahren nachdem es besetzt worden war und von den Beschäftigten geleitet wurde, wurde das Unternehmen enteignet.

Wirtschaftspläne

Verwendet die Regierung ihre Mittel vor allem für die Primärindustrie?

Ja, sie unterstützt vor allem diese Unternehmen, danach kommen die Fertigungsbetriebe.

Wird denn die Fertigungsindustrie vernachlässigt?

Nein. Die Regierung hat viele ausgewogene politische und wirtschaftliche Pläne entworfen, die dem ganzen Unternehmenssektor zugute kommen. Im Jahre 2000 wurde der erste Wirtschaftsplan des Landes entwickelt. Ein weiterer Plan war Fábrica adentro («In der Fabrik») – der Plan diente dazu, Kleinbetriebe zu entwickeln. Doch in Wahrheit produzieren die Kleinbetriebe nicht, sie importieren und profitierten von den Erdölgewinnen. Ein Beispiel: Bei uns gibt es ein Industriegebiet mit einer Kapazität für 240 Fabriken. Aktuell gibt es dort 60 Firmen, wobei nur 15 von ihnen etwas produzieren, 45 Firmen sind reine Lager, sie importieren lediglich fertige Produkte aus dem Ausland.

Für die Staatsbetriebe wurden Wirtschaftspläne entwickelt, u.a. für den Ausbau von Raffinerien. Der sog. «Sozialistische Plan Guyana» zielt darauf ab, dass die rohstoffextrahierenden Betriebe die Grundstoffe auch verarbeiten. Das ist ein gemeinsames Interesse der Arbeiter und von Präsident Chávez.

Unserer Meinung nach sollten wir auch Technologie importieren, denn der Mangel an ausgereifter Technologie führte dazu, dass bilaterale Abkommen nur geschlossen wurden, um neue Technologie zu erlangen.

Wir streben nach einem produktiven Sozialismus, der innerbetrieblich nachhaltig sein soll, weil wir wissen, dass wir wie eine Insel sind und uns jederzeit eine Wirtschaftsblockade treffen könnte. Chávez will, dass bis zum 7.Oktober die Entwicklung beschleunigt wird und 32 Fabriken, darunter auch Vivex, ihre maximale Produktionskapazität erreichen. Deshalb wird jetzt viel investiert, nicht nur in enteigneten Fabriken.

Werden im Zuge dieser Investitionen auch mehr Arbeiter eingestellt?

Ja, das gehört zum Plan. Bis 2016 sollen 3 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden, allein in diesem Jahr 400.000. Der Plan heißt «Wissen und Arbeit», sein  Ziel ist, Arbeiter auszubilden, damit sie qualifizierte Tätigkeiten ausüben können. Vorgesehen sind diese Maßnahmen für die Erdöl- und Erdgasindustrie und den Agrarsektor. Die Regierung ist der Hauptarbeitgeber. Der Kapitalismus will Präsident Chávez mit Hilfe der Wirtschaft zerstören, man will ihn isolieren.

Die Selbstverwaltung

Wie funktioniert die Selbstverwaltung bei Euch im Betrieb?

In einer Versammlung werden demokratisch Sprecher und Delegierte gewählt. In unserer Fabrik haben wir elf Instanzen des Arbeiterrats, sie decken alle administrativen und organisatorischen Aufgaben des Unternehmens ab. Neben den elf Instanzen gibt es einige Hauptvertreter, die sich treffen und alle Vorhaben der elf Instanzen sammeln. Danach wird alles in den Kollektivrat getragen, und alle Mitarbeiter entscheiden.

Wie oft gibt es eine Generalversammlung?

Ein bis zwei Mal im Jahr. Auf den Generalversammlungen werden  die Arbeitspläne bestätigt, die jede Instanz zu realisieren hat. Wenn nötig, gibt es auch außerplanmäßige Versammlungen.

Wie groß ist der Anteil der Arbeiter, der sich aktiv an der Selbstverwaltung beteiligen?

In den Instanzen sind wir momentan 80, ich denke, dass die anderen 50 Kollegen auch bald eintreten. In jeder Instanz gibt es acht oder neun Personen. Von den 80 nehmen fast 95% teil, lediglich fünf nehmen nicht teil, sie sind eher ängstlich und wollen keine Verantwortung übernehmen.

Was sagen die Arbeiter dazu, dass sie das Unternehmen nun selber verwalten? Finden sie es gut oder schlecht?

Der Übergang war zufriedenstellend, denn die Arbeiter fühlen sich der Fabrik zugehörig. Dass wir nun schon zweieinhalb Jahre das Unternehmen betreiben, die Anlagen zu 90% ausgelastet sind, und wir auch ohne Staat produziert haben, ist ein Zeichen großer Reife. Zwei Jahre lang haben wir kein Geld vom Staat erhalten. Wir waren die Vorreiter – daran sieht man, dass es das geeinte Volk ist, das den Staat antreibt, die wahren Entscheidungen durchzusetzen. Das Volk drängte, und der Staat erkannte das proletarische Bewusstsein dieser Arbeiter.

Es ist nicht mehr wie zu kapitalistischen Zeiten. Die Beschäftigten arbeiten mit mehr Hingabe und Liebe, denn davon hängt ihr Lohn ab – außerdem ist das Ziel ja auch, das Land produktiv zu machen. Wenn unsere Fabrik Gewinne macht, betrachten wir sie als ein Darlehen vom Staat an, mit dem wir nachhaltig umgehen müssen.

Wir können nicht das ganze Leben lang vom Vater Staat leben. Im Moment haben wir ein staatliches Darlehen von 10–12 Millionen Bolivar (etwa 2 Mio. Euro) Wenn die Fabrik anfängt zu produzieren, wird ein bestimmter Betrag für die Rückzahlung zurückgelegt. Im Ministerium gibt es einen Spartopf, der dazu dient, die Finanzen zu vermehren. Denn all das funktioniert wie eine Kette: Mit Vivex werden wir später anderen Unternehmen helfen, d.h. wir müssen diese Anleihe zurückzahlen, um der Wirtschaft zu helfen, damit wir nicht nur vom Erlös des Erdölexports leben.

Seid ihr ein Beispiel für andere?

Die Selbstverwaltung der Arbeiter bei Vivex ist ein gutes Beispiel für andere Arbeiter hier in der Nähe. Die Bewohner eines nahe liegenden Dorfes nehmen beispielsweise am Arbeiterrat teil. Das nennt sich Instancia de poder popular (Instanz der Volksmacht). Es hat uns geholfen, Verbindungen zu knüpfen und zu erreichen, dass die Leute mitbekommen, was bei Vivex passiert. So haben wir eine Phase überwunden, in der Vivex sozusagen dämonisiert wurde, heutzutage fühlen sich die Leute einbezogen.

In der Nähe von Vivex gibt es noch vier weitere Fabriken, die enteignet wurden – sie werden aber anders verwaltet. Nun kämpfen die Beschäftigten dieser Fabriken für eine ähnliche Verwaltung wie die unsere, denn bei ihnen sind die Mitspracherechte begrenzter.

Schuster, bleib bei deinem Leisten

Wieso ist Arbeiterselbstverwaltung noch nicht so verbreitet?

Dafür gibt es politische Gründe, es gibt viel Bürokratie, auch ein falsches Verständnis von Sozialismus. Wir glauben an einen Sozialismus, bei dem die Arbeiter selber etwas schaffen, an den Arbeiterrat, an den Regionalrat, an die Kommunen, und daran dass sich all dies in verschiedene Instanzen der Volksmacht verwandelt. Der Regionalrat, der regionale und nationale Arbeiterrat, das sollten Organe der wirtschaftlichen Organisation und Planung sein.

Es gibt andere Sektoren, die eine vertikale, kapitalistische Struktur in den Arbeiterräten haben und diese auf die eine oder andere Weise manipulieren – da gibt es viel Streit zwischen den Arbeitern und den leitenden Angestellten, weil sie Vorhaben sabotieren.

Woher kommt diese Bürokratie?

Es gibt Funktionäre, die nur für den Staat arbeiten. Sie haben niemals für ein Unternehmen gearbeitet und wurden nun als Geschäftsführer angestellt. Diese Geschäftsführer wissen nicht, wie eine Fabrik funktioniert, aber sie wollen, dass die Fabrik so funktioniert, wie sie es möchten. Sie haben keine wirkliche Ahnung davon, wie eine Kontrolle durch die Arbeiter funktioniert. In den meisten Unternehmen, in denen die Kontrolle durch die Arbeiter nicht klappt, sind solche Staatsangestellte tätig.

Hat man bei Vivex auch versucht, Staatsangestellte einzusetzen?

Es gibt sie. Es gibt einen Verwaltungsausschuss mit fünf Mitgliedern, darin ist nur ein Arbeiter, der uns repräsentiert, Carlos Sabino, er ist Generalsekretär und hat die Ermächtigung von Präsident Chávez. Ich bin sein Vertreter, werde aber von der Basis gewählt.

Derzeit streiten wir um die administrative Struktur des Unternehmens. Wir befinden uns im Wandel. In der venezolanischen Verfassung gibt es kapitalistische Gesetze, die wir beachten müssen. Einer der Konfliktpunkte ist der, dass alle leitenden Positionen von normalen Arbeitern besetzt werden sollten, sie sind es, die die Fabrik kennen. Dafür gibt es Beispiele. Wie mein Kollege sagte: Die Fabriken, die scheitern, haben meist Geschäftsführer, die die Fabriken nicht kennen. In Venezuela gibt es das Sprichwort: «Schuster bleib bei deinem Leisten».

Bei Vivex konnte die Bürokratie den Kampf der Arbeiter nicht sehr bremsen, da die Arbeiter und die Gemeinschaft stark sind. Ich denke, dass Vivex ohne diesen vom Staat eingesetzten Verwaltungsausschuss besser dastünde und dass die Projekte «Volkskantine» und «Volkssender» längst realisiert wären. Dass die Stadtteilgemeinschaft am Beirat der Fabrik teilnehmen soll, war beispielsweise eine Entscheidung der Arbeiter.

Die Rolle der Gewerkschaften

Es gibt also noch kein Gesetz für selbstverwaltete Betriebe?

Nein, noch nicht. Am 1.Mai soll ein neues Arbeitsgesetz verabschiedet werden. Es ist möglich, dass darin Artikel aufgenommen werden, die von den Arbeiterräten entwickelt wurden. Ich denke, dass dieses Jahr ein Gesetz zu den Arbeiterräten genehmigt werden wird. Wir werden jedoch von der Verfassung geschützt. Artikel 70 besagt, dass wir das Recht haben, uns selbst zu organisieren.

Wie gesagt, das Gesetz wird auf nationaler Ebene noch diskutiert. Es gibt Vorschläge, Fabriken zu schließen oder den Arbeitern zu übergeben. Andere sagen, der Staat soll die Fabriken übernehmen. Wieder andere meinen, die Unternehmen gehören den Kapitalisten. Der Streit ist heftig, und wir hoffen, mit einem neuen Gesetz zu erreichen, dass jedes Unternehmen, das schließt, vom Volk und von den Arbeitern übernommen werden kann.

Welche Rolle spielen die Gewerkschaften, wenn es darum geht, verlassene Betriebe in Selbstverwaltung zu übernehmen?

2005 wurden zahlreiche Unternehmen geschlossen. Chávez gab die Losung aus: «Eine Fabrik, die schließt, ist eine Fabrik, die enteignet werden kann.» Doch die Gewerkschaftsführung war schwach, sie nutzte den Moment nicht, es wurde kein Plan zur Übernahme der Fabriken und zur Entwicklung einer Arbeiterselbstverwaltung entwickelt.

Dann kamen nach und nach neue Gewerkschaftsführer – solche wie wir. Wo immer eine Fabrik geschlossen wird, versuchen wir, dafür zu sorgen, dass sie weiter produzieren kann. Wir haben ein Modell der Arbeiterselbstverwaltung entwickelt, das wir jeweils mit den Arbeitern der betroffenen Betriebe diskutieren.

Wie ging das vor sich mit der Herausbildung einer neuen gewerkschaftlichen Führungsschicht?

In Anzoátegui haben wir seit 2003 die UNT (Nationale Arbeiterunion). Dort entwickeln wir ein neues Gewerkschaftsmodell. Das entstand durch die schlechten Erfahrungen mit den früheren Gewerkschaften des CTV und durch die Kämpfe, die wir hatten. Wir streben ein «horizontales Modell» an, Koordinationen, wir nennen sie «Arbeitsgruppen», die es Leitern kleiner Gewerkschaften erlauben, sich in die UNT zu integrieren und sich an ihr zu beteiligen.

Die UNT versucht, den Arbeitern bewusst zu machen, wie ihre Aufgaben als Leiter im Unternehmen aussehen, wie man Arbeitern Wissen vermitteln kann, wie man erreicht, dass sich die Beschäftigten an der Organisation beteiligen. Wir tun viel, um Arbeiter zu informieren – Kinoabende, Mobilisierungsveranstaltungen, Zeitungen, Flyer.

In welchen Sektoren gibt es diese neuen Gewerkschaften?

In Anzoátegui ist der am weitesten fortgeschrittene Sektor die Metallindustrie, die Montagefabriken: Vivex,  Macusa. Wir arbeiten auch mit Toyota, die sind in der Nähe. Wir hatten nicht viel Zeit. In Anzoátegui ist die UNT gerade fünf Monate alt. Jetzt gibt es elf oder zwölf Gewerkschaften, die mit diesem Modell arbeiten. Es sind lokale Gewerkschaften aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen – Handel, Dienstleistung, Manufaktur, Zement.

Wie soll die Gewerkschaft aussehen, die euch vorschwebt?

Wir haben die Absicht, in jedem Wirtschaftssektor Gewerkschaften zu gründen, doch bei Wahrung ihrer jeweiligen Unabhängigkeit. In jedem Sektor soll es einen Gewerkschaftsbund geben, jedes Unternehmen hat aber seine eigene Gewerkschaft und Autonomie.

Werden die Kollektivverträge national oder regional ausgehandelt?

Die Kollektivverträge werden im Moment Fabrik für Fabrik ausgehandelt. Es ist geplant, dass es Branchenverträge geben soll, damit es da gleiche Bedingungen gibt.

Gibt es bei Vivex einen Arbeiterrat und eine Gewerkschaft?

Bei Vivex gab es eine Gewerkschaft, die jedoch zwei Jahre nach der  Enteignung nicht mehr gut funktionierte. Als der Staat das Unternehmen enteignete, wurde der Bildung eines Arbeiterrats der Vorrang gegeben, um die Produktion anzukurbeln. Nun versuchen wir, die Gewerkschaft organisatorisch auf Vordermann zu bringen. Es gibt staatliche Vorgaben für die Verwaltung einer Gewerkschaft: die Versammlungen, die Präsentation ihres Haushalts, die Ausgaben usw.

Für die Zukunft wünschen wir uns, dass beides existiert. Für uns ist die Gewerkschaft die Organisation, die die Rechte der Arbeiter verteidigt – denn wir haben immer noch einen Chef, den Staat. Der Arbeiterrat hingegen verwaltet die Fabrik. Am Ende sollten wir mit zwei Werkzeugen gegen jedwede kapitalistische Arbeitsunterwerfungspolitik kämpfen können.

Rollenkonflikte

Zahlt der Staat die Löhne?

Ja.

Gibt es Fabriken, die vom Arbeiterrat und der Gewerkschaft kontrolliert werden?

Bei Inveval haben die Arbeiter und die Gewerkschaft die vollständige Macht. Sowohl über die Verwaltung als auch über weitere Entwicklungen im Produktionsbereich entscheiden die Beschäftigten, sie entscheiden sogar über die Verwendung der Erträge. Der Staat gibt das Geld, und die Arbeiter kontrollieren die Herstellung und die Lieferung. Alle Beschäftigten bekommen denselben Lohn, der auch jeweils gleichmäßig erhöht wird. Die Verhandlungen mit der Regierung führt die Gewerkschaft. Erfahrungen dieser Art gibt es noch nicht so viele, wir haben gerade erst damit angefangen und wollen es auch bei Vivex versuchen.

Teilt sich die Belegschaft so auf, dass ein Teil in der Gewerkschaft aktiv ist und ein anderer Teil im Arbeiterrat?

Wir versuchen, alle Arbeiter an der Leitung teilnehmen zu lassen. Mitunter wird es Führungskräfte geben, die in der Gewerkschaft und in einer Instanz des Arbeiterrats aktiv sind.

Wir wollen, dass die Gewerkschaftsführer nicht im Arbeiterrat sind, damit mehr Arbeiter daran teilhaben können und dadurch ein besseres Gleichgewicht entsteht.

Manchmal ist es auch so, dass Arbeiter, die die Produktion verlassen und nur in der Verwaltung tätig sind, sich von ihren Kollegen entfernen und damit auch das Klassengefühl verlieren. Wir versuchen das zu vermeiden.

Gibt es Konflikte zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeiterrat?

Es gibt Fabriken in Venezuela, wo es Konflikte gibt, bei Vivex ist das nicht der Fall. Das ist einer der Faktoren, der uns stark macht. In Guyana gibt es jedoch Unternehmen, wo die Arbeiter sich Selbstverwaltung wünschen und dann mit der Gewerkschaft konfrontiert werden, in diesem Fall sind es CTV-Gewerkschaften, das wird dann schwierig.

Es gibt aber auch sog. bolivarische Gewerkschaften, die mit der bolivarischen Arbeiterselbstverwaltung nicht klar kommen. Dabei geht es darum, wer die Arbeiter kontrolliert und wer die Ressourcen verwaltet. In einem Fall wurde dadurch alles lahmgelegt und die Fabrik in den Bankrott getrieben.

Bekommen die Gewerkschaften Geld vom Staat?

Die Gewerkschaften werden nicht vom Staat finanziert, die Geschäftsführer eines Betriebs schon. Deshalb brauchen wir Autonomie, denn wenn der Staat anfängt zu finanzieren, will er die Kontrolle haben. Im Arbeiterrat haben wir, als die ersten Löhne gekürzt wurden, einen eigenen Topf angespart, eigene Finanzmittel für Mobilisierung und Propaganda. Dieser Tage wird entschieden, einen Teil des Gehalts auf das Konto der Gewerkschaft zu überweisen.

Gibt es einen politischen Diskurs über die Arbeiterkontrolle?

Es gibt verschiedene Vorschläge. Manche wollen eine Art Mitbestimmung wie in Deutschland. Andere, wie Teile des CTV, wollen gar keine Kontrolle durch die Arbeiter. In Guayana ist die Diskussion am weitesten fortgeschritten.

Seit Oktober letzten Jahres versuchen wir, für Arbeiterkontrolle zu werben.Wir arbeiten an einer nationalen Koordinierung aller enteigneten Unternehmen, um unsere Idee der Selbstverwaltung durch die Arbeiter zu propagieren. Im Januar haben wir ein zweites Treffen der Arbeiterselbstverwaltung bei Vivex organisiert. Das war eine sehr gute Erfahrung. Es kamen Vertreter von Unternehmen, bei denen es keine Kontrolle durch die Arbeiter gibt, auch Gewerkschafter aus privaten Unternehmen kamen. So können wir in Anzoátegui eine Bewegung aufbauen. Unser Ziel ist, dass in jeder Region eine solche Bewegung entsteht.

Hat die Regierung Chávez dazu eine andere Haltung?

Teils, teils. Manche, wie Eduardo Samán, vertreten das Modell wie wir. Er war Minister in der Regierung von Chávez, wurde aber aus bürokratischen Gründen ausgeschlossen und ist nun Leiter der Zeitung VEA. Innerhalb der Chávez-Partei PSUV wird das Modell am stärksten von Basisaktivisten verteidigen. Vertreter des Apparats bevorzugen ein «kontrollierteres» Modell.


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