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Eine Frau ganz oben

Erfolgreicher Arbeitskampf auf der südkoreanischen Hanjin-Werft

von Jochen Gester

Über ein Jahr lang wurde auf einer südkoreanischen Werft mit vollem Einsatz ein außergewöhnlicher Arbeitskampf geführt und mit einem unerwarteten Erfolg der Arbeiterinnen und Arbeiter beendet. Im Mittelpunkt stand eine Frau, deren Mut und menschliche Stärke eine herausragende Rolle spielten.

Schauplatz der Auseinandersetzung ist die Hanjin-Werft in Pusan, eine der größten in der Schiffbaubranche. Jahrzehntelang wurden hier Schiffe gebaut, Südkorea zur weltgrößten Schiffbaunation gemacht. Niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und ein gewerkschaftsfeindliches Umfeld machten es möglich. Doch die Entwicklung der organisierten Arbeiterbewegung nach dem Ende der Militärdiktatur setzte dieser Expansion Grenzen, so dass die Hanjin Heavy Industries & Construction (HHIC) begann, neue Produktionskapazitäten in den Philippinen aufzubauen.

In Subic Bay, einem ehemaligen Marinestützpunkt der USA, entstand der weltweit viertgrößte Werftenkomplex mit über 20000 Beschäftigten, Tendenz weiter steigend. Hier arbeiten ausschließlich Gelegenheitsarbeiter von Subunternehmen. Die Löhne sind niedrig und die Versorgung ärmlich, die Arbeitsbedingungen lebensbedrohlich. Bereits mehr als 30 Arbeiter kamen dort seit Beginn der Arbeiten in 2006 wegen unzureichender Sicherheitsvorkehrungen ums Leben.

Im Zuge der Verlagerung der Fertigung hatte die HHIC bis Ende 2010 bereits 3000 zumeist prekär Beschäftigte in Südkorea entlassen. Als das Management erneut weitere 600 Beschäftigte auf die Entlassungsliste setze, traten Teile der Belegschaft am 20.Dezember in den Streik. Denn die HHIC ignorierte mit dieser Ankündigung auch ihre Vereinbarung mit der Gewerkschaft, in der sie sich verpflichtete, auf die Fortsetzung ihres Restrukturierungsplans zu verzichten. Die HHIC beantwortete die Arbeitsniederlegung mit Aussperrungen und erhob Schadensersatzforderungen gegenüber der Gewerkschaft.

Die Besetzung

In dieser Situation entschlossen sich die Kim Jin-Suk, Moon Chulsang und Chae Gil-Young, drei Gewerkschaftsaktive der KMWU, als Zeichen des Protests einen 50 Meter hohen Kran zu besetzen. Im Jahr 2003 hatte der damalige örtliche Vorsitzende der Metallarbeitergewerkschaft, Kim Joo-ik, schon einmal für 129 Tage den Kran Nr.85 bestiegen, um gegen die Unterdrückung der Gewerkschaftsarbeit auf der Werft im Jahr 2003 zu protestieren. Aus Enttäuschung über ein Abkommen der Gewerkschaft, die gegen nur geringe Gegenleistungen die Entlassungen anerkannte, nahm er sich das Leben. Die KMWU erklärt die Zustimmung danach für ungültig und setze den Kampf fort.

Kim Jin-Suk sollte schließlich 309 Tage und Nächte auf der Plattform ausharren, Kälte und Stürmen ebenso trotzen wie den Stürmungsversuchen durch Schlägertrupps der Werksleitung. Auch zahlreiche weitere Zermürbungsversuche konnten sie nicht zur Aufgabe zu bewegen.

Im Juni 2011 versuchte das Unternehmen, den Streik gewaltsam zu brechen. Es heuerte etwa 400 Sicherheitsdienstleute an, die zusammen mit etwa 2000 Einsatzkräften einer Antiaufstandseinheit, 20 Polizeibussen und etwa 300 weiteren «Freiwilligen» das Areal umzingelten. Etwa 100 Gewerkschafter ketteten sich daraufhin an den Kran 85. Im Zuge der zunehmenden Verlagerung von Arbeit in die Philippinen war die reguläre Arbeit in Pusan in der Zwischenzeit weitgehend zum Erliegen gekommen.

Als Ausweg aus dieser Lage versuchte der kämpfende Teil der Werftbelegschaft, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. So gelang es, eine Aktion ins Leben zu rufen, die wirksame Hilfe leistete: «Hoffnungsbusse für eine Welt ohne Massenentlassungen und prekäre Arbeit». 10.000 Unterstützer kamen damit am 7.Juli aus dem ganzen Land und demonstrierten ihre Solidarität.

Twitter

Von großer Bedeutung war dabei, dass Kim il-Suk über ihr Handy Nachrichten per Twitter versendete und 89.000 Interessierte fand, die die Forderungen der Werftarbeiter weiter verbreiteten. Denn die Medien in Südkorea sind fest in den Händen der gleichen Familienclans, die auch in den Industriekonzernen den Ton angeben. Deshalb wollte das HHIC-Management diese Quelle der Gegenöffentlichkeit auch unbedingt zum Versiegen bringen. Doch das misslang. Kims Kolleginnen und Kollegen schmuggelten an allen Kontrollen vorbei ein Brot hinauf, in dem ein solarzellengestütztes Aufladegerät eingebacken war.

Durch den Druck der Solidaritätskampagne kam das Verhalten des HHIC-Konzerns im koreanischen Parlament zur Sprache. Deutlich wurde, dass die Entlassungen nicht das Ergebnis einer existenzbedrohenden wirtschaftlichen Entwicklung, sondern Ausdruck reiner Profitgier waren. Proteste gegen die Missachtung gewerkschaftlicher Rechte gab es auch seitens der ILO und der Verbände der Internationalen Metallarbeitergewerkschaft, auch von der IG Metall. Am 10.11.2011 verließ Kim ihren Kran. Die Streikenden hatten vorher einem Vermittlungsvorschlag des Komitees der Nationalversammlung zugestimmt, er sah vor, dass 94 der zuletzt Entlassenen wieder eingestellt werden und eine Abfindung bekommen.

Kim selbst, die erste Schweißerin Südkoreas, war 1987 wegen Ungehorsams gegenüber ihrem Vorgesetzten auf der Werft gekündigt worden, anders als die mit ihr damals Entlassenen wurde sie jedoch nie wieder eingestellt. Sie spielte damals eine Schlüsselrolle für die erfolgreiche Beendigung des Monopols der gelben Staatsgewerkschaft auf der Werft. Im jetzigen Arbeitskampf war sie – eine geschätzte und anerkannte Gewerkschafterin – als externe KMWU-Aktivistin tätig. Sie gab wieder ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie das vorbildliche Handeln einzelner Personen dazu beitragen kann, auch scheinbar aussichtslose Kämpfe erfolgreich zu beenden.


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