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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2012 |

Bergarbeiterinnen in Asturien im Streik

«Wir haben um die Arbeit kämpfen müssen»

Unter den Bergarbeitern, die die asturischen Bergwerke seit Ende Mai bestreiken, sind auch viele Frauen. Anders als in Deutschland arbeiten sie auch unter Tage. Ein Gespräch mit MARÍA GONZÁLEZ, Bergarbeiterin aus der Zeche «María Luisa» in Asturien.

Wie viele arbeiten unter Tage?

In der Zeche «María Luisa» arbeiten 2000 Bergarbeiter, darunter 200 Frauen. Ich habe mit 29 Jahren angefangen. Vorher haben wir einen langen Kampf darum geführt, dass Frauen in den Minen arbeiten können. Jeden Tag fahre ich 689 Meter unter die Erde, in einem «Käfig», wie wir es nennen. Wir wissen, zu welcher Uhrzeit wir reinfahren, aber nicht, ob wir wieder rauskommen. Es ist eine sehr harte Arbeit, für Männer wie für Frauen. Deswegen sind wir aber auch so entschlossen und kämpferisch. Mein Großvater hat schon in der Mine gearbeitet und auch mein Vater, er starb dort im Alter von 47 Jahren. Es war besonders schwer für meinen Bruder, auf der Zeche zu arbeiten, in der mein Vater gestorben ist.

Welche Arbeiten machen Frauen da?

Wir machen die gleiche Arbeit wie die Männer. Aber natürlich ist es schwieriger für eine Frau, zum Beispiel wegen der fehlenden Toiletten unter Tage. Dennoch behandeln uns die Männer mit viel Respekt, zumindest im Vergleich zu anderen Bereichen, in denen ich gearbeitet habe. Es gibt viel Kameradschaft, weil wir alle die gleiche harte Arbeit machen.

Für das Recht, auf der Zeche zu arbeiten, musste ich zunächst vor dem Verfassungsgericht klagen und gewinnen. Das Urteil kam im Dezember 1992, bis dahin durften Frauen nicht im Bergbau arbeiten.

Wie sind die Arbeitsbedingungen?

Für beide Geschlechter sind sie unmenschlich. Wir müssen aufpassen, dass unser Brot nicht von Kakerlaken und Ratten aufgefressen wird. Es ist sehr feucht und sehr heiß unten, so dass wir nach acht Stunden nassgeschwitzt sind. Ein Unfall im Bergwerk ist nicht das Gleiche wie bei einer anderen Arbeit. Als ich anfing, hatte ein Kumpel einen Unfall, und ich musste ihn allein fast 300 Meter schleppen. Ich rettete ihm das Leben. Am nächsten Tag musste ich um sechs aufstehen und zur Arbeit gehen, wie an jedem anderen Tag. Wir sehen kein Licht und merken nur an den Gerüchen, ob es draußen regnet oder die Sonne scheint.

In den Medien heißt es, die Bergarbeiter seien privilegiert, mit relativ hohen Löhnen und Rentenansprüchen…

Wieso redet man nicht über die Polizisten, die mit 52 in Rente gehen? Es kann doch kein Privileg sein, die Gesundheit oder das Leben in der Mine zu lassen. Die Unternehmen haben nach der Schließung von Zechen Subventionen für die Schaffung anderer Arbeitsplätze in der Region bekommen. In der Regel haben sie damit Scheinfirmen aufgebaut, wieder geschlossen und auf diese Weise ein Vermögen gemacht. Die Hilfen waren jedoch dafür gedacht, die Wirtschaft in den Dörfern zu diversifizieren und alternative Arbeitsplätze zu schaffen. Doch die Mehrheit der Unternehmen hat das Geld einfach eingesteckt.

Wie organisieren sich die Frauen im Streik?

Im Laufe des Arbeitskampfes hat sich eine «Plattform der Bergarbeiter-Frauen» gegründet, darin haben sich sowohl Frauen von Bergarbeitern als auch Bergarbeiterinnen zusammengeschlossen. Wir wollen die Demonstrationen unterstützten und laut werden, denn die Medien  boykottieren uns. Es ist unglaublich, in einer Demokratie verhalten sich die Medien, als wäre es eine Diktatur.

Wie reagiert der Staat auf den anhaltenden Protest?

Die Nationalpolizei dringt in die Häuser ein und greift alle an, auch alte Menschen und Kinder. Sie notieren Nummernschilder von Autos. Wenn jemand seinen Wagen stehen lässt, um zu protestieren oder eine Barrikade zu bauen, werden die Reifen durchstochen. Die Regierung tut alles, um unseren Streik zu stoppen. Aber nicht einmal die Hälfte von dem, was passiert, kommt in den Nachrichten.

In allen Bergbaudörfern Spaniens gibt es Proteste. Die Regierung schickte zunächst 300 Polizisten aus Madrid nach Asturien, dann weitere 400. Nun sind hier schon mehr als 1000 Angehörige der Nationalpolizei, außerdem die Guardia Civil. Sie versuchen, unseren Widerstand zu brechen.

Denn wenn wir BergarbeiterInnen demonstrieren, bauen wir Barrikaden und kämpfen mit unserem Leben. Wir haben keine Angst zu sterben. Hoffentlich machen dies andere Menschen nach. Nicht nur dieses ganze Land, die ganze Welt muss sich bewegen.

Quelle: http://gis.blogsport.de/2012/07/28.


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