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Die Bahn und der Holocaust

Räder müssen rollen in den Tod

von Dieter Braeg

Sie fuhr die Menschen in den Tod. Die Bahn. Ab 1933 war sie wichtigster Handlanger und Transporteur der deutschen NS-Diktatur. In diesem Jahr feiern die ‹Reichsbahn›-Erben ihr 175.Jubiläum. Es ist höchste Zeit, dass sie sich der eigenen Geschichte stellen. Unter dem Titel «Verdrängte Jahre» wird nun, unter Mitwirkung von Lehrlingen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), im Foyer der ÖBB Infrastruktur in Wien eine Ausstellung zur Geschichte der österreichischen Eisenbahn im Nationalsozialismus gezeigt.

Im Jahre 2010 erklärten Überlebende der Vernichtungstransporte: «Wir sind Überlebende dieser Todestransporte. Auch 65 Jahre danach ist die Verbrechensbeihilfe der Deutschen Reichsbahn nicht abgegolten. Eine angemessene Ehrung der Millionen, die von den Transporten mit der Deutschen Reichsbahn nicht zurückkehrten, wäre längst an der Zeit gewesen. Den bedürftigen Überlebenden zu helfen, sollte selbstverständlich sein. In diesem Jahr feiern die ‹Reichsbahn›-Erben ihr 175.Jubiläum. Es ist höchste Zeit, dass sie sich der eigenen Geschichte stellen. Die historischen Nachfolger der ‹Deutschen Reichsbahn› müssen ihrer moralischen und finanziellen Pflicht endlich nachkommen. Wir appellieren an die deutsche und internationale Öffentlichkeit, sich an die Seite der Überlebenden zu stellen und für Aussöhnung und Gerechtigkeit einzutreten.»

Erinnern wir uns, wie schäbig die Deutsche Bahn mit dem «Zug der Erinnerung» umgegangen ist, und wie sehr auch heute noch Umwege gegangen werden, um der eigenen Geschichte mit möglichst wenig öffentlichem Aufwand zu begegnen.

Der Reichsbahn-Anschluss

Die ÖBB (Österreichische Bundesbahnen) feiern im Jahre 2012 «175 Jahre Bahn in Österreich», und zu dieser Geschichte gehören auch sieben NS-Jahre (1938 bis 1945): Am 17.März 1938 verordnete die Reichsregierung die Liquidierung der damals als BBÖ firmierenden österreichischen Bahn, am 18.3.1938 wurde sie zum «Sondervermögen des Deutschen Reichs» erklärt und der Deutschen Reichsbahn einverleibt. Ihr gehörten plötzlich 57.000 Beschäftigte, dazu 2100 Loks und 40.000 Waggons.

Unter dem Titel «Verdrängte Jahre» wird nun, unter Mitwirkung von Lehrlingen der ÖBB, im Foyer der ÖBB Infrastruktur in Wien eine Ausstellung zur Geschichte der österreichischen Eisenbahn im Nationalsozialismus gezeigt.

Der Vorstandsvorsitzende der ÖBB, Christian Kern, erklärt dazu: «Ohne Eisenbahn wäre die Kriegslogistik der deutschen Wehrmacht nicht machbar gewesen, hätten die Aggressionskriege in Europa nicht geführt werden können. Die Deutsche Reichsbahn und mit ihr auch die ehemals österreichischen Bahnbediensteten sind durch die Deportation zahlloser Menschen unmittelbar am Holocaust beteiligt.»

Das dokumentiert die Ausstellung am Praterstern in aller Deutlichkeit. Das trotz ständestaatlicher Diktatur sozialistisch dominierte österreichische Eisenbahnwesen wurde ab der «Übernahme» radikal auf NS-Linie gezwungen. Von den knapp 60.000 Mitarbeitern wurde jeder Fünfte entlassen. In kürzester Zeit wurde die Personallücke durch die Einstellung von 9000 österreichischen Altnazis (die Nazipartei war ja im Ständestaat zeitweise verboten) geschlossen, dazu erfand man auch neue Fantasiedienstbezeichnungen, wie die des «Dezernenten-Stellvertreters». Jeder Eisenbahner hatte schriftlich zu erklären, dass er kein Jude sei, der Diensteid wurde auf Hitler abgelegt. Die Grußformel «Heil Hitler» wurde als «deutlicher Zuruf» vorgeschrieben, das Heben des rechten Arms konnte bei Arbeiten auf den Gleisen oder Bahnsteigen unterbleiben.

Bei Kriegsende waren bei der Reichsbahn in Österreich mehr als 100.000 Menschen beschäftigt. Dazu kamen noch bis zu 20.000 KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus dem Osten. Während des Kriegs wurde massiv um «deutsche Frauen und Mädel» geworben.

Die Transporte

In dieser Ausstellung wird deutlich, wie das Unternehmen zwischen 1938 und 1945 zum funktionierenden Räderwerk des NS-Regimes gemacht wurde. Hitlers erster großer Auftritt fand in einer großen, stillgelegten Halle des Wiener Nordwestbahnhofs statt – sie bot 12.000 NS-Anhängern Platz. In der gleichen Halle präsentierte das Regime im Sommer 1938 die Hetzausstellung «Der ewige Jude».

Die Gleichschaltung ging weiter. Die Eisenbahner-Krankenkasse verbot nicht nur die Behandlung durch jüdische Ärzte, sie veröffentlichte auch eine Liste «arischer» Mediziner – nur sie durften Eisenbahner medizinisch betreuen. Dazu gab es ein Berichtssystem, das laufend die Einstellung der Eisenbahner überprüfte. Bahnbeamte bekamen als Bahnschutzpolizei besondere Befugnisse (sie durften Reisende verhaften) und arbeiteten über den Reichsbahn-Fahndungsdienst direkt mit Polizei und Staatsanwälten zusammen.

Kaum einen Monat nach dem Überfall auf Polen fuhren die ersten Sonderzüge: 1500 Juden wurden nach Ostpolen verfrachtet, wo Adolf Eichmann sie aussetzen ließ. Aus Österreich fuhren während der Nazidiktatur fast 100 Deportationszüge in die Vernichtungslager. An diesem Mordtransport verdiente die Reichsbahn gutes Geld, pro Jude wurde der Fahrpreis 3.Klasse (2 Reichspfennig pro Kilometer) abgerechnet, für Kinder galt der halbe Fahrpreis. Da rollten Räder nicht, wie die Goebbelsche Propaganda verkündete, für den Sieg, da rollten Räder in den Tod.

Den Eisenbahnern war das Elend der in die versperrten Waggons gepferchten Menschen bewusst und bekannt. Karl Steinocher war Fahrdienstleiter bei der Deutschen Reichsbahn: «Ein Sonderzug stand mehrere Stunden auf einem Nebengleis am Bahnhof Steindorf bei Strasswalchen. Ich hörte furchtbares Stöhnen aus den Waggons. Jede Annäherung an den Waggon war lebensgefährlich, die Ordnungspolizei war überall. Wir haben das gesehen, wir haben das gewusst. Es war entsetzlich. Es ist entsetzlich.»

Der Widerstand

Es gab aber auch Widerstand:

«Sehr geehrter Herr Volksgenosse Dorpmüller! Ihrer Aufforderung, Ihnen Vorschläge dazu. wie man die Leistungsfähigkeit der Reichsbahn am besten nutzen kann, wollen meine Kollegen und ich gerne Folge leisten. Wir garantieren, wenn dieser Vorschlag durchgeführt wird, gibt’s genug Fahrpersonal und genug Material.

Dann gibt’s keine Wartezeit und keine Überarbeit!

Dann ist sogar Schluss mit Antreiberei und Lohndrückerei!

Unser Vorschlag heisst:

Schluss mit dem Hitlerkrieg!

Schluss mit der ganzen verfluchten Nazi-Schweinerei!

Hitler verrecke!

Reichsbahn-Kumpel Schmidt»

In einem anderen illegal verbreiteten Flugblatt war zu lesen:

«Lokomotivführer! Bringt Euren Zug zu früh oder zu spät zum Stehen (das geht freilich nur bei kleinen Stationen); geht sparsam mit der Ölkanne um, aber umso großzügiger mit der Kohle!

Tramway-Führer! Bleibt bei jeder Haltestelle nach Bedarf stehen, haltet mit einem Ruck und fahrt plötzlich an!

Weichensteller! Nehmt Eure Aufgabe nicht zu ernst; stellt die Weichen von Zeit zu Zeit falsch, nicht um einen Zusammenstoß, sondern um eine Arbeitsverzögerung herbeizuführen.»

Außerdem kam es zu Brand- und Sprengstoffanschlägen auf Eisenbahnanlagen. Schon im Jahre 1940 gab es, angefordert vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin, eine Untersuchung der «Sabotage- und Terrororganisation in der Ostmark». 1941 stellte dieses Amt fest, dass im Vergleich zum «Altreich die Ostmark seit Ausbruch des Kriegs in sabotage-polizeilicher Hinsicht eine größere Rolle spielte».

Auch das folgende Flugblatt ist in der Ausstellung dokumentiert und es erlangt, so wie Europa heute mit anhängig Beschäftigten teilweise umgeht, eine zusätzliche Bedeutung:

«Ich bin der deutsche Leibeigene.

Ich habe das Arbeitsbuch. Ich muss arbeiten, wo und wann Sauckel es befiehlt.

Ich muss arbeiten – bei Tag und bei Nacht, an Sonn- und Feiertagen. Ich kriege keinen Urlaub. Ich habe keine Freizeit.

Ich muss arbeiten, wo Sauckel und mein Unternehmer befehlen, unter Bomben, in Polen, im Protektorat, in den besetzten Gebieten, im Ausland, wohin immer ich zwangsverschickt werde. Und ich muss jede Arbeit machen, die mir befohlen wird.

Ich muss hungern. Ich darf keinen höheren Lohn fordern. Ich darf gar nichts fordern.

Ich muss gehorchen – dem Unternehmer, dem Meister, dem Obmann, dem Betriebspolizisten und dem Werkspitzel.

Ich muss arbeiten, hungern, gehorchen – so befielt es Sauckel.

Ich muss mit meinem Schweiß, mit meinem Blut, mit meiner Gesundheit und mit meinem Gehorsam die Zwangsmaschine in Gang halten, die die Arbeiter ganz Europas zu Leibeigenen machen soll – so wie mich.»

Die Rache des NS-Regimes war gnadenlos. Zwischen 1938 und 1945 wurden 2700 Österreicher aus politischen Gründen zum Tode verurteilt und hingerichtet. 16.493 Widerstandskämpfer wurden in Vernichtungslagern ermordet, 9687 in Gefängnissen oder durch die Gestapo getötet. 154 Eisenbahner wurden zum Tode verurteilt und hingerichtet. 1438 bekamen Zuchthaus- oder KZ-Strafen, 135 Bahnbedienstete starben in einem Zuchthaus oder Konzentrationslager. 43 gehörten der Strafdivision 999 an, davon fielen 22 Personen.

1972 kam der österreichische Bahnhistoriker Friedrich Vogl, auch damals viel zu spät, zu folgendem Schluss: «Den Eisenbahnern konnten die Truppen- und Kriegsmaterialtransporte, die Lazarettzüge voll verwundeter und verstümmelter Soldaten, die brutalen Kriegsgefangenentransporte, die Transporte der Zivilgefangenen, KZler, Juden und Zigeuner nicht verborgen bleiben.»

Spät, aber doch, ist die nun die Ausstellung der ÖBB mit dem Titel «Verdrängte Jahre», samt Dokumentation, die erste umfassendere Ausstellung über die Bahn in Österreich zwischen 1938 und 1945. Sie sollte in allen Landeshauptstädten Österreichs gezeigt werden, es wäre notwendig. Leider ist dazu noch keine Entscheidung gefallen.

«Verdrängte Jahre». Bahn und Nationalsozialismus in Österreich 1938–1945. Ausstellung im Foyer der ÖBB Infrastruktur, Wien, Praterstern 3. Täglich von 8 bis 17 Uhr. Die Ausstellung läuft bis zum 30.9.2012. Führungen können mit Milli Segal vereinbart werden (mailto:milli.segal@chello.at).


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