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Heinz Lohmar 1900–1976

Sein politisches und künstlerisches Wirken

von Peter Fisch

«Aber ich möchte mir erlauben, Ihnen
für all das, was Sie für mich getan
haben zu danken.»

Als Gerhard Richter, der 2012 sein 80.Lebensjahr vollendete, im Frühjahr 1961 die DDR verließ und in die BRD ging, schrieb er einen Abschiedsbrief an Heinz Lohmar, den für ihn wichtigsten Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, datiert vom 6.April 1961.

Verbunden mit den eingangs genannten Worten, begründete er, der inzwischen zu den bedeutendsten lebenden Kunstmalern der Welt zählt, die handverlesen sind, das Verlassen der DDR mit einem höheren Maß an künstlerischen Möglichkeiten in der BRD, also «beruflicher Art». Ausdrücklich schloss er politische Aspekte aus. Richter dankte dazu, «ehrlich und von Herzen», dem Professor für Wandmalerei «für die vielen Bemühungen» in der künstlerischen Arbeit, und zwar «in jeder Hinsicht», was er «stets schätzen werde».

Die kulturhistorische Aufarbeitung des antifaschistisch geprägten, umfangreichen künstlerischen Werks von Heinz Lohmar steht noch aus. Selbst in der DDR, in die Heinz Lohmar in ihrem Gründungsjahr übersiedelte und in der er bis zu seinem Lebensende als Hochschullehrer und akademischer Maler wirkte, wurde das nur bruchstückhaft geleistet. Dieses Defizit blieb unter den Bedingungen der 1990 einsetzenden Ausgrenzung der DDR-Kunst in der BRD bestehen.

Wer war Heinz Lohmar? Welche künstlerischen Leistungen vollbrachte er? Welchen Weg ging er, um der wichtigste Lehrer eines Malers von unbestrittener Weltgeltung zu werden?

Künstler im Pariser Exil

Frühzeitig verstand sich Lohmar als politischer Künstler, schon Anfang der 30er Jahre geriet er in den Fokus der Nazis, erst recht nach der Machtübertragung an Hitler. Die Verfolgung besonders der Künstler, die als «Repräsentanten des Weimarer Systems», als «Kulturbolschewisten» galten, setzte unmittelbar nach dem 30.Januar 1933 ein. Die der KPD und der «Assoziation revolutionärer bildender Künstler» angehörten – auf den am 21.Juli 1900 in Troisdorf bei Köln geborenen Heinz Lohmar traf beides zu – waren besonders gefährdet. So war seine Flucht aus Nazideutschland folgerichtig, sie führte ihn über die Schweiz und Italien Ende 1933 nach Paris.

In der französischen Hauptstadt hielten sich zu dieser Zeit etwa 25.000 deutsche Flüchtlinge auf. Unter ihnen befanden sich etwa 300 Künstler und Schriftsteller, darunter 50 bildende Künstler, u.a. Max Lingner, Robert Liebknecht, Horst Strempel, Paul Westheim, Anton Räderscheidt, Johannes Wüsten, Felix Nußbaum, Max Ernst und auch Heinz Lohmar. Gerade die bildenden Künstler knüpften an die politisch-kulturellen Aktivitäten vor der Flucht an. Lohmar hatte eine gediegene Ausbildung vorzuweisen: den Besuch der Kunsthochschule Köln. Dazu kam seine frühe Bekanntschaft mit den Dadaisten und Max Ernst, einem der Wortführer des Surrealismus, dessen Stilrichtung sich Lohmar anschloss. Die Kunsttraditionen und Sehgewohnheiten der Franzosen unterschieden sich jedoch von denen der Deutschen und innerhalb der Künstlerkolonie gab es divergierende politische und kunsttheoretische Auffassungen.

Arbeit am Theater

Die enge Verbindung mit dem Antifaschismus beeinträchtigte die individuelle, selbstbestimmte Kunst nicht. Schon 1933 wurden vier Theater bzw. Kabaretts gegründet, besondere Bedeutung kam der «Laterne» zu. In ihren Räumen fand vier Jahre später die Uraufführung von Brechts Die Gewehre der Frau Carrar statt. Anna Seghers urteilte danach: «Dank diesem Genossen. Dank dem Lohmar, der die Bühnendekoration wie ‹für Reinhardt selbst› baute…» Der Erfolg des Brecht-Stücks war das Signal dafür, alle Anstrengungen auf die Entwicklung des politischen Theaters zu konzentrieren. Weitere Uraufführungen folgten, z.B. die Szenenfolge 99 Prozent (nach Brecht). Auch hieran hatte Heinz Lohmar Anteil: Er schuf insgesamt sieben Grafiken, eher expressiv, an George Grosz erinnernd.

Der erste größere Zusammenschluss der emigrierten Künstler war das «Kollektiv Deutscher Künstler». Es konstituierte sich Mitte 1936. Ihm gehörten u.a. Max Ernst, Heinz Lohmar, Hanns Kralik, Gert Wollheim und Eugen Spiro an. Dieser Kreis renommierter Künstler bildete den Kern des bedeutenderen Freien Künstlerbundes (FKB), der im Mai 1938 gegründet wurde. Bedeutsamer war die Herausgabe der Kunstzeitschrift Die Mappe, in der die Bildhauer, Schriftsteller, Grafiker und Maler ihre neuesten Arbeiten vorstellten.

Insbesondere Max Ernst, der Wortführer des deutschen Surrealismus, und Heinz Lohmar widmeten sich in dieser Zeit dem Thema Faschismus. Lohmann schuf Ende 1936 das Bild «Das Übertier» – die Darstellung eines Systems des Verbrechens, der Antihumanität, der Barbarei. Hier sind alle Elemente seiner künstlerischen Handschrift sichtbar, die fast überbordende Verwendung von Metaphern, die surrealistisch dominierende Darstellung einer Art «Über-Realismus» zur Charakterisierung des Unvorstellbaren und zugleich Reflex der Erfahrungen mit dem deutschen Faschismus, der Nachrichten aus Spanien und Deutschland.

Krise des Antifaschismus

Die Ereignisse in Spanien berührten die Familie auch direkt. Der Bruder seiner Ehefrau Hilde, der junge Arzt Herbert Feldstein, schloss sich 1936 den Internationalen Brigaden an. Er fiel 1938 als «Freiwilliger der Freiheit».

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs veränderten sich die Existenz-und Lebensbedingungen der etwa 23000 Exilanten in Frankreich grundsätzlich. Ein Teil von ihnen wurde bereits Anfang September 1939 verhaftet und in Straf- und Internierungslager verbracht. Zudem stellten die Sowjetführer nach dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 24.August 1939 die verbalen Angriffe gegen das Hitler-Regime ein und richteten ihr Feuer nunmehr gegen England und Frankreich – die Volksfrontpolitik wurde somit de facto aufgegeben. Eine tiefe Krise des Antifaschismus war die Folge. Hitlerdeutschland als Hauptaggressor geriet völlig aus dem politischen Blickfeld. Jedwede Unterstützung Polens, Frankreichs und Englands wurde den der Komintern angeschlossenen Parteien verboten. Die Pariser Auslandsleitung der KPD mit Franz Dahlem an der Spitze widersetzte sich den Festlegungen der Moskauer Parteiführung, was 14 Jahre später in der DDR ein übles Nachspiel zur Folge haben sollte. Schon 1939 der «Blindheit gegenüber imperialistischen Agenten» und des Trotzkismus verdächtigt, verlor Dahlem 1953 alle Funktionen in der SED-Führung.

Nach anfänglicher Internierung in Avor und Benguy meldete sich Lohmar freiwillig als Prestataire für den Dienst in der französischen Armee und kurz darauf in den britischen Streitkräften. Die Kriegsereignisse trennten die Familie. Für die Lohmars ging es dabei um Leben oder Tod: Hilde war jüdischer Herkunft, André, der am 27.10.1939 geborene Sohn, nach Nazivokabular «Halbjude» und Heinz aktiver Nazigegner und Kommunist. Zunächst fanden Mutter und Kind für kurze Zeit in Versailles Unterkunft. Heinz wurde am 22.6.1940 demobilisiert. Sein Weg führte in die noch unbesetzte Südzone, nach Carcassonne. Er erhielt hier eine Arbeitserlaubnis, was ein Glücksfall war, und konnte auch die Familie in dieser Stadt wieder zusammenführen.

In der Résistance

Als die Wehrmacht im November 1942 die Südzone besetzte, wurde es notwendig, den «Ariernachweis» zu erbringen, den die Lohmars nicht besaßen. Ein Kurier überbrachte gefälschte Personaldokumente, mit deren Hilfe eine Unterkunft in Allanche (Zentralmassiv) gefunden wurde. Fortan trugen die Lohmars den Namen «Lemeire». Der dortige Pfarrer reichte den Lohmars die rettende Hand und organisierte ihren Schutz. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Heinz bereits einer Einheit der Résistance angeschlossen. Nach der Befreiung lebten Hilde und André weiter in Allanche, während Heinz nach Toulouse ging, um im CALPO (Komitee «Freies Deutschland» für den Westen) mitzuarbeiten. Im Sommer 1945 erhielt er den Auftrag, an einer Zeitung für Kriegsgefangene in Paris mitzuarbeiten. Diese Tätigkeit übte Lohmar bis zum 7.2.1946 aus. Einen Tag später kehrte er nach Deutschland (Ludwigshafen) zurück.

An seinem Lebensziel hatte sich nichts geändert: Aufbau eines demokratischen Deutschlands. Der sofortige Kontakt zu seiner Partei war für ihn selbstverständlich. Er wurde bald Mitglied der KPD-Landesleitung von Rheinland-Pfalz. 1948 schlugen ihm Vertreter der Kulturabteilung des ZK der SED vor, als Lehrkraft an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden zu arbeiten. Im Oktober 1949 trat Lohmar dieses Amt an. Zwei Jahre später erfolgte seine Berufung zum Professor für Wandmalerei. Sein Stilempfinden änderte sich, zeigte aber auch die Einflüsse der Vorkriegsmoderne. Insgesamt gesehen bewirkte die regressive Formalismus-Debatte in der DDR in seinem Schaffen keine spürbare, negative Veränderung seiner ästhetischen Grundauffassungen.

1965 wurde Lohmar emeritiert. Am 14.September 1976 vollendete sich sein Leben. Seine Urne wurde auf dem Heidefriedhof in Dresden beigesetzt. Die Zeitung La Montagne (23./24.4.2011) und die Zeitschrift La Voix (Juli 2011) berichteten in längeren Artikeln, versehen mit Fotos, über Leben und Wirken des deutschen Antifaschisten während des Krieges in Frankreich.

Der Autor war zuletzt Hochschullehrer für Militärgeschichte in Kamenz.


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