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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2012 |

Südafrika: Tödliche Ungleichheit

Schwarze Polizisten schießen auf schwarze Minenarbeiter

von Angela Huemer

Am 10.August begannen 3000 Bergleute – alle damit beschäftigt, mit Bohrhämmern platinführende Schichten aus dem Gestein zu lösen, was mit die schwerste Arbeit unter Tage ist – in der Lonmin-Mine in Marikana einen wilden Streik. Marikana liegt im Bojanala Platinum Distrikt in der südafrikanischen Provinz North West.

Die Arbeiter forderten eine beträchtliche Lohnerhöhung: von 4000 Rand (rund 380 Euro) auf 12.500 Rand (ca. 1190 Euro) pro Monat.

Zum Vergleich: Firmenchef Ian Farmer verdient laut Wikipedia 351.538 britische Pfund pro Jahr (444.000 Euro); Justice Malala schreibt im Guardian vom 17.August, Frans Baleni, der Generalsekretär der Bergarbeitergewerkschaft NUM, habe letztes Jahr eine Gehaltserhöhung von 40% erhalten und beziehe nunmehr ein Jahreseinkommen von 105.000 Rand (9994 Euro) im Monat.

Schon im Januar dieses Jahres war es zu Protesten in einer Platinmine gekommen: Sechs Wochen lang war die größte Platinmine der Welt, die Impala Platinum Mine in Rustenberg, geschlossen, weil die Arbeiter an den Bohrhämmern Lohnerhöhungen forderten. Auch hier kam es zu gewalttätigen Unruhen, bei denen die Polizei zuschlug, es gab Tote.

Auch der Streik in der Lonmin Mine in Marikana endete in Gewalt: Zehn Menschen kamen ums Leben (darunter zwei Polizisten), dann eröffnete die Polizei am 16.August unter noch nicht vollends geklärten Umständen das Feuer auf die Streikenden und erschoss 34 Arbeiter, 260 wurden verhaftet.

Ein Aufschrei ging durch das Land. In der Apartheid-Ära hatten weiße Polizisten auf Schwarze geschossen, nun waren es schwarze Polizisten, die mit scharfer Munition auf schwarze Arbeiter schossen – und das, obwohl sogar Gummipatronen und andere Kampfmittel genau aus diesem Grund im Post-Apartheid-Südafrika für die Polizei lange tabu waren.

Rivalisierende Gewerkschaften

Als eine der Ursachen für die Unruhen gilt die Rivalität zwischen der NUM und der AMCU (Association of Mineworkers and Construction Union). Die NUM wurde 1982 gegründet und hat rund 300.000 Mitglieder. Sie ist Teil des Congress of South African Trade Unions (COSATU), des südafrikanischen Gewerkschaftsverbands. Diesen Verband gibt es seit 1985, er war eine der zentralen Stützen im Kampf gegen die Apartheid. Sowohl die NUM als auch COSATU unterhalten enge Beziehungen zur Regierungspartei African National Congress (ANC)

Die AMCU spaltete sich 1998 von der NUM ab und ist seit 2001 offiziell als Gewerkschaft anerkannt. In den letzten Jahren verlor die NUM auch aufgrund ihrer Verstricktheit in ANC-Machtkämpfe viele Mitglieder. Waren vor wenigen Jahren noch 66% der Bergleute NUM-Mitglieder, sind es heute nur noch 49%.

Zudem, so Malala in seiner Analyse im Guardian, stemmt sich der Generalsekretär der NUM, Frans Baleni, noch vehementer gegen eine Verstaatlichung der Minen als so mancher Wirtschaftsvertreter. Noch dazu verteidigte er unmittelbar nach dem Massaker die Polizeiaktion in einem Radiointerview: «Die Polizei war geduldig, doch diese Leute waren mit gefährlichen Waffen bewaffnet.»

Ein Provinzsekretär der South African Communist Party (SACP) warf der AMCU vor, den «barbarischen Akt», bei dem 34 Arbeiter ums Leben kamen, koordiniert zu haben. Gemeinsam mit dem ANC und der COSATU bildet die SACP die regierenden sog. Tripartite-Alliance.

In einer Stellungnahme zum Massaker schreibt John Capel, Leiter der von Desmond Tutu gegründeten Bench-Marks-Foundation, die Tatsache, dass «herausragende politische Vertreter des ANC und deren Verwandte Anteile an der Minenindustrie halten, (würde) eine wirksame Interessenvertretung [der Minenarbeiter] beeinträchtigen».

Ein Beispiel dafür: Cyril Ramaphosa, Gründer der NUM und wichtiger Vertreter des ANC, der ab und an Gerüchte zerstreut, die Nachfolge von Staatspräsident Jacob Zuma anzustreben, ist ein höchst aktiver Geschäftsmann. Über seine Investmentgesellschaft, die Shanduka Group, besitzt er 9% von Lonmin, die Gesellschaft tätigt Investitionen im Rohstoff-, Energie-, Immobiliensektor und hat Anteile an Banken und Versicherungen. Er sitzt auch im Aufsichtsrat von Lonmin. Der umstrittene Julius Malema, früher Leiter der ANC Youth League, ging sogar soweit zu sagen, die Arbeiter wären gestorben, um die Anteile Cyril Ramaphosas zu schützen.

Während der NUM vorgeworfen wird, bei den Streiks Anfang des Jahres zu große Zurückhaltung gezeigt und die wachsende Unruhe unter den Arbeitern missachtet zu haben, wird die Konkurrenzgewerkschaft AMCU bezichtigt, unrealistische Erwartungen zu schüren und den Konflikt anzuheizen.

Lebensbedingungen der Arbeiter

Eigentlich jedoch, so sind sich viele Beobachter einig, liegen die Ursachen woanders. Justice Malala spricht im Guardian trefflich vom «Streik der Armen gegen den Staat und die Wohlhabenden».

Die Bench-Marks-Foundation machte noch im Juli 2012 auf die schlimmen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter aufmerksam. Seit Anfang 2011, so ihr Bericht, hat sich die Zahl tödlicher Unfälle verdoppelt. Der Bergbaukonzern Lonmin führte zwar Massnahmen durch, die die tödlichen Unglücke reduzieren sollten, keine der Massnahmen zielte jedoch darauf ab, die Wohn- und Lebensumstände der Arbeiter zu verbessern – dabei haben diese eine direkte Auswirkung auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter.

Vertreter der Stiftung fanden «schreckliche» Wohnverhältnisse vor: kaputte Abwasserkanäle, fehlende Elektrizität und vieles mehr. In der Siedlung der Arbeiter floss an drei Stellen das Abwasser in den Fluss. Daraus resultieren direkte Gesundheitsschäden, besonders für Kinder, vor allem die Bilharziose, eine Infektionskrankheit, die von einem Saugwurm übertragen wird. In der örtlichen, von Lonmin geförderten, Schule sind die Schulzimmer asbestverseucht. Die Bahnübergänge sind ungeschützt, was zu vielen Unfällen führt. Ein Drittel der Beschäftigten ist bei Subunternehmen angestellt.

Darüber hinaus hat der Bergbau negative Auswirkungen auf die umliegende Landwirtschaft. Der Konzern Lonmin kauft immer mehr Land auf, die Höfe der Farmer werden dadurch immer stärker isoliert. Durch schlechtes Wassermanagement verschmutzt der von den Bauern viel genutzte Fluss Sterkstrom, die Straßen werden von den schweren Minenfahrzeugen über Gebühr beansprucht, was ihre Benutzung durch landwirtschaftliche Fahrzeuge erschwert.

Der Bericht geht auch auf die sozialen Folgen des Bergbaus ein. Auf dem Land, das die Mine aufkauft, entstehen wilde Arbeitersiedlungen. Viele Arbeiter wandern aus anderen Regionen Südafrikas oder aus dem umliegenden Ausland zu, sie versuchen, von ihrer Wohnungsbeihilfe (laut Webseite von Lonmin 1800 Rand) so wenig wie möglich für Unterkunft auszugeben, um Geld nach Hause schicken zu können. Zu den sozialen Folgen gehören auch Prostitution, Vergewaltigung und hohe HIV- und TB-Raten.

Die hohe Beschäftigung nicht ortsansässiger Arbeiter hat 2011 zu gewaltsamen Protesten in der Gemeinde von Marinaka geführt, eine der Forderungen war, mehr Arbeiter von vor Ort anzustellen.

Bei Redaktionsschluss sind immer noch nicht alle Arbeiter an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Die Welt berichtet, Lonmin-Aktien seien um 15% gesunken, und der Preis für Platin habe ein 4-Monate-Hoch erreicht. Sie zitiert Peter Montalto, Analyst beim Finanzdienstleister Nomura: Wenn dieser Streik Erfolg hat, könnte es im gesamten Rohstoffsektor zu Nachahmungsstreiks kommen.

Angesichts dieser Ängste sei auf die eingangs erwähnten Einkommensunterschiede hingewiesen. Denn im Grunde geht es bei den Streiks und Protesten nicht so sehr um Rivalitäten zwischen Gewerkschaften, sondern um eklatante Ungleichheit, die kein unglücklicher Nebeneffekt ist, sondern eine fatale Entwicklung, die sich in massiven Konflikten entladen wird.

Weitere Infos: Bericht der Bench-Marks-Foundation zu den Platinminen: www.bench-marks.org.za/policy_gap_ 6.htm; www.labournet.de/internationales/suedafrika.


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