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Zum Tode von Robert Kurz (1943–2012)

von Ingo Schmidt

Robert Kurz ist mit Kaltem Krieg, Wirtschaftswunder und Adenauer-Staat groß geworden. Wie vielen anderen seiner Generation waren ihm die Widersprüche zwischen demokratischem Anspruch und verdrängter Nazivergangenheit, zwischen Freiheitsideologie und technokratischer Wirtschaftsförderung Grund genug, nach Alternativen zu suchen.

Chancen dazu bot die Öffnung der Hochschulen, die das Arbeiterkind Robert in den 60er Jahren an die Uni führte. Dort breitete sich eine Aufbruchstimmung aus, die erst zu Studentenprotesten und alsbald zur proletarischen Wende führen sollte.

Als Kader des Kommunistischen Arbeiterbunds Deutschlands (Vorläufer der MLPD) näherte sich auch Kurz in den 70er Jahren der Arbeiterklasse wieder an. Aber die familiäre Herkunft ließ sich nicht in eine feste Beziehung zwischen klassenbewussten Kadern und proletarischem Massenanhang transformieren. Die Weigerung real existierender Arbeiter, die ihnen im marxistisch-leninistischen Drehbuch zugedachte Rolle zu spielen, führte unter den neokommunistischen Kadern zu Ernüchterung, Enttäuschung und bei manchen auch zu kritischer Reflexion.

Kurz war einer davon. Der Arbeiterbewegungsmarxismus, den er seit den 80er Jahren als Sammelbegriff für die theoretischen und strategischen Überlegungen von der I.Internationale bis zum Neokommunismus der 1970er Jahre verwendete, hätte die tatsächlichen Probleme der Moderne, die er als Warenfetisch und Wertvergesellschaftung bestimmte, nicht nur nicht erkannt, sondern sogar auf die Spitze getrieben.

Nicht Befreiung der Arbeit, sondern Befreiung von der Arbeit wurde sein Programm, das er unter Rückgriff auf die marxsche Theorie entwickelte und in zahllosen Artikeln und Büchern mit seinen Mitstreitern um die Zeitschrift Krisis, später Exit, verbreitete.

Trotz der Distanzierung von Arbeiterbewegung und Klassenkampf bzw. dem was der Neokommunismus dafür gehalten hat, gibt es theoretische Kontinuitäten vom Arbeiterkämpfer zum Wertkritiker Robert Kurz. Geschichte wird stets von herausgehobenen Gruppen, der Avantgardepartei, im einen, dem Theoriezirkel im anderen Fall, nie aber von den Menschen gemacht, die ihr Leben unter vorgefundenen Bedingungen produzieren müssen, diese aber durch gemeinschaftliches Handeln auch ändern, sogar grundsätzlich verändern können. Der grüne Baum proletarischen Lebens stand im Schatten einer Theorie, die zuerst im neokommunistischen Grau auftrat und später den wertkritischen Weltgeist als ihren Kern offenbarte. Die damit verbundene Verabschiedung von Arbeiterbewegung und Arbeitsgesellschaft insgesamt machte Kurz’ Denken anschlussfähig zur bürgerlichen Soziologie, die sich die Arbeiterklasse nur als ölverschmierte Blaumänner in westlichen Industrieländern vorstellen konnte und aus deren abnehmender Zahl auf das Ende der Arbeiterklasse schloss.

Aus der theoretischen Nähe zu dieser Popsoziologie darf man freilich nicht den Schluss ziehen, Kurz habe nach radikaler Jugend mit der bürgerlichen Gesellschaft seinen Frieden geschlossen. Solchen Opportunismus überließ er anderen. Auf das Schwarzbuch Kommunismus, mit dem eine Reihe französischer Autoren ihre Wandlung von maoistischen Paulussen zu prokapitalistischen Saulussen zur Schau stellte, antwortete Kurz mit seinem Schwarzbuch Kapitalismus. Und erteilte dem Bellizismus, der nach Ende des Kalten Krieges die Reihen der Linken lichtete, erteilte er eine deutliche Absage. Wer solche Ansichten vertritt, für den ist in der bürgerlichen Gesellschaft kein Platz. Robert hatte darin keinen Platz und wollte ihn auch nicht. Dafür hat er auf seine Weise stets versucht, für eine andere Gesellschaft Platz zu schaffen. Bei diesem Versuch müssen wir nun ohne ihn auskommen.


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