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Arbeiterproteste in Sardinien

von Angela Huemer

Im Südwesten Sardiniens kämpfen Bergleute und Arbeiter des Aluminium-Multis Alcoa um ihre Zukunft – unter Tage wie auch hoch in der Luft.

Am Abend des 26.August entschieden sich rund 40 Arbeiter der Kohlemine in Nuraxi Figus, im Südwesten Sardiniens, zu einem drastischen Schritt: Sie besetzten die Mine und verschanzten sich 373 Meter unter der Erde mit 600 Kilo Sprengstoff. Die Mine, die von der Firma Carbosulcis betrieben wird, ist die letzte Kohlemine Italiens. Die nahe gelegene Stadt Carbonia war Ende der 30er Jahre von den Faschisten gegründet worden, weil man hier den Bergbau im Allgemeinen und den Kohleabbau im Besonderen fördern wollte.

Arbeiterkämpfe haben hier eine lange Tradition: Als der Kohlebergbau 1940–1943 die Kohleminen in den Dienst der Kriegsproduktion gestellt wurden, wurden die Arbeitsrhythmen wurde unmenschlich angezogen – mit tödlichen Unfälle in der Folge; außerdem erhöhte die damalige Eigentümerin Carbosarda Mieten und Lebensmittelpreise in den von ihr kontrollierten Geschäften drastisch. Im Mai 1942 löste dies den ersten Streik in Sardinien aus – eine der ersten Streikaktionen im faschistischen Italien überhaupt.

Auch in der Nachkriegszeit gab es immer wieder Arbeitskämpfe. In den 60er Jahren begann der Niedergang des Kohlebergbaus, weil ausländische, noch dazu weniger schwefelhaltige Kohle billiger war. So wurden nach und nach die Minen geschlossen bzw. verstaatlicht, bis nur noch Carbosulcis übrig blieb. Diese Mine überlebte allerdings nur dank staatlicher Subventionen: 2011 erwirtschaftete die Mine trotz Subventionen in Höhe von 35 Mio. Euro einen Verlust von 25 Mio. Euro.

Nach einer Woche Besetzung kamen die Bergleute wieder ans Tageslicht. Vorerst scheinen die Proteste gefruchtet zu haben: Ende September vereinbarten Vertreter der Region Sardinien, von Carbosulcis und der Gewerkschaften, einen schon länger existierender Plan neu zu berechnen: Carbosulcis will dort jetzt die neue Technologie der CO2-Abscheidung und -Speicherung unter Tage erproben. Bislang galt dies als zu teuer und nicht machbar.

Anfang September weiteten sich die Arbeiterproteste in Sardinien aus: Am Vormittag des 4.September klettern zwei Arbeiter auf den höchsten Turm einer Niederlassung des weltweit größten Aluminiumherstellers, Alcoa. Wegen des schlechten Wetters hielten sie nur wenige Tage aus, aber sie setzten eine rege Abfolge weiterer Protestmaßnahmen und Verhandlungen in Gang. Was war geschehen?

Am 9.Januar 2012 hatte Alcoa in einer Presseerklärung angekündigt, im Rahmen eines «globalen Restrukturierungsprozesses» drei Niederlassungen in Europa zu verkleinern bzw. zu schließen: La Coruña und Aviles in Spanien sowie Portovesme in Sardinien – Portovesme ist der Hafen der südwestlichen Provinz Carbonia-Iglesias, wo auch die Kohlemine Carbosulcis liegt. «In der aktuellen Situation rascher globaler Veränderungen muss man schnell reagieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben», so Chris Ayers, Vizevorstandsvorsitzender von Alcoa sowie Leiter der Tochterfirma Alcoa Global Primary Products. Während die Niederlassungen in Spanien nur vorübergehend stillgelegt werden sollten, soll Portovesme endgültig geschlossen werden. Laut Firmenangaben produzieren die drei Werke 240.000 Tonnen Aluminium pro Jahr (5% der jährlichen Produktionskapazität) – 150.000 in Portovesme und jeweils 87.000 bzw. 93.000 in den spanischen Niederlassungen.

«Die Entscheidung wurde nach gründlicher Analyse aller möglichen Alternativen getroffen», so Chris Auers, «wir bemühen uns darum, die Auswirkungen auf die jeweiligen Gemeinden und Beschäftigten möglichst gering zu halten.» Des weiteren gab Alcoa an, mit Kaufinteressenten verhandelt zu haben, am Ende seien zwei übrig geblieben: die Schweizer Firmen Glencore und Klesch. eine offizielle Anfrage Glencores, allerdings an das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung, kam erst Anfang September. Glencore fordert eine verbesserte Infrastruktur (wofür die Vertreter der Region zuständig sind), reduzierte Energiepreise und eine Zusage, die Produktion «optimieren» zu können, was vermutlich einen Abbau der Beschäftigten von derzeit rund 500 auf 350 meint.

Am 10.September gab es Demonstrationen in Rom, kurzzeitig besetzten Arbeiter von Alcoa eine Fähre. Ihr Vorwurf an Alcoa lautete, kein wirkliches Interesse am Verkauf zu haben und mit dem raschen Vorantreiben der Schließung diesen weiter zu erschweren. Offiziell ließ Alcoa stets verlauten, das Werk noch bis Jahresende führen zu wollen und es dann noch ein weiteres Jahr soweit in Gang zu halten, dass eine Übernahme durch einen anderen Betreiber möglich ist.

Am 25.September gingen die Arbeiter dennoch erneut auf die Straße, diesmal in der sardischen Hauptstadt Cagliari: Sie forderten endlich Antwort auf ihre Forderung nach einer sozialen Absicherung auch der Beschäftigten, die für Vertragsunternehmen von Alcoa arbeiten. Bislang gab es darauf noch keine Reaktion.


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