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Domenico Losurdo: Stalin-Geschichten

Legendenkritik und neue Legenden
von Arno Klönne

Der italienische Philosoph Domenico Losurdo, hervorgetreten mit einigen höchst lesenswerten Studien über politische Ideengeschichte, hat sich vor einigen Jahren mit einer «schwarzen Legende» auseinandergesetzt, dem Bild nämlich, das im öffentlichen Diskurs über die Person und Politik des sowjetischen Staatsmannes J.W.Stalin präsent war oder ist. Nebenbei bietet der Autor, mitunter nicht auf den ersten Blick erkennbar, seine eigene Deutung des politischen Systems an, dem üblicherweise, eher von einer historisch-analytischen Sicht ablenkend, der Name «Stalinismus» gegeben wird. Diese Arbeit liegt nun in deutscher Übersetzung vor. Auch sie verdient, so meine ich, aufmerksame Lektüre. Kritische.

Losurdo bringt eine Fülle von historischen Informationen und Argumenten, die geeignet sind, erstens den «negativen Personenkult» um Stalin, also seine Dämonisierung, in Frage zu stellen und zweitens jene Totalitarismus-«Theorie» als unbrauchbar zu erkennen, die «Hitlerismus» und «Stalinismus» zu zwei «wahlverwandten» Sündenfällen in einer ansonsten harmlosen Geschichte der Moderne machen möchte.

«Komparatistisch», wie er seine Darstellungsweise nennt, legt Losurdo die Brutalität dar, von der die Machtpolitik «westlicher» Staaten nach innen und außen historisch gekennzeichnet war. Allerdings gerät bei ihm das Vergleichen gelegentlich in die Nähe des Gleichsetzens, nur ein Beispiel: Die Internierungslager, in die der französische Staat nach Beginn des Zweiten Weltkriegs emigrierte deutsche Antifaschisten sperrte, lassen sich nicht in einem Atemzug nennen mit den Konzentrationslagern des «Dritten Reichs». Ein bisschen peinlich ist, wie der Autor ohne «Urheberkritik» Politiker und Schriftsteller als Zeugen seiner Anklage oder Verteidigung zitiert, wenn deren Äußerungen gerade passen, von Winston Churchill bis zu Jörg Friedrich.

Systematisch fragwürdig ist meines Erachtens Losurdos Umgang mit der Geschichte der Sowjetunion während der Ära Stalin und in der Phase der «Entstalinisierung». Nicht so, als würde in dem Buch Stalin als der größte kommunistische Führer aller Zeiten gefeiert, aber die innersowjetische Entwicklung unter seiner Regie erscheint als alternativlos, es sei denn, die sowjetischen Kommunisten wären zum Antikommunismus konvertiert.

Wer sich der Sichtweise Losurdos anschließt, kann nur zu folgendem Bild kommen: Das Stalinsche Politikkonzept war die einzige Möglichkeit, die Sowjetunion wirtschaftlich zu entwickeln, ihr eine gesellschaftliche Gestalt zu geben und den Aggressionen westlicher Mächte sowie dem deutsch-faschistischen Angriff zu widerstehen. Unter Stalin habe die UdSSR ihre gesellschaftliche «Identität» und die «russische Nation ihre historische Kontinuität» sowie «eine neue Würde» gefunden. Losurdo, das ist hier anzumerken, hat größte Abneigung gegen «nationalen Nihilismus», womit er Abwesenheit von nationalstaatlicher Politikausrichtung meint. Trotzki ist für Losurdo die Verkörperung des großen historischen Irrtums unter Kommunisten, ein Zitat aus Feuchtwanger kommt ihm da gelegen: «Ein russischer Patriot ist Trotzki nie gewesen, seine einzige Sorge war die Weltrevolution.» «Abstrakter Universalismus» war das, meint Losurdo, Hegel zur Hilfe nehmend.

Der «Überschuss an Gewalt» im sowjetischen System wird bei Losurdo aus den Bedingungen eines «Dreißigjährigen Krieges» erklärt. Gemeint sind damit nicht nur Bürgerkrieg und ausländische Interventionen nach 1917, der hitlerdeutsche Angriff und schließlich der «Kalte Krieg» nach 1945, sondern auch die inneren Verhältnisse in der Sowjetunion vor und zur Zeit der massenhaften «Säuberungen», Deportationen und «Liquidierungen». Glaubt man Losurdo, so hat Trotzki mit seiner IV.Internationale zu dieser Zeit einen zweiten Bürgerkrieg gegen Stalin geführt, existenzbedrohend für den sowjetischen Staat. Die Moskauer Prozesse waren dann der «Gegenschlag». Auf die realen Zuständen in der sowjetischen Gesellschaft in den 30er Jahren treffen diese Deutungen nicht zu, es handelt sich um Legenden – in einem Werk, das doch Legenden wegräumen will.

Noch einen weiteren Grund für den «Gewaltüberschuss» erwähnt Losurdo: Kommunistischer «Messianismus», «exaltierte Utopie» sei dort wirksam geworden, selbst Stalin habe auf solche Emotionen eine gewisse Rücksicht genommen. Das legt die Frage nahe, ob die klassischen kommunistischen Kritiker des «utopischen Sozialismus» vielleicht selbst Utopisten waren? Losurdo geht dem nicht weiter nach, warten wir mal ab, was ihm noch einfällt.

Bemerkenswert ist, was Losurdo bei seiner eigenen Erzählung zu Stalin und dem sog. Stalinismus gar nicht in Betracht zieht: nicht das Problem, wie sich die Politikmuster und Direktiven der sowjetischen Stalin-Ära auf die internationale kommunistische Bewegung und damit auf die internationalen Kräfteverhältnisse auswirkten; auch nicht die Frage, weshalb denn gesellschaftspraktisch und ideell von der «neuen Würde» in der UdSSR am Ende nichts übrigblieb. Das kann doch nicht daran gelegen haben, dass Chruschtschow in seiner «Geheimrede» das Stalin-Denkmal demontierte. Und Gorbatschow allein wird das Desaster auch nicht verursacht haben.

Mein Eindruck: Das Buch von Losurdo ist nützlich, wo es Legenden über Stalin zerlegt. Dem Nachdenken darüber aber, was Gegner des Kapitalismus aus den bitteren, für Millionen von Menschen zerstörerischen Erfahrungen der Stalin-Ära lernen können, hilft es nicht weiter. Methodisch hat der Autor offenbar keine Neigung, Erkenntnismöglichkeiten einer historisch-materialistischen Vorgehensweise bei der Betrachtung eines Systems heranzuziehen, das diese missbräuchlich zur Staatsdoktrin erklärte und zwanghafter Auslegung unterwarf. Ob er wohl meint: Marx ist tot, Hegel lebt?

Domenico Losurdo: Stalin. Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende. Köln: Papyrossa 2012. 450 S., 22,90 Euro.


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