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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Film: Chris Marker 1921–2012

von Angela Huemer

«Er erzählte mir von Sei-Shônagon, einer Ehrendame der Prinzessin Sadako, Anfang des 11.Jahrhunderts der Heian-Periode. Shônagon hatte eine Manie für Listen: die Liste der ‹eleganten Dinge›, der ‹trostlosen Dinge› oder aber der ‹Dinge, die es nicht wert sind, getan zu werden›. Eines Tages hatte sie die Idee, die Liste aufzustellen der ‹Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen›.»

Chris Marker, Sans Soleil

Der französische Regisseur, Autor, Fotograf und Reisende starb am 30.Juli 2012, einen Tag nach seinem 91.Geburtstag.
Wenn von Chris Marker die Rede ist, dann tauchen stets vielfältige Bezeichnungen für ihn auf. Das französische Wikipedia beschreibt ihn als réalisateur (Regisseur), écrivain (Autor), illustrateur, traducteur (Übersetzer), photographe, éditeur (Verleger), philosophe, essayiste, critique, poète et producteur.

In einem seiner ganz wenigen Interviews – per E-Mail geführt mit der französischen Zeitung Libération im März 2003 anlässlich des Erscheinens seiner Filme Sans Soleil und La jetée auf DVD – wurde er gefragt, warum denn ausgerechnet diese beiden Filme miteinander veröffentlicht würden: 20 Jahre liegen zwischen den zwei Filmen, meinte Chris Marker, und seither, also seit Sans Soleil, sind noch mal 20 Jahre vergangen.

Zwanzig Jahre sind es auch her, dass ich zum ersten Mal von Chris Marker gehört habe, ein Freund und ich erstellten Listen, Bestenlisten, schönste Bilder, beste Bücher usw., eine davon war dem besten Film aller Zeiten gewidmet. Die Nummer eins seiner Liste war mit gänzlich unbekannt, sowohl der Film als auch der Regisseur: Es war Sans Soleil. Ich erinnere mich nicht mehr daran, wann ich Sans Soleil zum ersten Mal sah, ich weiß nur, dass Chris Marker seither ganz oben auf meiner Liste der besten Filmemacher steht oder besser: Wenige andere Filme haben mich so sehr beschäftigt und mir das Gefühl gegeben, was ganz Besonderes zu sehen.

Filme

Wenn ich hier in meinen Erinnerungen krame, geschieht das gewissermassen als Hommage an Chris Marker, denn der eigentliche Gegenstand seiner Arbeiten war «la mémoire», das Gedächtnis und die Erinnerungen. Im Film Sans Soleil liest eine Frau aus Briefen eines Freundes, eines Kameramanns, der um die Welt reist. Wir sehen Bilder von so unterschiedlichen Orten wie Island, Guinea-Bissau, Japan und den Kapverden. In seinen Briefen hinterfragt der Kameramann die Bedeutung der Bilder, die er schafft und die Erinnerungen, die er durch sie herstellt.

Das erste Mal, als ich La jetée sah, weiß ich hingegen noch ganz genau: Es war in einem kleinen Kino in Wien, außer mir waren nur wenige Besucher. Als ich das Kino verließ, tat ich das mit dem Bewusstsein, noch nie einen solchen Film gesehen zu haben und dass mich noch nie ein Film so tief im Inneren bewegt hatte. Dabei besteht La jetée aus Fotos, nur wenige Sekunden lang sieht man bewegte Bilder.

Man kann La jetée als einen Science-Fiction-Film bezeichnen, am Beginn heißt es: «Dies ist die Geschichte eines Mannes, der gezeichnet ist von einem Bild seiner Kindheit.» «Die Szene, deren Bedeutung er erst viel später erfassen sollte, spielte sich auf der Landungsbrücke des Flughafen Orly ab, kurz vor dem Beginn des dritten Weltkriegs» – was für eine Szene dies ist, sei hier auf keinen Fall verraten. Mit dem Protagonisten reisen wir durch die Zeit, in die Vergangenheit und in die Zukunft. Foto-Roman nannte Marker diesen Film, der vor 20 (!) Jahren als Buch erschienen, im amerikanischen Verlag Zone Books. Ein Ciné-Roman wird La jetée hier genannt – mittlerweile kann man ihn sowohl auf DVD als auch auf Youtube sehen.

La jetée, so Marker im erwähnten Interview mit Libération, entstand sozusagen als «écriture automatique», also wie von allein. Er war dabei, Joli Mai zu drehen, ein 150-Minuten-Film, gedreht im Monat Mai 1962 in Paris, der erste Friedensmonat nach dem Algerienkrieg. «Im Zuge der berauschenden Entdeckung des Cinéma direct (man wird mich nie dazu bringen, den Ausdruck ‹cinéma vérité› zu verwenden [wenn, dann sagte er: ‹ciné, ma verité, Kino, meine Wahrheit›]) habe ich an einem freien Tag eine Geschichte gefilmt, von der ich nicht viel verstand, erst bei der Montage fügte sich das Puzzle zusammen und es war nicht ich, der dieses Puzzle entworfen hatte.»

War La jetée von Hitchcocks Vertigo inspiriert, so inspirierte er seinerseits Terry Gilliams Film Twelve Monkeys und einen Videoclip David Bowies – besonders Gilliams Film gefiel Marker sehr, und in Tokyo gibt es eine Bar namens «La jetée», mit Fotos aus dem Film an den Wänden. Dass dort Japaner seit 40 Jahren fröhlich etwas trinken, wiegt alle Oscars auf, meinte Marker im Interview mit Libération.

Biografie

Chris Marker war bekannt dafür, öffentlichkeitsscheu zu sein, «publiphobic» nannte er sich selbst. Geboren ist er als Christian François Bouche-Villeneuve in Neuilly-sur-Seine, obwohl er mitunter auch verbreitete, er sei in Ulan Bator, in der Mongolei geboren. Seinen ersten Film drehte er über die Olympischen Spiele 1952, Olympia 1952, 1949 hatte er einen Roman verfasst. 1953 arbeitete er mit Alain Resnais am Film Les statues meurent aussi (Auch Statuen sterben). Er machte politische Filme wie Cuba sí, und gemeinsam mit Joris Ivens, Jean-Luc Godard, Agnès Varda und William Klein schuf er 1967 den Dokumentarfilm Loin du Vietnam, ein Protest gegen den Vietnamkrieg.

Die Zeit von 1982 bis zu seinem Tod fasst das französische Wikipedia unter dem Titel «Memoire et multi-média» zusammen, in den 80er Jahren dreht er einige Filme über Freunde und Künstler, die er bewunderte, wie Yves Montand, Simone Signoret, Akira Kurosawa, Alexander Medwedkin, Andrej Tarkowski. 1998 stellte er die CD-Rom Immemory her, 2011 gab es eine Ausstellung von Fotos, die er in der Pariser Metro gemacht hat.

«Cocteau sagte einmal, dass die Statuen nachts den Museen entfliehen und durch die Straßen gehen», schrieb Marker zur Ausstellung, «auf meinen Streifzügen in der Pariser Métro hatte ich mitunter solch ungewöhnliche Begegnungen. Modelle berühmter Maler waren noch immer unter uns, und ich hatte das große Glück, sie vor mir sitzend vorzufinden.»

(Besten-)Listen

In seinem Nachruf auf Chris Marker im New York Review of Books verweist Jay Hoberman auf einen schön-eigenartigen Zufall: Nur zwei Tage nach Markers Tod gab die britische Filmzeitschrift Sight and Sound bekannt, dass in ihrer letzten, alle zehn Jahre durchgeführten, Umfrage über den besten Film aller Zeiten Hitchcocks «wohl unheimlichster» Film Vertigo den seit langem die Liste anführenden Citizen Kane von der Spitze verdrängt habe (http://explore.bfi.org.uk). Marker schaffte mit La jetée lediglich den 50.Platz und mit Sans Soleil den 69., doch die Tatsache, dass Vertigo nun an erster Stelle ist, ist eine schöne zufällige Würdigung Markers, denn dieser Film hat ihn wie kein anderer geprägt.

«Er schrieb mir, nur ein Film hat die unmögliche Erinnerung beschrieben, die verrückte Erinnerung … Er pilgerte nach San Francisco, zu all den Drehorten des Films.» In Vertigo ist James Stewart von einem Bild besessen, einem Ideal, dem er vergeblich nachjagt. «Das erste Bild, von dem er mir erzählte, war das von drei Kindern auf einer Straße in Island. Er meinte, für ihn sei das der Inbegriff von Glück», so beginnt Sans Soleil.

Ich bin sicher, Marker hat wieder und wieder den Inbegriff des Glücks allein dadurch gefunden, dass er mit dem, was er geschaffen hat, Menschen in ihrem Innersten berührte und berühren wird. Wie schreibt der Filmkritiker Richard Brody so schön in seinem Nachruf auf Marker im New Yorker: «Für Marker ist Erinnerung nicht passiv, sie ist eine Form von Widerstand – die Axt, die den Weg in die Zukunft bahnt – und die tatsächliche Arbeit, die Erinnerung leistet, ist die Definition von Kunst.»

Viele von Chris Markers Filmen sind ganz oder in Auszügen im Internet zu sehen, einige sind als DVD erhältlich. Es lohnt sich, Ausschau nach Retrospektiven seiner Filme zu halten (www.chrismarker.org).


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