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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Jean-Jacques Rousseau (1712–1778)

Den Fortschritt bremsen!
von Paul Kleiser

Im Unterschied zu den meisten bedeutenden Denkern der Aufklärung, die von der Annahme ausgingen, die Ausweitung von Handel und Gewerbe (und damit der Aufstieg der Bourgeoisie) würde für die Menschheit zu wirtschaftlichem und politischem Fortschritt führen (eine Weltsicht, die unsere Neoliberalen bis heute verfechten), vertrat Rousseau ein weit pessimistischeres Geschichtsbild. Zwar strebte er nicht «zurück zur Natur», wie ihm seine Gegner (besonders die Anhänger Voltaires) reihenweise unterstellten, die Karikaturen von ihm unter die Leute brachten, wie er auf allen Vieren läuft, aber er sah bereits deutlich die Schattenseiten des bürgerlichen Zeitalters voraus und wollte daher «den Fortschritt», den er auch und vor allem als moralischen Verfall sah, bremsen.

«Es ist doch eine höchst sonderbare Sache, dass man die Menschen in eine solche Lage versetzt hat, dass sie unmöglich zusammenleben können, ohne sich zu übervorteilen, sich auszustechen, sich zu täuschen, sich zu verraten und sich wechselseitig zu vernichten.»

Im Unterschied zu Hobbes behauptet Rousseau keine grundsätzlich aggressive Natur des Menschen und keinen «Krieg aller gegen alle», den man nur dadurch beenden könne, dass man alle Rechte an einen friedensstiftenden Souverän abtritt, sondern die Zerstörung des eigentlich Menschlichen – des Mitfühlens mit dem anderen – durch die sich entwickelnde frühkapitalistische Konkurrenzgesellschaft. Die Konkurrenz um Eigentum, Gewinn und Luxus verderbe den Menschen; der Reiche werde zum «Feind der Tugend» und des gesunden Menschenverstands.

Die glückliche Zeit

Für Rousseau, der als einer der ersten Denker überhaupt in der Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen geschichtsphilosophische Thesen vorlegte, war der Mensch eigentlich gut, entfremdete sich jedoch in einem komplexen historischen Prozess voneinander und wurde dadurch verderbt.

Auf dem Hintergrund zahlreicher Schilderungen der Lebensweise von «Naturvölkern» oder «Wilden» (vor allem Indianer aus Nord- und Südamerika), wie sie im 18.Jahrhundert in Mode kamen, ging Rousseau davon aus, dass die «Naturmenschen» zwar gelegentlich gegeneinander um Nahrung kämpften, aber ansonsten friedliche und einfühlsame Wesen gewesen seien. (Durch die Berichte von Cook, Bougainville und Georg Forster über die Menschen der Südseeinseln, die in Eintracht mit der Natur lebten, sollte diese Auffassung neue Nahrung bekommen.) Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Brände hätten diese Menschen zur Zusammenarbeit gezwungen und sie hätten sich deshalb zu Sippen und Stämmen vereinigt. Hier klingt natürlich die bürgerliche Vorstellung vom «sich selbst genügenden Individuum» durch, aber hatte Robinson nicht den Inhalt eines Schiffes zur Verfügung und bald auch einen Sklaven?

Es ist dieses Zeitalter der «Barbaren» oder Hirten ohne Arbeitsteilung, das Rousseau beschwört und das im 18.Jahrhundert in den Erzählungen und Liedern der «Anakreontik» seine kulturelle Verherrlichung erfahren hat. Diese Zeit, «weil sie zwischen der Sorglosigkeit des ursprünglichen Zustandes und der ungestümen Betriebsamkeit unserer Eigenliebe die wahre Mitte hielt, musste die glücklichste und dauerhafteste Epoche sein».

Der Ursprung der Ungleichheit

Und wo sieht Rousseau nun den Bruch in der geschichtlichen Entwicklung? Im Ackerbau. «Eisen und Getreide», so schreibt er, «haben die Menschen zivilisiert» und zahlreiche Abhängigkeiten untereinander entwickelt. Vor allem aber setzte sich das Privateigentum an Grund und Boden durch, und damit begann die Polarisierung zwischen Eigentümern und Armen, die von den Besitzenden abhängig wurden. Unter solchen Bedingungen schreiten die Reichen angesichts des Kampfes aller gegen alle zu einem Gesellschaftsvertrag (nicht zu verwechseln mit Rousseaus Vorschlag gleichen Namens!), der den Privatbesitz sichert und die politische Unterwerfung der Besitzlosen organisiert.

«Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten», heißt es bei Rousseau; der Ursprung der Ungleichheit liegt im Privateigentum, dessen Durchsetzung aber auch mit einer grundlegenden Änderung der Sitten und Verhaltensweisen verbunden ist. «Die herrschende politische Ordnung sichert das Eigentum weniger. Der Besitzlose wird diesem System unterworfen. Der Dämon des Eigentums infiziert alles, was er berührt.» Und im Gesellschaftsvertrag heißt es: «In Wirklichkeit sind die Gesetze immer denen nützlich, die etwas besitzen, und schaden denen, die nichts haben. Daraus folgt, dass der gesellschaftliche Zustand für die Menschen nur in dem Maße von Vorteil ist, in dem alle etwas und keiner von ihnen zuviel hat.»

Denn der Naturmensch besaß Selbstliebe zum Eigenerhalt und Mitleid zur Arterhaltung, doch der moderne Mensch besitzt «Selbstsucht» und Gier. Rousseau weiß durchaus, dass diese «Selbstsucht» ein Mittel des technischen und auch zivilisatorischen Fortschritts gewesen ist. Da die Menschen in der modernen Gesellschaft schon aufgrund der Arbeitsteilung aufeinander angewiesen sind, der Individualismus aber als zentraler Wert gilt, versuchen sie ihre verlorene Unabhängigkeit durch Besitz und Macht auf Kosten anderer wieder herzustellen. «Ein Reicher will eben überall der Herr sein. Deswegen will er immer dorthin, wo er gerade nicht ist. So ist er gezwungen, auch sich selbst stets zu fliehen.» Für Rousseau entsteht ein reziprokes Verhältnis zwischen der gigantischen Anhäufung von materiellen Werten und dem zunehmenden moralischen Elend der Gesellschaft – eine Diagnose, die sich problemlos auf den modernen Kapitalismus übertragen lässt.

Die Kommune und das kleine Eigentum

Doch in seinem tiefsten Innern – bei seinem Gewissen, das ein Gefühl der «guten Ordnung» kennt und dem Menschen angeboren ist – ist dem Menschen dieses Missverhältnis bewusst. Hierin liegt die Chance der Bildung und Erziehung, wie Rousseau sie in seinem Erziehungsroman Emile dargestellt hat. Durch die Erziehung zum «citoyen», zum politischen Bürger (im Gegensatz zum Bourgeois, dem Besitzbürger) lässt sich nach Rousseau der Marsch in den Niedergang nicht verhindern, aber doch bremsen.

Wie könnte nun eine legitime Ordnung nach Rousseau aussehen? Neben dem Gesellschaftsvertrag finden sich in seinen Vorschlägen für eine Verfassung für Korsika und Polen eine Reihe von Ansätzen. Rousseau orientierte sich wie kein zweiter an den Schriften der Denker der Antike (Plato, Aristoteles) und am Ideal der Polis als einer selbstverwalteten Kommune. Häufig betonte er, Bürger der Kommune von Genf zu sein, obwohl er sich vorwiegend in Frankreich aufhielt.

Rousseau trat für eine republikanische Ordnung ein, in der die Gesetze durch direkte Demokratie verabschiedet werden sollten; überhaupt ist er einer der wichtigsten Vordenker dieser Demokratieform. Allein durch Gesetze sollte das Verhalten der Gemeinschaft gesteuert werden. Die Gesetze sollten Ausdruck des «Gemeinwillens» (volonté générale) im Unterschied zum Willen aller (volonté de tous) sein. Damit ist gemeint, dass durch offenen und ungehinderten Austausch aller Argumente sich jeder zu einer Entscheidung unter Absehung von seinen spezifischen (egoistischen) Interessen bereit finden sollte. Angesichts der faktischen Korrumpiertheit der modernen Menschen machte sich Rousseau allerdings wenig Illusionen, dass durch mehrheitliche Abstimmungen nicht partikulare Interessen zum Ausdruck gebracht und damit die Substanz der Demokratie ausgehöhlt würden.

Diese Republik gründen die Bürger (an eine Beteiligung von Frauen an der Politik dachte Rousseau nicht) nach Art der liberalen Vertragstheorien durch einen «Gesellschaftsvertrag». Durch diesen Vertrag unterwerfen sich die Individuen dem Gesetz und geben damit ihre Unabhängigkeit auf; doch sie gewinnen die Freiheit gleichberechtigter Bürger eines Gemeinwesens: «Jeder von uns unterstellt gemeinschaftlich seine Person und seine ganze Kraft der oberen Leitung des Gemeinwillens, und wir nehmen als Körper[schaft] jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf.»

Die «Herrschaft des Gesetzes» als Grundlegung der Freiheit des Einzelnen wird durch Partikularinteressen ständig bedroht, wie auch heute ein kurzer Blick in die Nachrichten sofort erkennen lässt. Rousseau sieht aber wenig Mittel, wie eine solche, die Demokratie gefährdende, Zusammenballung von Interessen verhindert werden könnte. Nur eine möglichst umfassende Erziehung und die Verpflichtung der Gemeinschaft auf Werte einer Zivilreligion, die sich auch an Festen und Gebräuchen religiöser Gemeinschaften orientieren kann, könnte ein Gegengewicht gegen eine solche Entwicklung darstellen.

Daneben scheint ihm wesentlich, die Größe von Staaten möglichst zu begrenzen bzw. – wie am polnischen Beispiel dargestellt – durch Föderalisierung kleinerer Einheiten (Woiwodschaften) zu einer stärkeren Partizipation der Bürger zu gelangen. Natürlich konnte damals niemand die technischen Mittel und Möglichkeiten des 21.Jahrhunderts voraussehen.

In der Französischen Revolution haben führende Jakobiner wie Marat, Saint-Just und vor allem Robespierre auf Rousseau Bezug genommen und versucht, gegen die immer stärker werdenden Partikularinteressen eine Republik der Kleinbesitzer und Gewerbetreibenden, denen sie selbst entstammten, zu errichten. Auch sie führten gegen den um sich greifenden Egoismus der bürgerlichen Gesellschaft einen moralischen Kampf für «die Tugend», dem sie im Thermidor dann selbst zum Opfer fielen. Rousseau wurde 1794 ins Pantheon überführt und damit gewissermaßen zum «Nationalheiligen» gemacht. Einer kritischen Rezeption seiner Werke ist dies bis heute nicht gut bekommen.

Alle Zitate nach: J.-J.Rousseau: Sozialphilosophische und Politische Schriften. München: Winkler 1981.


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