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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2012 |

Der Kampf um die Arbeitsbedingungen bei Netto

Ausbeutung auf allen Ebenen
von Kalle Kunkel

Die Edeka-Tochter Netto hat in den letzten Jahren expandiert und ist durch die Übernahme des Filialnetzes von Plus Anfang 2009 zum bundesweiten Player aufgestiegen. Mit dem zweitgrößten Filialnetz nach Aldi (etwa 4000 Filialen) und dem drittstärksten Umsatz nach Aldi und Lidl bestimmt Netto die Bedingungen im Discount entscheidend mit. Nicht zum Guten: Die bundesweite Kritik an den Arbeitsbedingungen bei Netto begann nach der Expansion.
Deutschland hat im europäischen Vergleich am meisten Verkaufsfläche je Einwohner, dabei geben die Deutschen im Vergleich am wenigsten für Lebensmittel aus. Zudem werden im Discounterbereich die Löhne stark gedrückt, mittlerweile gibt es geradezu einen Wettbewerb um die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Netto spart Personalkosten einerseits durch den Einsatz von 400-Euro-Kräften, die grundsätzlich nicht nach Tarif bezahlt werden, andererseits durch den Einsatz von Auszubildenden – über 6000 arbeiten bei Netto. Von zehn bis zwölf Beschäftigten je Filiale sind oft drei bis fünf Azubis, die 3,50–4,50 Euro pro Stunde verdienen. Die wenigsten erhalten eine gute Ausbildung.
Gespart wird auch durch Arbeitsverdichtung und erzwungene unbezahlte Überstunden, was eng mit der Unternehmensstrategie der Discounter zusammenhängt. Die Kunden sollen beim Discounter den Großeinkauf erledigen und dann im Supermarkt Markenprodukte und besondere Waren kaufen. Aldis ursprüngliches Discountkonzept basierte auf weniger als 1500 Artikeln. Für die niedrigen Preise nehmen die Kunden diese Beschränkung in Kauf.
Nun gibt es aber auch bei den Supermärkten (Vollsortimenter sind nur die Kaufhäuser) einen Trend zu Eigenmarken, die es preislich mit den Discountprodukten aufnehmen können. Die Discounter hingegen haben mehr und mehr Markenartikel und Bioprodukte im Angebot. Dadurch wird das Discounterprinzip – schmales Sortiment ohne viel Personalaufwand – verwässert. Netto ist dabei Vorreiter. Als «Markendiscount» bietet Netto über 4000 Artikel an – mehr als das Doppelte der Konkurrenz. Kombiniert wird dies mit einer aufwändigeren Warenpräsentation, die das Image als Qualitätsmarke stärken soll – was man bei Netto jedoch mit der Personalkostenkalkulation eines Discounters zu erreichen versucht. Das Konzept zielt also auf ein neues Kaufverhalten. Die Kunden sollen alles unter einem Dach erhalten. Man will die Qualität des Angebots erhöhen, orientiert sich aber an den niedrigen Personalkosten der Discounter.

Die Folgen für die Beschäftigten
Die Beschäftigten leiden unter dieser neuen Strategie. Eine Kassiererin z.B. soll von der Kasse aus zusätzlich noch rund zehn andere Aufgaben erledigen. Durchgesetzt wird das Regime durch kennziffergesteuertes Management, geleitet von den Zielvorgaben der einzelnen Filialen. Außerdem herrscht ein Kasernenhofton. In kürzesten Abständen müssen sich die Filialleitungen für ihre Zahlen (Umsatz, Verluste in einzelnen Sortimentgruppen, Inventurzahlen usw.) rechtfertigen.
Außerdem werden die Filialen regelmäßig von den Vorgesetzten besucht. Gibt es an ihrem äußeren Zustand etwas auszusetzen, werden Fotos gemacht und zu den Akten genommen. Werden Vorgaben zur Warenpräsentation nicht termingerecht umgesetzt, muss das gerechtfertigt werden. Die Geschwindigkeit an den Kassen wird rechtswidrig erfasst. Kolleginnen, die nach Ansicht der Vorgesetzten zu langsam sind, werden zu sog. Kassenschulungen geschickt. Die Filialen mit den schlechtesten Zahlen werden regelmäßig zu sog. Flop-Schulungen zusammengeholt, wo sich die Filialleitungen rechtfertigen müssen, was intern auch als Inquisition bezeichnet wird.
Netto erzwingt damit, dass die Beschäftigten «freiwillig» auf ihre Pausen verzichten und massenhaft unbezahlte Überstunden leisten.

Die Forderung der Ver.di-Aktiven
Dagegen setzen sich deutschlandweit immer mehr Netto-Beschäftigte zur Wehr – es gibt Ver.di-Aktivengruppen, die die Arbeitsbedingungen bei Netto öffentlich machen (www.neulich-bei-netto.de). Dadurch setzen sie das Unternehmen unter Druck um zu erreichen, dass die Selbstausbeutung der Beschäftigten nicht mehr Teil des Unternehmenskonzepts sein kann.
Die Ver.di-Aktiven in Essen haben ein transparentes System der Personalplanung gefordert, auf das sich die Leitungen bei der Arbeitsplanung verbindlich berufen können. Sie wollen verhindern, dass der Personalbestand der Filialen von Vorgesetzten immer weiter gedrückt wird, die im internen Personalkosten-Benchmarking gut abschneiden wollen. Die Mehrheit der Netto-Beschäftigten in Essen unterstützt diese Forderung mit einer Petition. Das Management weigert sich bisher, über die Forderung auch nur zu reden, bislang versucht es in seinen Antwortschreiben an die Ver.di.Aktiven lediglich, die Probleme mit immer abstruseren Argumenten zu individualisieren.
Die Essener Ver.di Aktiven haben offenkundig ein Kernproblem im Discountbereich thematisiert. Denn eine verbindliche Regelung der Personalplanung würde der Geschäftsleitung eine zentrale Waffe aus der Hand nehmen, mit der sie auf Kosten der Beschäftigten versucht, ihre Konkurrenten auszustechen. Zugleich hat der Kampf der Aktiven bei Netto Bedeutung für den gesamten Discounterbereich. Denn wenn Netto mit seiner Strategie durchkommt, die Erweiterung des Angebots ohne relevante Steigerung der Personalkosten zu organisieren, tun die anderen Discounter bald dasselbe.

Wenn die Belastungsgrenze erreicht ist
In den letzten Jahren wurden die Beschäftigten von zwei Seiten in die Zange genommen: durch Lohnstagnation bzw. Lohnsenkung und durch eine aggressive Arbeitsverdichtung und damit Erhöhung der Arbeitsproduktivität.
Die Arbeitsverdichtung erfolgt vor allem durch das kennzifferngesteuerte Management: Den Beschäftigtenteams werden Zielvorgaben gemacht, die sie mit den vorgegebenen Ressourcen umsetzen müssen.
Arbeitsschutzbestimmungen, Tarifstandards und persönliche Belastungsgrenzen werden zu störenden Hindernissen bei der Erreichung der Zielvorgaben. Dies sorgt für eine Entgrenzung der Arbeit, der mit den klassischen Regelungen in Betriebsvereinbarungen oder Tarifverträgen nur schwer beizukommen ist.
Um dem etwas entgegenzusetzen, muss Ver.di im Dienstleitungsbereich neben Lohn und Arbeitszeitstandards auch Standards durchsetzen, die regeln, dass für zugewiesene Aufgaben auch die entsprechende Zeit zur Verfügung gestellt wird.
Im Gesundheitsbereich wird mit solchen Forderungen im Rahmen der Kampagne «Der Druck muss raus» experimentiert – unter diesem Motto fordern Ver.di-Kollegen an der Charité erstmals die Verankerung einer Mindestbesetzung in der Pflege im Tarifvertrag.
Über die Frage der Arbeitsverdichtung ist also der aktuelle Kampf bei Netto aufs engste mit den Auseinandersetzungen in allen Bereichen verbunden, in denen die Belastungsgrenze erreicht bzw. überschritten ist. Der Schlüssel liegt darin, den Strategien der Arbeitsverdichtung effektive Grenzen zu setzen, die Ver.di-Aktiven bei Netto gingen damit nun in die Offensive. Dauerhaft erfolgreich werden sie aber nur sein, wenn andere ihnen folgen.

Kalle Kunkel arbeitet für Ver.di in einem Organizingprojekt bei Netto.


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