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Eric Hobsbawm 1917–2012

Wegbereiter des Eurokommunismus
von Harley Filben
Die bürgerliche Presse fand viele warme Worte für ihn, ihr galt er bis zu seinem Tode als ein reueloser Marxist. Seine Bindung an die Sache des Kommunismus war komplizierter, aber sicher hing er subjektiv zäh an der Bewegung, die zwei Jahrzehnte vor ihm gestorben ist. Das lag an den Umständen, die ihn zur Bewegung führten.
Sohn jüdischer Eltern, ging er in Berlin zur Schule, als Hitler an die Macht kam, er erlebte dessen Aufstieg aus erster Hand. Die Eltern machten sich sofort nach England auf, von wo aus er mitverfolgte, wie der Schatten des Faschismus sich über ganz Europa ausbreitete.
In den Jahren des Kalten Krieges war er einer der vielen kommunistischen Intellektuellen, die bereit waren, sich im akademischen Betrieb selbst zu verleugnen und der sich verschärfenden Kommunistenhatz mehr oder weniger erfolgreich auszuweichen (obwohl der Geheimdienst eine dicke Akte über ihn führte). Seinen größten Einfluss auf das intellektuelle Leben in Großbritannien hatte er als Dozent und Professor am Birkbeck College in London und am King’s College in Cambridge.
Hobsbawm fand schnell Anschluss an die berühmte Historikergruppe der Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB). Ihr verdankt er, wie Christopher Hill, E.P.Thompson u.a., seine Karriere. Ihr Markenzeichen war die «Geschichte von unten»: Geschichte sollte nicht länger als Aktionsterrain großer Männer aufgefasst werden oder als abstrakte Abfolge von Ereignissen, die in der bürgerlichen Gesellschaft ihren Höhepunkt fanden, sondern als ein Feld, auf dem die arbeitenden Menschen die Hauptagenten waren.
Hobsbawms Hauptbeitrag zu diesem Projekt war das dreibändige Werk über das «lange 19.Jahrhundert», wie er es nannte, das zwei entscheidende Ereignisse der modernen europäischen Geschichte miteinander verband: die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg. Er bemühte stärker als Thompson ökonomisch-technische Erklärungen für den historischen Wandel – aber immer im Rahmen des Lebens und der Kämpfe der einfachen Bevölkerung.
Der sowjetische Einmarsch in Ungarn 1956 stürzte die Historikergruppe in die Krise, wie die internationale kommunistische Bewegung überhaupt. Als fast einziger unter seinen Kollegen folgte Hobsbawm der Linie der KP und befürwortete «schweren Herzens» und nicht ohne Kritik die sowjetische Intervention. Innerparteilich bewahrte sich Hobsbawm eine gewisse akademische Distanz gegenüber internen Fraktionskämpfen. Er durfte die französische Studentenrevolte 1968 loben, solange er darauf verzichtete, die französische Bruderpartei zu kritisieren.
1968 brachte jedoch keine Linkswende des «offiziellen Kommunismus». Der Unmut über den sowjetischen Militäreinmarsch in der Tschechoslowakei beschleunigte in den westeuropäischen KPs die Entwicklung zum sog. Eurokommunismus; das war Ende der 70er Jahre eine einflussreiche und etablierte Strömung in der britischen KP.
Hobsbawms Sympathien dafür waren offensichtlich. 1977 veröffentlichte er einen Band Interviews mit Giorgio Napolitano, damals im Vorstand der Italienischen Kommunistischen Partei und ein Hauptbefürworter des «historischen Kompromisses», die Hauptleistung der eurokommunistischen Strömung.
Im Jahr darauf hielt bei den alljährlichen Marxismustagen den berüchtigten Vortrag mit dem Titel: «Ist der Vormarsch von Labour gestoppt?» Sein Argument war einfach und mit Statistiken überfrachtet: Die Konzentration der KP auf die Gewerkschaften und die traditionelle Arbeiterbewegung machte sie blind für die Veränderungen in der Zusammensetzung der britischen Arbeiterklasse. Die Ausdehnung der Frauenarbeit, der Niedergang des Anteils der manuellen Arbeit – all dies machte die Annahme, die Arbeiterbewegung befinde sich unaufhörlich auf dem Pfad zur gesellschaftlichen Hegemonie, unhaltbar. Hobsbawm schloss damit, dass er sagte: Wir brauchen eine weniger ökonomistische Vision der Arbeiterklasse.
Inhaltlich ließen sich gegen das, was er sagte, wenig Einwände erheben. Doch die politische Bedeutung, die der Essay vor dem Hintergrund der politischen Lage 1978 erlangte, war unmissverständlich: 1978 war das Jahr des «Winters der Unzufriedenheit», der Lebensstandard sank und die Gewerkschaften kämpften mit einer Streikwelle für Lohnerhöhungen und die 35-Stunden-Woche. Die Kräfte in der KP, die der Sowjetunion gegenüber am loyalsten waren, waren die enthusiastischsten Vertreter der politischen Arbeit in den Gewerkschaften und in der Industriearbeiterschaft. Wer deren aktuelle Kampfwelle als letztes Aufbäumen industrieller Militanz bezeichnete, feuerte einen Schuss vor den Bug dieser Strömung und stärkte die «Euros».
Es war der Startschuss für die «langen 80er» in der britischen KP, eine Periode von Zerfall und Auflösung. Die Eurokommunisten nutzten sie, nicht um eine weniger ökonomistische Politik gegenüber der Arbeiterklasse, sondern einen Abgesang auf Klassenpolitik überhaupt zu rechtfertigen, folgerichtig wurde die CPGB 1991 aufgelöst.
Hobsbawm ließ sich in den 80er Jahren politisch von der rechten Führung der Labour Party instrumentalisieren, um die Labour-Linke kalt zu stellen. Nicht umsonst bezeichnete der damalige Parteiführer Neil Kinnock ihn als seinen «Lieblingsmarxisten». Die größte Ironie des Eurokommunismus lag darin, dass er einen «dritten Weg» zwischen Sozialdemokratie und dem prosowjetischen «Kommunismus» versprach, aber im Sozialliberalismus Tony Blairs endete. Zu Hobsbawms Ehrenrettung muss man aber sagen, dass sich seine Rechtsdrift gemessen an der seiner früheren Genossen in Grenzen hielt. Er war der Prinzipienfesteste in einem ziemlich prinzipienlosen Haufen.
Obwohl er jedes direkte politische Bekenntnis zum Kommunismus vermied, hielt er dennoch die Fahne hoch. In der BBC sorgte er für einen Skandal, als er einmal sagte, 20 Millionen Tote wären zu rechtfertigen gewesen, hätten sie denn zu einer wirklich kommunistischen Gesellschaft geführt.
Am Ende war es für ihn eine emotionale, keine politische Frage mehr. In seinen Schriften über das 20.Jahrhundert ist er glatt und ausweichend, um doch noch die Tür offen zu lassen dafür, dass der «offizielle Kommunismus» eine legitime – tatsächlich die einzig korrekte – politische Entscheidung für fortschrittliche Individuen seiner Generation war.
Gekürzt aus: Weekly Worker, Nr.933, 11.10.2012 (www.cpgb.org.uk).

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