Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > > > W

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2012 |

Wie die IG Metall für die nächste Krise vorsorgt

Wer sich darauf verlässt, ist verlassen
von Manfred Dietenberger

«In der Wirtschaft kann es nicht immer nur aufwärts gehen», sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber der Süddeutschen Zeitung mit Blick auf die Krisen der Vergangenheit. Im Editorial von Metall, November 2012, finden sich folgende bedeutungsschwangere einführende Sätze des Kollegen Vorsitzenden: «Die Autowerkstätten in Deutschland sind in diesen Wochen ausgebucht. Reifenwechsel und Wintercheck sind angesagt. Auch Gärtner und Bauern sorgen für die kalte Jahreszeit vor und schützen ihre Pflanzen vor dem Frost. Das ist selbstverständlich – auch die IG Metall sorgt für ihre Mitglieder vor.»
Beim Lesen dieser Zeilen kommt bei mir aber kein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit in meiner Gewerkschaft auf. So oder ähnlich schreibt mich normalerweise meine Kfz-Werkstatt kurz vor Weihnachten an, um den Eindruck zu erwecken: Auch deine Autowerkstatt sorgt für ihre treuen Kunden.
Kurz vor dem erneuten Ausbruch der längst nicht bereinigten Krise, angesichts zumal der sich erneut verschärfenden Automobilkrise und des sich deutlich abzeichnenden Einbruchs der Exporte erwarte ich vom Vorsitzenden der größten Metallarbeitergewerkschaft der Welt eine klare Analyse der Lage und die Vorgabe einer Handlungsorientierung.
Hubers Analyse ist so kurz wie einfältig: «Die wirtschaftliche Situation ist widersprüchlich. In einigen Unternehmen brummt es weiterhin, bei anderen brechen die Absätze ein. Insgesamt schwächt sich aber die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland seit Monaten ab.» Sind wir also in der Krise? Eher nein, so jedenfalls verstehe ich meinen Kollegen Vorsitzenden, wenn er weiter ausführt: «Die Politik darf sich jetzt nicht verweigern. Schutzmaßnahmen organisiert man, bevor der Ernstfall eintritt. Anders als 2008 haben wir die Chance, rechtzeitig vorzusorgen. Wenn wir jetzt entschlossen handeln, muss es gar nicht zur Krise kommen», ja genau – und am 24.Dezember kommt das Christkind!
Was jetzt von wem zu tun ist, um sich an der Krise vorbei zu mogeln, weiß Huber auch: «Hat man denn aus 2008 nichts gelernt? Damals hat die Finanzmarktkrise die Wirtschaft in Deutschland innerhalb weniger Wochen förmlich in den Abgrund gerissen. Nur dank der erweiterten Kurzarbeiterregelung und der Umweltprämie für Altautos haben wir damals hunderttausende Arbeitsplätze gesichert.»
Huber hat jedenfalls so gut wie nichts aus 2008 gelernt. Wie sonst könnte er mit geschwellter Brust im gleichen Text schreiben: «Die IG Metall hat die Politik aufgefordert, die erweiterte Kurzarbeiterregelung aus der Krise 2008 vorsorglich wieder einzuführen. Unternehmen müssen Kurzarbeit für 24 Monate beantragen können, bevor der Karren im Dreck steckt.» Geht es nach Huber zahlen also wieder die Kollegen die Kosten der Krise (das Kurzarbeitergeld wird von der Arbeitsagentur gezahlt, die sich aus den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung finanziert).
Wo bleibt das Gute? Doch, das findet sich auch, wenn man bescheiden ist: «Die IG Metall fordert außerdem Kurzarbeit auch für Leihbeschäftigte. Sie sind sonst die ersten Opfer, wenn es kriselt. Ihre Verträge werden einfach nicht verlängert, und sie stehen ohne Arbeit vor der Tür. Das dürfen wir auf keinen Fall zulassen!»
Und wer bitte soll das durchsetzen? «Deshalb haben wir jetzt von der Regierung ein Maßnahmenpaket gefordert, um Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern.»
Was aber wenn doch nicht? Da schweigt der Philosoph Huber. Und sagt in diesem Editorial, geschrieben kurz vor den Generalstreiks am 14.November 2012, kein Wort zur notwendigen Arbeitersolidarität. Was er über die Krise des spanischen Arbeitsmarkts denkt, verriet er jedoch der Süddeutschen Zeitung am 17.9.2012:

«Das Problem des spanischen Arbeitsmarktes ist, dass er so verriegelt ist. Diejenigen, die seit langem drin sind, waren bisher geschützt, die anderen kommen nicht hinein. Das ist noch aus der Franco-Zeit. Die Arbeitnehmer schienen dem Diktator einst die stärksten Gegner zu sein. Also wollte er sie gewinnen und schuf einen rigiden Kündigungsschutz. Natürlich sehen die Gewerkschaften darin heute auch eine Errungenschaft. Man kann denen doch nicht einfach sagen: Gebt das auf. Man muss doch zumindest Verständnis zeigen…»


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.