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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 12/2012 |

Die syrische Opposition stellt sich neu auf

Ein Porträt ihres Vorsitzenden Moaz al-Khatib
Die syrische Opposition hat sich neu aufgestellt: Aus der Syrischen Nationalinitiative von Riad Seif und dem Syrischen Nationalrat unter der neuen Führung von George Sabra wurde die «Nationale Koalition der Syrischen revolutionären und der oppositionellen Kräfte» gebildet.
Sie hat einen aus 60 Mitgliedern bestehenden Rat zu wählen, in dem der Syrische Nationalrat mit 40%, Aktivisten aus Syrien und bewaffnete Rebellen mit 25%, und erstmals auch Mitglieder der Minderheiten (mit 35%) vertreten sind. Viele Ratsmitglieder saßen unter dem Assad-Regime im Gefängnis, so George Sabra, ehemals Mitglied der Kommunistischen Partei, deren Spaltprodukt aus dem Jahr 1973 sich 2005 in Demokratische Volkspartei umbenannte; so Riad Seif, der nach dem «Damaszener Frühling» ins Gefängnis wanderte, in jüngster Zeit die eher laizistisch orientierten Kräfte der Opposition in einer «Syrischen Nationalinitiative» zusammenfasste und erster Stellvertreter des Vorsitzenden Moaz al-Khatib wurde; so Souheir Atassi, eine der populärsten Figuren der syrischen Revolution, die ebenfalls nach dem Damaszener Frühling eingekerkert wurde und heute die Allgemeine Kommission der syrischen Revolution vertritt; sie ist zweite Stellvertreterin von Moaz al-Khatib. Die Kurden sollen den dritten Stellvertreter benennen. Zum Generalsekretär wurde der Geschäftsmann Mustafa Sabbagh gewählt. Auch der frühere Kommunist Michel Kilo ist in den Rat eingetreten, die SoZ (10/2012) veröffentlichte ein Interview mit ihm. Die Muslimbrüder sind in der neuen Koalition marginalisiert.
Im nachstehenden Interview, das die französische Online-Zeitung Médiapart führte, beschreibt Thomas Pierret die Persönlichkeit und die Positionen des Vorsitzenden der Nationalen Koalition, Moaz al-Khatib. Pierret ist ein ausgewiesener Syrienkenner, Professor an der Universität Edinburgh. (www.mediapart.fr)

Wer ist Scheich Moaz al-Khatib?
Er wurde Anfang der 90er Jahre bekannt, als Prediger der Omayyaden-Moschee in Damaskus, da war er 30 Jahre alt. Die Khatib sind Prediger in der Omayyaden-Moschee seit 1870. Der Großvater von Moaz stand dem Stadtrat von Damaskus vor zu der Zeit, als sich die Ottomanen zurückzogen. Er entstammt also einer großen Ulema-Familie. Sein Vater war sehr geachtet, er war Prediger in der Zeit nach der Unterdrückung des Aufstands der Muslimbrüder zu Beginn der 80er Jahre und hat sich stets geweigert, das Loblied auf Hafez al-Assad zu singen

War auch Moaz al-Khatib selbst Regimegegner?
Ja, als er den Vorsitz der Moschee der Omayyaden übernahm vertrat er sehr gewagte Positionen, woraufhin er zwei Jahre später entlassen wurde. Er hat dann in einer Moschee im bürgerlichen Stadtviertel von Arnous gepredigt, bis ihm 1996 überhaupt untersagt wurde, religiöse Zeremonien zu leiten. Er unterrichtete danach in privaten Sharia-Schulen. 17 Jahre lang durfte er nicht mehr predigen, er unterhielt jedoch eine Internetseite, auf der er monatlich selten bissige Leitartikel gegen das Regime veröffentlichte.
Er ist zwar ein Mann der Religion, aber ein untypischer, weil er außerdem Ingenieur ist und für die staatliche Ölgesellschaft als Experte gearbeitet hat.

Ihrer Aussage nach ist er ja für die Trennung von Staat und Religion?
Er ist für die Trennung des Staates von der Religion, jedoch nicht für die Trennung der Religion vom Staat: Es geht ihm darum, die Vormundschaft des Staates über die religiösen Institutionen zu beenden.
Er tritt dafür ein, dass die Gesetze sich an religiösen Grundsätzen orientieren, seiner Ansicht nach ist das keine Einschränkung der Trennung von Staat und Kirche, diese soll jedoch eher institutionell als der Geisteshaltung nach sein. Ähnlich wie in den USA: Dort gibt es eine sehr strikte Trennung von Staat und Kirche, trotzdem sind die staatlichen Institutionen religiös geprägt (vor Gericht schwört man auf die Bibel im Gericht, auf den Banknoten prangt der Satz «In God we trust»).

Wie sind seine Beziehungen zu den Muslimbrüdern?
Moaz al-Khatib war nie Mitglied der Muslimbrüder, aber er unterhält gute Beziehungen zu dem Teil der Bewegung, der in Damaskus zuhause ist und früher von Issam al-Attar geführt wurde, der jetzt in Deutschland im Exil lebt. Nach der Spaltung in den 70er Jahren wurden die Muslimbrüder von Damaskus an den Rand gedrängt von dem Zweig, der im Norden, in Aleppo und Hama, ansässig ist und von der Leitung der Bruderschaft in Ägypten anerkannt ist.
Die Muslimbrüder von Damaskus haben nicht mehr vorgegeben, die Bruderschaft zu repräsentieren, und ihre Führung in Deutschland waren vor allem mit der Verbreitung des Islam in Europa beschäftigt. Sie haben in Syrien jedoch weiter Zulauf.

Inwieweit sind Moaz al-Khatib und die aufstrebende Bewegung des «politischen Reformismus», die er an führender Stelle vertritt, Erben der Muslimbrüder?
Meiner Meinung nach ist diese Strömung nicht neu, sie setzt die Tätigkeit der Muslimbrüder fort, jedoch in einem anderen Kontext. «Politischer Reformismus» heißt, dass die Priorität auf der Änderung des politischen Systems liegt – durch die Reform vor 2011 und durch die Revolution seither. Diese Prioritätensetzung gründet in der Überzeugung, dass im Schatten eines diktatorischen Regimes keine gesellschaftlichen Veränderungen möglich ist, weil die Gesellschaft in einem Zustand der Rückständigkeit gehalten wird. Das ist ein anderer Ansatz als der der reformistischen Theologen, die danach streben, die muslimische Theologie und die Sharia zu reformieren, um sie mit der «Moderne» kompatibel zu machen.
Al-Khatibs Strömung will eine Reform des politischen Systems nach einem liberalen Modell, mit einem Mehrparteiensystem, bürgerlichen und politischen Freiheiten und der Achtung der Menschenrechte.
Vor der Revolution stand al-Khatib in diesem Punkt mitunter im Widerspruch zu seinen derzeitigen Partnern von der Liga der Ulemas. Auch diese wünschten sich solche Reformen, stellten aber eher Forderungen, die zu einer Islamisierung des Staates statt zu seiner Liberalisierung führen würden.

Kann man sagen, dass al-Khatib ein Demokrat ist?
Ja, er ist ein Demokrat, jedoch mit einer starken Anbindung an islamische Normen und islamische Identität. Er ist ein authentisch moderater Islamist, der mit laizistischen Oppositionellen aller Konfessionen zusammengearbeitet hat und sich klar und wiederholt gegen den Konfessionalismus ausgesprochen hat. Außerdem hat er sich lange gegen den bewaffneten Kampf gewandt und erst spät seinen Standpunkt in dieser Frage geändert.

Hat er Anhang in der Bevölkerung?
Jenseits der religiösen Welt im engeren Sinn ist er vor allem bei der gebildeten religiösen Jugend in Damaskus bekannt, in geringerem Maße in Homs – der Regionalismus ist in Syrien stark ausgeprägt, so dass es schwierig ist, landesweit Bekanntheit zu erlangen. Die Netzwerke von al-Khatib erstrecken sich vor allem auf die Vororte von Damaskus, wo die Mittelschicht lebt, die nicht mehr die Mittel hat, im Zentrum zu wohnen, und nun in der Nähe der einfachen Bevölkerung lebt. In einem dieser Vororte, in Duma, hielt er nach dem Beginn der Revolution seine erste öffentliche Rede, aus Anlass einer Totenwache zu Ehren der Demonstranten, die unter den Schüssen der Polizei gefallen waren.

Was war seine Rolle in der Revolution?
Er hat sich ab März 2011, also von Anfang an, auf die Seite der Revolution geschlagen und zunächst vor allem Zusammenkünfte mit laizistischen Intellektuellen organisiert. Ende März unterzeichnete er mit ihnen einen Offenen Brief in der libanesischen Tageszeitung al-Safir, in dem Reformen verlangt wurden zu einem Zeitpunkt, wo das ihrer Ansicht nach noch möglich war. Nachdem er mehrmals festgenommen wurde, trat er lange Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit auf, versuchte aber, Dialoginitiativen zwischen dem Regime und der Opposition in Gang zu setzen. Die Reaktion des Regimes hat ihn schließlich von der Nutzlosigkeit solcher Initiativen überzeugt. In Angst um sein Leben, hat er Syrien letzten Juni verlassen.

Hat das revolutionäre Syrien in al-Khatib eine Führungsfigur gefunden, die ihm gleicht?
Man kann nicht sagen, dass Moaz al-Khatib, Sohn einer angesehenen Familie aus Damaskus, das typische Profil eines syrischen Revolutionärs hat, der ja eher aus bescheidenen Kreisen der Provinz oder der Vororte kommt. Was ihn auszeichnet, ist nicht so sehr, ein Repräsentant zu sein, als vielmehr seine Brückenfunktion zwischen verschiedenen Milieus: zwischen Männern der Religion und politischen Aktivisten, islamistischen und laizistischen Oppositionellen, Alten und Jungen oder auch zwischen der sunnitischen Mehrheit und den anderen religiösen und ethnischen Gruppen.

Welchen Einfluss kann er haben angesichts der Radikalisierung, des Aufkommens radikaler Islamisten und der religiösen Spannungen?
Er führt einen Diskurs der nationalen Einheit, der ausdrücklich antikonfessionell ist. In seinen Reden bezeichnet er die Alawiten z.B. als eine vom Regime unterdrückte Bevölkerungsgruppe. Es ist aber nicht sicher, dass solche Art Beschwichtigung reicht angesichts der Ängste, die ursprünglich gar nicht so rational waren – schließlich dominierten in den ersten Monaten der Revolution Parolen wie: «Das syrische Volk ist eins!» und «Eine einzige Hand» – sich aber verfestigt haben angesichts der realen Polarisierung zwischen den Konfessionen, die jetzt zu beobachten ist.
Was die Radikalisierung der bewaffneten Opposition angeht, ist die Situation noch problematischer. Wie groß immer die Qualitäten von Moaz al-Khatib und die Achtung, die er genießt, sein mögen: Die Koalition, die er anführt, wird ihre Autorität gegenüber den bewaffneten Gruppen nicht durchsetzen können, solange sie kein Geld zu verteilen hat. Deshalb spielen die Staaten, die die syrische Opposition unterstützen, eine ganz wesentliche Rolle. Die Zukunft wird zeigen, ob der Westen die Repräsentativität und Kohärenz der neuen Vertretung der syrischen Opposition zur Kenntnis nimmt.


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