Der Basler Friedenskongress 1912


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2013/01/der-basler-friedenskongress-1912/
Veröffentlichung: 08. Januar 2013
Ressorts: Geschichte

Warum eine eindrucksvolle Kundgebung für den Frieden in Kriegsbegeisterung umschlagen konnte
von Hans-Peter Gysin

Am 24.November 1912 fand in Basel der letzte Versuch statt, den Ersten Weltkrieg zu verhindern. Auf dem Kongress der II.Internationale beschworen über 500 Parteidelegierte niemals zuzulassen, dass die Arbeiterklasse eines Staates, zum Militär rekrutiert von den herrschenden bürgerlichen und feudalen Schichten, auf die Arbeiterklasse eines anderen Staates schiesst.
Grundtenor des Kongresses der sozialistischen Parteien war die Überzeugung, dass die kleinen, arbeitenden Leute den Eliten und Kapitaleignern, die die Politik bestimmen, nicht als Kanonenfutter für die von ihnen angezettelten Kriege zur Verfügung stehen dürfen. Damals wurde das Osmanische Reich auf dem Balkan bedrängt, zwischen dem wilhelminischen Deutschen Reich im Bündnis mit Österreich und Italien und dem zaristischen Russland, das mit Frankreich verbündet war, herrschte ständiges Säbelrasseln. Zudem gab es ein Gerangel um die imperiale Herrschaft über die rohstoffreichen Kolonien, und es gab ein massives Wettrüsten: Allein 1912 gab Deutschland rund 75% des Staatsetats für Rüstung aus.
Am 17.November 1912 demonstrierten hunderttausende Arbeiterinnen und Arbeiter, aufgerufen von den sozialistischen Parteien, in Paris, Marseille, Bordeaux, Lyon, Straßburg, Berlin, Hamburg, Hannover, Braunschweig, Bremen, Rom, Mailand, London, Leeds, Budapest, Zagreb, Prag, Amsterdam, Stockholm, Oslo und vielen anderen Städten Europas gegen die sich abzeichnende Entfesselung des Krieges. Eine Friedensbewegung nie dagewesenen Ausmaßes manifestierte sich.

Der Sündenfall
Keine zwei Jahre später «vergaß» der wesentliche Teil der damaligen Sozialdemokratie alle Schwüre und stimmte angesichts des politischen Drucks der kriegswilligen Herrscher in den Parlamenten den kriegsnotwendigen Krediten zu. Die Arbeiter wurden als Soldaten in das blutige Kriegsgemetzel um imperiale Macht und koloniale Rohstoffe geschickt. Hunderttausende kamen dabei um. Wie kam es zu diesem katastrophalen Scheitern der damaligen Arbeiterbewegung?
Die Zeit war geprägt von den Ereignissen in Russland, die 1905 zum ersten Versuch führten, die Diktatur des Zaren durch eine Revolution zum Sturz zu bringen. 1912 wählten rund 35% der wahlberechtigten (d.h. männlichen) Bevölkerung Deutschlands, rund 4,25 Millionen, sozialdemokratisch. Schon auf den internationalen Sozialistenkongressen 1904 in Amsterdam und 1907 in Stuttgart hatten Sozialisten wie Jean Jaurès, W.I.Lenin, Rosa Luxemburg oder Julius Martow gefordert, einen Krieg mit dem Mittel des Massenstreiks zu verhindern. Der Vertreter der schottischen Sozialisten, James Keir Hardie, schlug auf dem Kongress 1912 vor, zur Verhinderung des Krieges den Generalstreik vorzubereiten, denn: «Das Proletariat der Welt hat keine Streitigkeiten unter sich, es hat nur Differenzen mit den anderen Klassen im eigenen Lande.»
Andere Kongressteilnehmer wie August Bebel hielten dem entgegen, zuviel des Widerstands würde voraussichtlich zu mehr Repression durch das herrschende Regime führen. Herman Greulich, der greise Vertreter der Schweizer Delegation, meinte: «Wie entstehen heutzutage noch Kriege? In der Hauptsache dadurch, dass das immer größer und mächtiger werdende Kapital, das die Bevölkerung im eigenen Land ausbeutet, immer größere und weitere Felder sucht, immer größere Reiche dem eigenen anfügen will, um neue Quellen der Herrschaft und Ausbeutung zu erschließen.»
Wie wahr, möchte man sagen. Aber er sagte auch, in erstaunlicher Naivität, wenn man sich an die zahlreichen Armeeeinsätze gegen die Arbeiterschaft im Inneren erinnert: «Unsere [Schweizer] Armee dient nicht dem Kriege, sondern nur dem Protest gegen den Krieg. Sie daran hindern zu wollen zu marschieren, hieße nur fremde Heere einladen, sich den Boden der Schweiz als Kriegsschauplatz auszusuchen. Die Internationale ist nicht antinational, sondern fordert für jedes Volk und jede Nation volle Selbständigkeit.»

Gab es Alternativen?
Vielleicht wäre eine Konfrontation mit den abwiegelnden, kollaborationsbereiten Fraktionen und damit das Risiko einer Spaltung der Bewegung die bessere Alternative gewesen. Die französische, unter starkem anarchistischem Einfluss stehende Gewerkschaft CGT hatte das Problem bereits erkannt: Auf denselben Tag (den 24.11.) hatte sie in Paris einen außerordentlichen Kongress mit dem einzigen Thema «Kriegsvermeidung» einberufen, der Kongress rief zum Generalstreik gegen den Krieg am 16.Dezember auf, etwa 100000 Arbeiter beteiligten sich landesweit daran, die CGT hatte mehr erwartet.
Und auch die CGT knickte ein, als der Krieg nicht mehr vermeidbar schien: Ihr Vorsitzender Gustave Hervé rief seinerseits zur nationalen Verteidigung auf. Der von der II.Internationale für 1914 geplante Folgekongress in Wien wurde abgeblasen. Die zehn Jahre lang über vier Kongresse von der Fraktion der Ängstlichen und Opportunisten verschleppte Forderung nach einem Massenstreik gegen den Krieg stand ohnehin nicht mehr auf der Tagesordnung.
Es war ein Sieg des nationalen Chauvinismus und des mangelnden Vertrauens in die Arbeiterbewegung anderer Länder und ihren Willen zum Frieden. Die opportunistische Bereitschaft zur Kollaboration mit dem herrschenden Bürgertum, die unterwürfige Loyalität gegenüber den Machthabern und die Gier nach der Gunst einer passiven Wählerschaft und nach sozialem Prestige waren wichtiger als der Anspruch, den Kapitalismus zu stürzen.
Man staunt und stellt die Parallelen zur heutigen Lage fest. Sich ernsthaft mit dem Gedenken an den damaligen Kongress zu befassen bedeutet, an den Kerngedanken zu erinnern: An das klassenbewusste Prinzip, dass Arbeiter nicht auf Arbeiter schiessen dürfen. Und dass die Gründe aufgedeckt werden, die sie in den Krieg getrieben haben: nämlich das kapitalistische Konkurrenz- und Ausbeutungssystem, das den Keim des Krieges in seinem eigenen Wesen trägt.
Initiiert von der Bewegung für den Sozialismus (BFS), hat eine lokale Arbeitsgruppe aus Vertretern der Partei der Arbeit (PdA), der Gruppe «Der Funke» und den Jusos Basel-Stadt am 17.11.2012, dem Wochenende vor den offiziellen Feierlichkeiten, eine politische Konferenz unter dem Motto «1912–2012 – 100 Jahre GegenKrieg» durchgeführt.

Informationen dazu unter http://gegenkriegbasel.wordpress.com.