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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 01/2013 |

Rebellion im Callcenter

Nach 117 Tagen Streik feiern Sparkassenbeschäftigte einen großen Erfolg
von Jochen Gester

Anfang November ging ein ungewöhnlicher Arbeitskampf zu Ende. Ort des Geschehens waren die zentralen Callcenter der Sparkassen. Diese zählen etwa 1000 Beschäftigte, wovon 800 in Halle an der Saale arbeiten. Sie lassen EC-Karten sperren, machen Terminvereinbarungen, wickeln Wertpapieraufträge ab oder führen andere Online-Banking-Dienstleistungen durch. Erstmals traten damit abhängig Beschäftigte einer Branche an die Öffentlichkeit, die in etwa 6700 Callcentern über eine halbe Millionen Menschen beschäftigt. Es sind nicht die Büromenschen, die uns das Werbefernsehen zeigt, sondern Lohnabhängige, deren Arbeitsbedingungen eher an tayloristisch organisierte Fabrikarbeit erinnern.
Nicht zufällig wird die Arbeit in den Callcentern auch als «Produktion» bezeichnet. Die Beschäftigten sitzen in Reihen mit Kopfhörern. Der ihnen zustehende Arbeitsplatz umfasst z.B. im Sparkassen-Callcenter in Halle weniger als 3 Quadratmeter. Alles, was sie sagen und wie sie am Telefon auftreten, wird lückenlos erfasst und ausgewertet. Der so erzeugte psychische Druck erhöht, zusammen mit dem in solchen Großraumbüros entstehenden Lärmpegel, deutlich das Krankheitsrisiko.
Doch damit nicht genug: Die meisten der sog. Callcenter-Agents erhalten für eine 40-Stunden-Woche einen Bruttolohn von nicht mehr als 1280 Euro, was einem Stundenlohn von 7,38 Euro entspricht. Die letzte Gehaltserhöhung gab es im Jahr 1996! Viele – vor allem die in Teilzeit Beschäftigten – müssen deshalb bei Jobagenturen aufstocken und haben damit keine Chance, eine Rente oberhalb der Grundsicherung zu erarbeiten.
Das wollten viele Beschäftigte der Sparkassen-Callcenter nicht länger mitmachen und beschlossen im Juli einen unbefristeten Streik, dem über 92% der Gewerkschaftsmitglieder zustimmten. In den Ausstand gingen bis zu 250 Männer und Frauen. Mit 117 Tagen wurde es der längste Streik, den Ver.di bisher in Sachsen-Anhalt geführt hat. «Noch nie hat es in der Callcenter-Branche einen so harten Arbeitskampf gegeben», schrieb die Süddeutsche Zeitung. Denn um einen Erfolg der Streikenden zu verhindern, hatte das Sparkassenmanagement auch Leiharbeiter angeheuert, die Streikbrecherdienste leisten sollten. Sie wurden bei den Jobagenturen angefordert und auch vermittelt. Doch der Streik zeigte weiter Wirkung.
Am Ende setzten sich die Streikenden durch. Im neu vereinbarten Tarifvertrag wurde festgeschrieben, dass alle Beschäftigten ab Dezember 2012 einen Stundenlohn von mindestens 8,50 Euro erhalten. Ab Januar 2014 gibt es dann eine erneute Aufstockung des tariflichen Mindestlohns auf 9 Euro. Zusätzlich erhalten alle Beschäftigten zwei zusätzliche Urlaubstage.


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