Neue Krimis von Stuart Neville


Quelle: SoZ – Sozialistische Zeitung
Website: https://www.sozonline.de
Artikel-Link: https://www.sozonline.de/2013/02/7417/
Veröffentlichung: 10. Februar 2013
Ressorts: Krimi

Stuart Neville: Die Schatten von Belfast. Berlin: Aufbau, 2012. 445 S., 9,99 Euro

Stuart Neville: Blutige Fehde. Berlin: Rütten & Loening, 2012. 475 S., 19,99 Euro

von Udo Bonn

Beruhigende Nachrichten von der irischen Insel haben nur kurze Gültigkeitsdauer. Die Feierorgien anlässlich des Wirtschaftswunders des gälischen Tigers sind nachhaltig abgesagt, und die Straßenkämpfe in Belfast, ausgelöst durch die läppische Entscheidung, die britische Fahne nicht mehr täglich vor dem Rathaus zu hissen, deuten an, wie brüchig der soziale und politische Frieden in der Republik und in Ulster sind.

Stuart Nevilles Roman „Die Schatten von Belfast“ setzt hier an. Gerry Fegan ist aus dem Gefängnis entlassen worden. Er war ein Attentäter der IRA, hat seine Strafe abgesessen. Er hängt jetzt an der Flasche, seine alten Kumpels, die sich mit dem Karfreitagsabkommen arrangiert haben, sind entweder in die politische Klasse aufgestiegen, wirtschaften am Rande der Legalität oder sind immer noch die familiär oder konfessionell gebundenen Erfüllungsgehilfen der ehemaligen Führungsleute. Und hinter ihrer Freundlichkeit, mit der sie Fegan empfangen haben, lauert die Ungewissheit, was mit ihrem Mann los ist. Denn Fegan hat ein Problem: Er sieht die Toten, die er zu verantworten hat, und sie verlangen von ihm, die Auftraggeber der Attentate zur Rechenschaft zu ziehen. Halb wahnsinnig, einsam und zunehmend auch Spielball innerfraktioneller Auseinandersetzung, tötet Fegan wieder und gerät dabei auch in die Intrigen englischer Geheimdienste. Kein schöner Roman für diejenigen, die sich Illusionen über die persönlichen Interessen der IRA-Führungsmannschaft gemacht haben und die nur darin Trost finden können, dass die Loyalisten noch korrupter, dämlicher und verkommener dargestellt werden.

Wer wissen will, wie die Geschichte um Gerry Fegan weiter geht, sollte sich den Folgeroman „Blutige Fehde“ auch zulegen oder zumindest auf die Merkliste setzen, bis er als Taschenbuch veröffentlicht wird.

Fegan ist es gelungen, sich nach New York abzusetzen, er erledigt irgendwelche Jobs und er gibt sich jede Mühe, sauber zu bleiben. Aber in Nordirland wird ein Komplott gegen ihn organisiert. Bull O’Kane will Rache. Der alte IRA-Don, reich geworden durch illegale Raffinerien, Strippenzieher bis in die höchsten Regierungskreise, ist durch Fegan schwer verletzt worden. Um ihn nach Belfast zurück zu locken, wird ein Killer beauftragt, Marie McKenna und ihre Tochter zu entführen: Die Frau, die Fegan schon einmal gerettet hat, und zu der er sich chancenlos hingezogen fühlt. Und dann taucht auch noch der Polizist Jack Lennon auf, der Ehemann von Marie McKenna und Vater der kleinen Ellen, der vor Jahren auf einmal verschwunden war, vollbepackt mit Schuldgefühlen und sehnsüchtig nach seiner verlorenen Familie.