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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2013 |

Auf vielen Stühlen – Ein Leben in Deutschland

(Sobre varias sillas – Una vida en Alemania), Deutschland 2011 (Spanisch mit deutschen Untertiteln), Regie: Ainhoa Montoya Arteabaro
von Gaston Kirsche

Vicente Martínez, Andrea Miragaya, Rosa Fava, Encarnación Gutiérrez und José Valdueza sind fünf sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, haben aber eine Gemeinsamkeit: Sie sind mit einem oder zwei Elternteilen aus Spanien in Deutschland aufgewachsen und leben in Hamburg. Im Dokumentarfilm erzählen sie, wie es war, als «Gastarbeiterkind» aufzuwachsen.

Ihre Eltern kamen in den 60er Jahren in die Bundesrepublik. Viele kamen damals als Migranten aus dem franquistischen Spanien, weil sie dort keine Perspektive für sich sahen, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Viele davon waren «Rotspanier», wie die in der Diktatur diskriminierten AnhängerInnen der im Bürgerkrieg besiegten spanischen Republik bezeichnet wurden.
1960 hatte Deutschland mit Spanien das zweite Anwerbeabkommen geschlossen. 1962 waren bereits 62.000 Arbeitsmigranten aus Spanien registriert, bis zum Anwerbestopp 1973 wurden es etwa 600.000. Beim Anwerbeabkommen ging es Deutschland nicht um Einwanderung, sondern um die befristete Rekrutierung von Arbeitskräften. Spanien ging es laut dem Direktor des spanischen Migrationsinstitutes um ein Sicherheitsventil, indem Unzufriedene und Arbeitssuchende zum Arbeiten im Ausland ermutigt wurden. Da, wie gesagt, Deutschland an Arbeitskräften interessiert war, nicht aber an Einwanderung, gab es für die mitkommenden Kinder keine besondere Aufmerksamkeit.
Andrea Miragaya erzählt im Film, wie ihre Familie als Gastarbeiter selbstverständlich am Rande des Dorfes lebte – so wie die anderen Arbeitsmigranten in heruntergekommenen Häusern. Bei den Dorffesten bekamen traditionell alle Kinder, die bei den Wettbewerben mitmachten, einen Preis. Bei ihrem Namen stockte der Preisrichter, über Lautsprecher mokierte er sich, was dass denn für ein komischer Name sei. Von nun an waren die Gastarbeiterkinder vom Dorffest ausgeschlossen.
Encarnación Gutiérrez schildert ihre Kindheit in einer Barackensiedlung in Frankfurt. Als sie in die Schule im benachbarten Stadtteil kam, bemerkten sie und ihre Eltern bei den deutschen Eltern, die aus der Mittelschicht kamen, eine Abgrenzung, aus zwei Gründen, wie sie rückblickend meint: Sie waren «Ausländer» und kamen noch dazu aus der Arbeiterklasse.
Die Hamburger Hochhaussiedlung Osdorfer Born sei fast wie eine Favela, erzählt José Valdueza – Randständige aus ganz Norddeutschland seien dort gestrandet und Migranten, wie seine Familie. Von Deutschen wurde er dort als «Kanake» beschimpft. Er schildert, wie er immer alles besser machen wollte. Im Gegensatz zu den meisten Kindern deutscher Eltern dort machte er Abitur. Um den Zugang zum Gymnasium mussten seine Eltern kämpfen. Heute ist er Arzt. Alle fünf Gesprächspartner der Regisseurin Ainhoa Montoya Arteabaro haben Universitätsabschlüsse.
Im selbstorganisierten Spanischen Elternverein in Hamburg und ähnlichen Anlaufstellen wurden Briefe geschrieben, Behördengänge organisiert, um die Abschiebung der Gastarbeiterkinder auf Hilfs- oder Hauptschulen zu verhindern. Das deutsche Schulsystem ist klassenspezifisch und germanozentriert, erklärt Vicente Martínez, mit der Festlegung der Schullaufbahn werde auch die spätere soziale Position vorbestimmt. Er arbeitet als Sozialarbeiter bei einem migrantischen Kulturverein in Hamburg.
Ein diffuses Gefühl der Peinlichkeit, irgendwie falsch zu sein, schildert Rosa Fava aus ihrer Kindheit. Später kam das Bewusstsein, dass sie durch den ganz alltäglichen Rassismus ausgegrenzt und abgewertet wurde.
Wie die fünf Befragten den Rassismus in Deutschland analysieren, sowohl den staatlichen als auch den gewöhnlichen in der Bevölkerung, verdichtet die Regisseurin in den ineinander montierten Interviews zum Schluss hin. Ainhoa Montoya Arteabaro, selbst 1998 nach einem ersten Studium aus Madrid eingewandert, hat in den Interviews, die sie in den Wohnzimmern der Befragten führte, eine Vertrautheit erreicht, die fesselnd offenherzige, emotionale Aussagen dokumentiert.
Die Interviews des weitgehend spanischsprachigen Films sind kunstvoll verwebt und mit Bildern aus der Umgebung ihrer Wohnungen und von einigen Arbeitsstätten angereichert. Eine spannende Sicht auf Deutschland aus der Perspektive ehemaliger «Gastarbeiterkinder».

Jetzt auf DVD, 19,90 Euro, www.videowerkstatt.de


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