Schließen

Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

Bert Brecht hielt nicht viel vom Recht auf geistiges Eigentum. Wir auch nicht. Wir stellen die SoZ kostenlos ins Netz, damit möglichst viele Menschen das darin enthaltene Wissen nutzen und weiterverbreiten. Das heißt jedoch nicht, dass dies nicht Arbeit sei, die honoriert werden muss, weil Menschen davon leben.

Hier können Sie jetzt Spenden

Sie befinden sich hier: Home > 2013 > 02 > Russische-revolutionare-plakate

Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2013 |

Russische revolutionäre Plakate

David King hat eine herausragende Sammlung sowjetischer Plakatkunst aus den 20er und 30er Jahren zusammengestellt
von Werner Abel

Im Jahre 1925 schrieb der Wirtschaftswissenschaftler Lew N. Kritsman sein Buch über «Die heroische Periode der großen russischen Revolution», eine großteils ökonomische Analyse der Zeit des «Kriegskommunismus». Dabei ahnte er nicht, dass sein Buchtitel auf ein weit emotionaleres und expressiveres Genre als die Welt der Wirtschaft Anwendung finden sollte: Weil es für die darstellende Kunst neu, einmalig, für den Fortschritt parteiergreifend war, bezeichnet man das, was in der visuellen Agitation und Propaganda seit der russischen Oktoberrevolution bis zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik entstand, als die heroische Periode der sowjetischen Plakatkunst.

Nie wieder, ausgenommen vielleicht im Spanien der 2.Republik und des Bürgerkriegs, wurden solche Ausdruck- und Darstellungsformen gefunden und genutzt, die in ihrer faszinierenden Kraft bis heute nichts eingebüßt haben.
Diese Plakate waren für die aktuelle Politik bestimmt und nicht, wie andere Kunstwerke, für die Ewigkeit. Die Auflagen waren mitunter klein, es fehlten Farben, und es mangelte an Papier. Dafür gab es reichlich Fantasie, sprühenden Geist und den Glauben an die historische Mission dieser Revolution und den Fortschritt. Außerdem spürt man in dieser Periode das Wissen um die noch existierende eigene Unzulänglichkeit, die eigenen Defizite, und genau das bestimmt die Differenz zu jener Zeit in der sowjetischen Propaganda, in der die Avantgarde verstummt oder zum Schweigen gebracht wurde und in der man die Künstler dazu anhielt, die Lüge zu illustrieren. Dabei hatten sie sich in ihrer Mehrheit auf die Seite der Revolution geschlagen, in einem Riesenland, in dem es noch Massen von Analphabeten gab und Menschen in ländlicher Zurückgebliebenheit, die ebenso für das Neue begeistert werden mussten wie diejenigen, die von der Revolution im asiatischen und fernöstlichen Raum erreicht worden waren und noch in vorkapitalistischen oder feudalen Gesellschaftsformen lebten.
Das zwang zu Ausdrucksmitteln, die weniger auf die Schrift, als vielmehr auf das Bild zurückgriffen. Die religiöse Ikonografie wurde, gefüllt mit anderen Inhalten, genauso genutzt wie das noch junge Medium Fotografie für die Collagentechnik oder die Fotomontage. Eine neue Generation von Künstlern, ausdrucksstark und experimentierfreudig, bekannte sich zur Revolution: Dmitri S. Moor, geboren mit dem Namen Orlow (1883–1946), Viktor N. Denisow (1893–1946), der seine Bilder mit dem Kürzel «Deni» zeichnete, El Lissitzky (1890–1941), Geburtsname Lasar M. Lissitzki, Gustav Klucis (1895–1938), Wladimir Majakowski (1893–1930) und Alexander Rodtschenko (1891–1956), der als erster mit Collagen arbeitete und zur Fotomontage überging. Sie und andere sind bis heute weltbekannt und füllen noch immer Ausstellungen.

Aufstieg und Niedergang einer Revolution

Der Engländer David King, einer der besten Kenner der Kunst des revolutionären Russlands – sein Buch „Roter Stern über Russland. Eine visuelle Geschichte der Sowjetunion von 1917 bis zum Tode Stalins“, wurde im Erscheinungsjahr 2010 mit dem «Banister Fletcher Award» als bestes Kunstbuch des Jahres ausgezeichnet – hat nun ein Buch über „Russische revolutionäre Plakate“* veröffentlicht, das durch eine einmalige Sammlung von Plakaten und Illustrationen beeindruckt. Diese Sammlung zeigt, wie die ursprüngliche Intention der Bolschewiki unter Lenin und Trotzki, die Revolution als Weltfanal zu begreifen, durch die Orientierung auf den «Sozialismus in einem Land» in den Niederungen des Nationalismus verkam, und wie in dem bis zum Extrem gesteigerten ikonografischen Kult um Josef Stalin dessen Bilder, aufgeblasen in gottähnliche Dimensionen, die der alten Bolschewiki, die ohnehin aus dem gesellschaftlichen Gedächtnis eliminiert werden mussten, nach und nach ersetzten.
Während zum Beispiel ein frühes Plakat von Dmitri Moor aus dem Krieg gegen Polen Trotzki und die Rote Armee als Einheit zeigen, indem ein riesiger Rotarmist unter dem legendären Helm, der Budjonka, deutlich die Züge Trotzkis trägt, sind Bilder von Stalin in dieser Zeit kaum zu finden. Erst 1924 taucht Stalin auf der berühmten Plakatmontage der Bilder hochrangiger Bolschewiki des anonymen Künstlers «Wara» in einer zweiten Reihe auf, während Sinowjew, Trotzki, Bucharin und Tomski, gruppiert um Lenin, die erste Reihe bilden. Die Montage zeigt mit Stalin 17 Personen, acht davon ließ Stalin umbringen, darunter die oben Genannten der ersten Reihe (ohne Lenin).
Einige Künstler, Dmitri Moor, Deni und vor allem Gustav Klucis, beförderten den Kult um Stalin. Das ging einher mit der Verherrlichung der Geheimpolizei GPU und führte zu einer erheblichen Einbuße an Kreativität, denn das Innovative der Avantgarde verschwand und wurde durch plattes Karikieren ersetzt. Klucis nutzte seine devote Haltung Stalin gegenüber nichts. Während der Vorbereitung seines Besuchs der New Yorker Weltausstellung wurde er am 17.Januar 1938 verhaftet und, wie seine Witwe erst viel später erfahren sollte, kurz darauf als angebliches Mitglied einer «Lettischen Verschwörung» hingerichtet.

Sozialistischer Realismus
Diesbezüglich ist das 1937 im Zusammenhang mit den berüchtigten Schauprozessen entstandene Plakat «Wir vernichten die Spione und Saboteure, die trotzkistisch-bucharinistischen Agenten des Faschismus» von Sergej Igumow besonders widerlich. Das Plakat entstand im Auftrag des NKWD und zeigt den roten Arm eines Arbeiters, dessen Faust eine Schlange mit Hakenkreuz-Augen zerdrückt. Mehr als andere Plakate verdeutlicht dieses den politischen Niedergang der Plakatkunst, denn Igumow hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt mit Produktwerbung beschäftigt und war Absolvent der 1920 gegründeten Staatlichen Höheren Künstlerisch-Technischen Werkstätten gewesen, an der viele Vertreter der Avantgarde gelehrt hatten und die schon 1930 aufgelöst wurden – das Jahr, in dem sich Wladimir Majakowski das Leben nahm.
Majakowski, Futurist, Dichter und Mitglied der Linken Künstlerfront, arbeitete auch im darstellenden Bereich für die sog. ROSTA-Fenster, Plakate der frühen sowjetischen Nachrichtenagentur ROSTA, die in Schaufenstern ausgestellt wurden und sich mit ihrer einfachen, eindringlichen Bildsprache an ein analphabetisches oder ungebildetes Publikum wandten. Majakowski, der nach seinem Tod zum Sowjetdichter schlechthin erklärt wurde, musste mit der Auflösung der LEF, der Linken Künstlerfront, erfahren, dass der Avantgarde kein langes Leben mehr beschieden war. Für den Sozialistischen Realismus wäre er mit Sicherheit nicht zu begeistern gewesen.
Der Sozialistische Realismus, der an die Stelle der Revolution nunmehr die Schlacht um Eisen, Zement und höhere Produktionsziffern setzte und nur noch selten eine Verbeugung vor dem Internationalismus der frühen Bolschewiki wagte, führte auch zu einer völligen Veränderung der Formen und Stilmittel. Obwohl die Fotomontage bis in die 30er Jahre hinein noch erstaunlich expressive Kombinationen wagte, waren nun die russischen Realisten des 19.Jahrhunderts die Vorbilder. An ihnen hatte man sich zu orientieren, während die Avantgarde als kleinbürgerlich, schließlich sogar faschistisch denunziert wurde.
Während die frühe sowjetische Plakatkunst sich gegen die Ausbeutung, die Konterrevolution und die feindlichen Invasoren richtete und sich für den Aufbau einer neuen, freien und sozialistischen Gesellschaft einsetzte, trat nunmehr die nationale Ausrichtung, das schon von Lenin befürchtete und kritisierte großrussische Element stark in den Vordergrund. Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gab es interessanterweise eine Renaissance des ausdrucksstarken politischen Plakats, wobei die Verteidigung der revolutionären Errungenschaften und des Sozialismus keine besondere Rolle spielte. Offensichtlich glaubten auch Stalin und seine Clique nicht mehr an die Mobilisierungs- und Bindekraft einer wie auch immer gearteten sozialistischen Ideologie.

Sammlertätigkeit
Obwohl Stalin durch die Enthauptung der Roten Armee 1936/37, das Ignorieren aller Warnungen und durch sein prinzipienloses Taktieren mit Nazideutschland unendliches Leid über die Völker der Sowjetunion brachte, gelang es ihm, den Sieg über Deutschland für sich zu reklamieren. Eines der letzten Plakate des Buches zeigt ihn überdimensioniert über einem Soldaten und verschiedenen Zivilisten, die alle Kriegsauszeichnungen auf der Brust tragen. Über Stalin aber schwebt wie ein Heiligenschein der mit 174 Diamanten besetzte Siegesorden, den er sich mit der ihm eigenen Bescheidenheit gleich zweimal verleihen ließ.
Der größte Teil der im Buch abgebildeten Plakate ist heute kaum noch auffindbar oder es gibt davon, wie vom berühmten Bild El Lissitzkys, «Schlagt die Weißen mit dem roten Keil» von 1920, nur noch ein Exemplar. King zog alle Register, um die Sammlung zusammenzutragen. Der Tochter einer russischen Intellektuellen, die als Emigrantin in London lebte, spendete er für das Überlassen gut erhaltener revolutionärer Plakate ein neues Dach für ihr baufälliges Häuschen. Spannend ist die Geschichte, wie er auf das Buch „Russki revoluzionny Plakat“, herausgegeben 1925 von Wjatscheslaw Polonski (1886–1932), damals Chefredakteur der Zeitschrift Petschat i Rewoljuzija (Presse und Revolution), stieß. Polonski hatte das zweifelhafte Glück, an Typhus zu sterben, die Säuberungen hätte er auf keinen Fall überlebt. 1923 gab er beim futuristischen Maler Juri Annenkow ein Ölgemälde über Trotzki als Führer der Roten Armee in Auftrag. Dieses Bild wurde zum 5.Jahrestag der Roten Armee in Moskau gezeigt, 1924 war es auf der Biennale in Venedig zu sehen, danach blieb es verschwunden. 1926 bestellte Polonski bei Annenkow die Porträts von 16 führenden Bolschewiki – Stalin war nicht darunter –, die dann als Buch erschienen.
So wie die Sammlung der revolutionären Plakate musste auch dieses Buch verschwinden, und es wurden wohl die meisten Exemplare unter dem Stalinismus vernichtet, da die abgebildeten Plakate nicht für die Stalin-Legende taugten. Irgendwann tauchte das Bild in einem englischen Antiquariat auf, wurde aber nach Japan verkauft. King kaufte ein Exemplar von christlich orientierten Emigranten aus der Sowjetunion, die mit diesem revolutionären Teufelszeug nichts anfangen konnten – zu einem Spottpreis. Ein Glück für King und alle Interessierten an jener heroischen Periode, denn es bildete den Grundstein für die vorliegende Sammlung, die durch ihre Einzigartigkeit besticht.

*David King: Russische revolutionäre Plakate. Bürgerkrieg und Bolschewistische Periode. Sozialistischer Realismus und Stalin-Ära. Essen: Mehring, 2012. 144 S., 29,90 Euro.

 


Drucken | Artikellink per Mail | PDF Version

Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen

Spenden

Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF


Schnupperausgabe

Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.