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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2013 |

Wilder Streik – das ist Revolution!

Der Streik der Arbeiterinnen bei Pierburg in Neuss 1973. (Hrsg. Dieter Braeg.) Berlin: Die Buchmacherei, 2012. 176 S., 13,50 Euro
von Ulrich Peter

Wenn Linke heute die Stichworte «Ausländerstreik, Wilder Streik, 1973» hören, woran denken sie da? Mit Sicherheit an den Streik im Kölner Fordwerk, der vor allem von Arbeitsmigranten getragen wurde und mit einer Niederlage der Streikenden endete. Dabei spielte eine erhebliche Rolle, dass Betriebsrat und IG Metall den Streik ablehnten und Versuche, ihn auch auf Teile der nichtmigrantischen Belegschaft auszudehnen, fast komplett scheiterten. Die Schlagzeile von Springers Bild: «Deutsche Arbeiter kämpften ihr Werk frei» markierte das Desaster dieses Arbeitskampfs.

Aber es gab in diesem bewegten Jahr 1973 nicht nur Niederlagen. Bei Pierburg im niederrheinischen Neuss fand ein bemerkenswerter Streik statt. In diesem Betrieb, in dem Vergaser für Autos und Flugzeuge gefertigt wurden, arbeiteten fast 3000 Beschäftigte, überwiegend Frauen, darunter etwa 1700 Migrantinnen. Nach klassischem deutschem patriarchalischem Gewerkschaftsverständnis bot diese Belegschaftszusammensetzung nicht die Voraussetzungen für einen gelingenden Arbeitskampf. Trotzdem endete in diesem Betrieb ein fünftägiger Arbeitskampf mit dem Erfolg der Streikenden. Warum gelang hier etwas, was anderswo zum Desaster führte?
Dieter Braeg, 1973 stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Pierburg-Neuss, hat mit Wilder Streik im Verlag Die Buchmacherei diesen wichtigen Streik aus der Vergessenheit geholt. Ihm und dem Verlag gebührt ein großes Kompliment. Diese Publikation ist im positiven Sinne ein «Lehr»- und Lese-Buch geworden. Ich habe die 174 Seiten in einem Rutsch durchgelesen und die spannenden und gut geschriebenen Texte genossen.
Es beginnt mit dem Vorwort von Dieter Braeg und einer Einführung von Peter Birke, «Der Kampf ist mehr als Geschichte», hier wird eine erste Einordnung des Arbeitskampfs in den historischen Kontext geleistet und die Nachwirkungen bis heute reflektiert. «Dieses Buch skizziert in der Sprache der 70er Jahre Gewerkschafts- und Betriebsarbeit, die man als eine ‹linke› bezeichnen kann.»

Fünf Streiktage
Der nächste Teil schildert die fünf Streiktage, den Verlauf und die Konflikte. Integriert in die Darstellung sind Schilderungen von und Interviews mit Beteiligten, so mit einer damaligen Jugendvertreterin, die vierzig Jahre später auf «fünf Tage, die mein Leben beeinflussten» zurückblickt: «Ein kluger Mann namens Che hat mal gesagt, dass die Solidarität das Salz der Erde sei. Verstanden habe ich diesen Spruch erst in den fünf Tagen des August 1973.» Solidarität braucht Bedingungen, und Streiks werden auch dadurch gewonnen, dass vor dem Streik die Voraussetzungen für ein Gelingen geschaffen werden. Es gab auch 1973 eine Alternative zum Avantgardismus der marxistisch-leninistischen Studentenparteien und zur gewerkschaftsbürokratischen Mitgliederverwaltung sozialdemokratischer Art. Und dafür ist Pierburg ein Lehrstück, wie eine konfliktorientierte emanzipatorische Gewerkschaftsarbeit Lernprozesse befördern (nicht schaffen!) und unterstützen kann, und wie die Selbstbewusstwerdung von Arbeiterinnen und Arbeitern verläuft.
Ein schönes und berührendes Beispiel ist die Schilderung der Entwicklung einer griechischen Bandarbeiterin zur Streikaktiven. Es stammt aus dem Band „Elephteria oder die Reise ins Paradies“, der ursprünglich 1975 in der Werkkreis-Reihe bei Fischer erschien. Ich habe diesen Band als Mutmacher oft in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit eingesetzt.
Pierburg machte deutlich, dass es kein Naturgesetz ist, dass deutsche und ausländische Arbeiter in unterschiedlichen Kampffronten stehen. Dass Frauen und selbst Un- und Angelernte in der Lage und bereit sind, für ihre tatsächlichen Interessen wie die Abschaffung von Leichtlohngruppen zu kämpfen, erstaunte viele Vertreter der «männlichen Facharbeitergewerkschaft». Und dass es möglich ist, dass alle diese unterschiedlichen Schichten und Teile einer Belegschaft einen Arbeitskampf durchstehen und gewinnen. Und dazu gehört auch, dass Lernprozesse mit dem «neutralen Staat» und seinen Organen und der Justiz gemacht werden.

Demokratie darf nicht am Betriebstor enden
Für den Polizeipräsidenten von Neuss war von Anfang an klar worum es ging. «Wilder Streik – das ist Revolution!» In der obrigkeitsstaatlichen Tradition der Adenauer-Ära halfen gegen Demokraten nur Soldaten. Ersatzweise durfte auch die Polizei ran. Aber in Neuss bei Pierburg gelang den Herrschenden nicht, was bei Ford Köln gelungen war. Die Belegschaft war sich einig, sie hatte die Gewerkschaft und den Betriebsrat hinter und nicht gegen sich, und auch in der Öffentlichkeit war die Legitimität des Streiks vermittelt.
Dass Arbeitgeber ihre «Niederlagen in Siege verwandeln» wollen, ist bekannt, bei Pierburg wollte er nach dem Streik der Führung des Betriebsrats (unter ihnen auch Dieter Braeg) fristlos kündigen. Eine Begründung: Verletzung der Betriebsverfassung. Damit kam er allerdings nicht durch. Hierzu sind im Anhang einige Dokumente abgedruckt.
Als Sahnehäubchen mit ausreichend Schokostreuseln ist dem Buch eine DVD beigefügt mit dem 42-Minuten-Film Ihr Kampf ist unser Kampf aus dem Jahr 1973. Erstellt hatte ihn die Fernsehjournalistin Luc Jochimsen, heute eher als Politikerin der Linkspartei bekannt. Braeg versteht Buch und DVD als «Anregung dazu, eine Diskussion über jene Demokratie zu führen, die endlich nicht an den Betriebstoren enden, sondern gesellschaftsverändernd in die Betriebe zurückkehren muss.»
Ich möchte hinzufügen, dass beide auch anregen, darüber nachzudenken, wann und unter welchen Bedingungen Menschen anfangen, für ihre Interessen solidarisch zu kämpfen, und was heute daraus zu lernen ist. Die österreichische Gruppe Schmetterlinge war in den 70er Jahren oft bei Streiks mit ihren Liedern präsent. Ein Refrain passt als Resümee dieser Besprechung: «Nichts kann uns dazu bringen, hab acht am Fleck zu stehen, und niemand kann uns zwingen, einen Fehler zweimal zu begehn. Wir lernen im Vorwärtsgehn, wir lernen im Gehn.»

Der Autor ist  Berufsschullehrer und Gewerkschafter in Berlin, 1973 war er gewerkschaftlicher Jugendfunktionär im Ruhrgebiet.
Zum Pierburg-Streik sind noch zu empfehlen:
Spontane Streiks 1973 – Krise der Gewerkschaftspolitik„. (Hrsg. Redaktion express.) Offenbach 1974, bes. S.78–81
Pierburg-Autorenkollektiv: „Pierburg-Neuss: Deutsche und ausländische Arbeiter – ein Gegner – ein Kampf„. Frankfurt a.M.: ISP, 1974.


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