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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2013 |

Brauchen wir Amazon?

von Angela Klein
Ver.di hat eine Petition für mehr Rechte für Leiharbeiter lanciert. Die Petition richtet sich nicht an den Bundestag, sondern an – Amazon: Amazon soll darauf achten, dass seine Vertragspartner bessere Arbeitsbedingungen einhalten, einen Einzelhandelstarifvertrag bei Amazon selbst akzeptieren und „Stärke und Standortverbundenheit“ zeigen. „Wir wollen Amazon in Deutschland haben“, heißt es.
Da stellen sich mir eine ganze Reihe Fragen: Wie können Subunternehmer bessere Arbeitsbedingungen sichern, wenn sie selbst zu Billigstpreisen liefern müssen? Ist das System der Dumpinglöhne nicht geradezu das Markenzeichen von Handelsunternehmen, die global agieren, mit viel Geld in lokale Märkte einbrechen und diese zerstören, mitsamt der Kultur, die sie geprägt haben? Ist die globale Konkurrenz, der globale Freihandel, nicht auf moderne Formen der Sklaverei geradezu angewiesen? Kann man einen globalen Dienstleistungskonzern, der hier nicht mal Steuern zahlt, auf ein sozialstaatliches Unternehmensmodell verpflichten, ohne sein Unternehmensmodell in Frage zu stellen? Anders gefragt: Brauchen wir Amazon überhaupt? Großunternehmen erklären sich gern für unersetzlich, allein weil sie groß sind und viele Kunden haben. Ich gestehe, ich habe bislang auch bei Amazon gekauft, vergangene Weihnacht sogar viel, Bücher und CDs. Ich kaufe meistens gebrauchte Bücher, und ich weiß kein anderes Portal, das so umfassend gebrauchte Bücher anbietet. Dabei empört mich schon immer, wenn das Buch 0,01 Euro kostet, die Versandkosten aber 3 Euro ausmachen. Jetzt ist herausgekommen, dass Amazon Händlern Preisdiktate auferlegt, das Bundeskartellamt ermittelt, weil der Verdacht besteht, dass Amazon seine Monopolstellung dadurch aufbaut und verteidigt, dass es Händlern verbietet, ihre Ware auf anderen Marktplätzen billiger anzubieten, gleichzeitig aber sehr hohe Gebühren von ihnen verlangt. Was macht denn die Bequemlichkeit bei Amazon aus? Doch nur die Tatsache, dass man dort „alles“ findet. Der Versandhändler bietet eine einheitlich aufgemachte Webseite für jedes Produkt, das erleichtert die Suche sehr. Und da „alle“ meinen, „alle“ gehen zu Amazon, stellen auch „alle“ ihre Sachen da ein. Eigentlich simpel. So simpel, dass ich mich frage: Können die Verlage nicht selbst auf so eine Idee kommen? Ist es so schwer, dass Verlage und Buchhändler gemeinsam eine Webseite betreiben, die nur eine Funktion erfüllt: jeden Titel/jedes Buch mit einer Kurzbeschreibung und den für die Käufer notwendigen Angaben dort aufzulisten? Pro eingestelltem Titel würde ein Obolus für die Erstellung und den Unterhalt der Webseite gezahlt – das wäre alles. Der Betreiber der Seite wäre nicht mehr zugleich Händler. Bestellungen würden direkt an den Verlag oder den Buchhändler gehen, der das Buch eingestellt hat. Er müsste es auch verschicken, zu echten Portopreisen, mit Versand über die Deutsche Post, die mit ihren Beschäftigten einen Tarifvertrag hat. Bücher könnten dadurch billiger werden, ohne dass an den Arbeitskräften gespart werden muss, wir würden uns nur den teuren elektronischen Zwischenhandel sparen. Macht der Onlineversand den Buchhandel kaputt? Hier sind zwei Fragen in einer. Onlineversand nicht zwangsläufig gleichbedeutend ist mit globalem Kapitalismus und moderner Sklaverei. Der klassische Buchhandel ist aber auch dann bedroht, wenn im Netz nicht Kraken wie Amazon wüten. Je stärker die elektronische Kommunikation durch die Verbreitung entsprechender Handware im Alltag um sich greift, desto mehr ändern sich Gewohnheiten und kulturelle Beziehungen. Wenn ich im Internet Nachrichten suchen und Fahrkarten kaufen kann, dann muss ich auch Bücher kaufen können. Ich muss das nicht bei Amazon müssen, ich kann erwarten, dass der Buchhandel selber auf Ideen kommt, wie er das elektronische Netz kollektiv für sich nutzt. Aber wahrscheinlich steht hier das Wörtchen: kollektiv im Weg, möglicherweise war der Buchhandel dazu bisher unfähig, weil die Konkurrenz untereinander wichtiger war als die Kooperation angesichts neuer Herausforderungen.
Den Buchläden geht es wie den Zeitungen: Sie werden deshalb nicht aussterben, weil sie nicht nur Inhalt (Buch oder Nachricht), sondern auch Service bieten: Sie wählen nämlich aus, und das nach Gesichtspunkten, die mit ihren Interessen und ihrer (politischen) Neigung zu tun haben. Wenn sie gut sind, erweist es sich, dass ihre Auswahl nicht nur ihre persönlichen Schrullen abbilden, sondern auch ein Publikum anspricht, das sie binden können. Sie beraten auch. Es entsteht ein realer sozialer Zusammenhang. Alles das gibt es im Internet nicht. Zumeist habe ich bei Amazon Bücher gekauft, von denen ich Autor und Titel wusste und nun suchte, ob ich sie auch gebraucht finde. Wenn ich nur ein Thema im Kopf hatte, zu dem ich ein passendes Buch suchte, bin ich mit einem Internetkauf meist auf die Nase gefallen, eben weil ich weder in das Buch reinschauen noch den Buchhändler um Rat fragen konnte. In dieser Funktion ist der Buchladen unersetzlich. Neue Bücher lassen sich bei ihm auch problemlos per Mail oder Telefon bestellen, oft schickt er sie sogar nach Hause – für weniger als 3 Euro. Ich werde nun versuchen, an meine gebrauchten Bücher auf anderem Weg ranzukommen. Denn ich finde die Parole „Boykottiert Amazon“ richtig, anders hören die Brüder nicht. Aber wir müssen uns auch im Klaren sein, dass das nur eine Träne der Verweigerung in einem Ozean des Lohndumpings ist. Schließlich sind Geschäftsmodelle wie die von Amazon erst möglich geworden, weil der Gesetzgeber die Märkte, auch den Arbeitsmarkt, liberalisiert hat. Hier liegt der Hund begraben. Eine Kampagne „Verbot der Leiharbeit“ würde das Übel schon eher an der Wurzel packen. Sie bräuchte einen langen Atem, ähnlich wie die Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im 19.Jahrhundert. Die dauerte im angelsächsischen Raum von 1787 bis 1863 und war verbunden mit der Abschaffung eines ganzen Gesellschaftsmodells.


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