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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2013 |

Die Frauenhasser

Antifeministische Positionen machen sich in der Gesellschaft breit
von Ilona Herrmann

Sie nennen sich Maskulisten, Männerrechtler oder einfach, nach ihrem Hauptfeind, Antifeministen, und behaupten eine «Bewegung» für die Rechte aller Männer zu sein. Sie schreiben Zeitungskommentare und verschicken Protestbriefe, treten in Talkshows auf, organisieren internationale Treffen, gründen Parteien, aber vor allem dominieren sie im Internet. Dabei geht es immer um das eine, leidige Thema: Männer sind Opfer.

Nach antifeministischer Auffassung hat sich die Gesellschaft zumindest in den letzten 100 Jahren nur zum Nachteil der Männer entwickelt, sie waren immer das benachteiligte und am meisten unterdrückte Geschlecht. Antifeministen möchten das Rad zurückdrehen und die Errungenschaften der alten wie der neuen Frauenbewegung zunichte machen. Die feministische Kritik antwortet darauf unzureichend.
Seit den 90er Jahren formieren sich die Antifeministen neu, sie sind jedoch kein wirklich neues Phänomen. Seit sich Frauen organisieren und für gesellschaftliche Rechte und Teilhabe aufgestanden sind, gibt es eine Opposition, die den Verlust der männlichen Machtposition in Familie und Gesellschaft fürchtet.

Ein altes Phänomen
Der Begriff geht auf die Streitschrift Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung zurück, die 1902 von Hedwig Dohm herausgebracht wurde, in der sie sich mit der Denkweise der Antifeministen ihrer Zeit auseinandersetzte. «Die Frauenfrage in der Gegenwart ist eine akute geworden. Auf der einen Seite werden die Ansprüche immer radikaler, auf der anderen die Abwehr immer energischer. Letzteres ist erklärlich. Je dringender die Gefahr der Fraueninvasion in das Reich der Männer sich gestaltet, je geharnischter treten ihr die Bedrohten entgegen», schrieb sie. Die von ihr beschriebene Reaktion auf soziale Veränderungen ist bis heute gleich geblieben.

Die zunehmende soziale und wirtschaftliche Unsicherheit vieler Menschen und die Veränderungen im Geschlechterverhältnis sind Anlass und Nährboden für populistische Schuldzuweisungen und den Ruf nach einem gesellschaftlichem Backlash (Gegenschlag bzw. Rückkehr zu konservativen Wertvorstellungen.)

Der Antifeminismus hat genauso wie andere reaktionäre Gruppierungen, z.B. die extreme und neue Rechte, eine vereinfachte ideologische Denkstruktur. Antifeministen vertreten eine homogene Vorstellung von Feminismus, sie setzen ihn mit Männerhass oder zumindest Männerfeindlichkeit gleich. Damit richten sich alle emanzipatorischen Errungenschaften, die Frauen betreffen, automatisch gegen Männer. Symptomatisch für diese Männerrechtler ist, dass sie ihre Behauptungen weder belegen, noch durch eine reale gesellschaftspolitische Analyse fundieren, geschweige denn sich mit den unterschiedlichen Analysen und Theorien des Feminismus auseinandersetzen.

Simple Denkmuster
Das Denkmuster ist simpel: Männer sind Opfer von «Femokratie» (feministischer Frauenherrschaft), die mit Gender-Mainstreaming gezielt Jungen und Männer benachteiligt. Ganz besonders zeigt sich der antifeministische Blick, wenn es z.B. um berechtigte Kritik an gesellschaftlichen Missständen und sexualisierter Gewalt geht, die auch Jungen und Männer betreffen – hier blenden die Männerrechtler den gesamtgesellschaftlichen Kontext und die Betroffenheit von Mädchen und Frauen einfach aus. So konstruiert der Antifeminismus seine männliche Opferideologie und gibt vor allem dem Feminismus die Schuld an dieser Entwicklung.

Passend dazu schafft sich die maskulinistische Ideologie ihre eigene Geschichtsschreibung, wonach Männer als Beschützer ihr Leben den Kriegen opferten, während Frauen nichts anderes taten, als Rechte einzufordern. Einige vertreten die Ansicht, es könne erst dann von Gerechtigkeit gesprochen werden, wenn Frauen in den Krieg geschickt und ebensoviele tote Soldatinnen zu Grabe getragen werden, wie es männliche Opfer gibt.

Solche menschenverachtende Ansichten, ohne jede Empathie für gesellschaftliches Unrecht, klammern bewusst alle zivilen Opfer von Kriegen aus, weil sonst ihr Kartenhaus der Opfervergleiche zusammenstürzen würde. Statt dem Kriegsdienst als solchem ein entschiedenes Nein entgegenzustellen und die Profiteure der Kriegspolitik zu verdammen, fordern sie Frauen in die Bundeswehr. Alice Schwarzer vertrat diese Forderung schon in den 70er Jahren und glaubte, so der Geschlechtergerechtigkeit näher zu kommen. Frei nach dem Motto: Gleichheit in der Ungleichheit.

Eine Auseinandersetzung mit Geschlechterhierarchie und die Überwindung der gesellschaftlichen Stereotype «Weiblich versus männlich» lehnen Antifeministen ab, widersprechen sie doch der Homogenisierung von Männern als Geschlecht. Daraus folgt auch eine Ablehnung des «Gender»-Begriffs (gesellschaftliches Geschlecht), da er Geschlecht als biologischen Typus in Frage stellt und keine soziale Norm festlegt. Sie stehen damit ganz im Gegensatz zu profeministischen Männergruppen, die sich seit den 1980er Jahren unter anderem auch mit der Frage «Was ist Männlichkeit?» auseinandersetzen und die heteronormativen Geschlechterrollen zurückweisen.

Diffamierung durch Hate Speech
Wer Antifeministen mit Kritik begegnet, wird mit ihren Hasstiraden, Neudeutsch auch «Hate Speech», konfrontiert.
«Hate Speech beruht auf Hass. Menschen, die hassen, haben keinerlei Empathie gegenüber den Gehassten und verlieren damit auch einen Großteil ihrer Hemmungen. Hass drückt starke Feindschaft aus, Abgrenzung, und damit in der Regel ein ‹Wir› gegen ‹Die›; es bildet sich so eine kollektive Identität heraus. Des Weiteren kann Hass auch als der ‹Wunsch nach Hierarchie und Ganzheit› verstanden werden. Für hassende Menschen bietet diese Emotion den Vorteil, dass sie glauben können, nicht selbst für ihre Probleme mitverantwortlich zu sein, und diese auf einen konstruierten Sündenbock abwälzen. Während Propaganda versucht, Zielgruppen zu überzeugen, wertet ‹Hate Speech› diese massiv ab und hat die Intention, sie zu verletzen. Das Ziel ist der absolute Sieg, die Identität des Gegenübers oder sogar die Person soll zerstört werden.» (Hinrich Rosenbrock, Juni 2012.)

Solche Hassreden beinhalten sexistische Beschimpfungen und üble Diffamierungen, die von «lila Pudel» bis zu «Feminazi» reichen. Als «lila Pudel» bezeichnen sie Männer, die sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter und für feministische Perspektiven einsetzen, während Feministinnen und Lesben meist gleichgesetzt und als «Feminazis» diffamiert werden.

Als Begründung wird immer wieder das «SCUM-Manifest» (1967) von Valerie Solanas angeführt. Ihm wird unterstellt wird, die Abkürzung SCUM stehe für «Society for Cutting Up Men» (Gesellschaft zur Zerstückelung von Männern). Dafür gibt es aber keinerlei Beweis, weder im Buch, noch von der Autorin selbst. Im Gegenteil, mit SCUM (englisch für Abschaum) bezeichnete Solanas einen bestimmten Frauentyp, der sich auf der einen Seite innerhalb der Gesellschaftsstrukturen anbiedert und profiliert, «arrogante Frauen, die sich imstande fühlen, das Universum zu regieren», und auf der anderen Seite die «netten, passiven, unterwürfigen, nach Anerkennung suchenden Daddy-Töchtern». Solanas Parodie wurde in der Frauenbewegung kritisch diskutiert.

Der Begriff «Feminazi» wurde vom konservativen und sexistischen US-amerikanische Talkmaster Rush Limbaugh popularisiert, damit diffamierte er in den 90er Jahren Feministinnen und Mitglieder der NOW (National Organization of Women, USA) sowie andere Organisationen, die am March for Women’s Lives, einer großen Demonstration für das Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft, teilnahmen. Limbaugh ist ein entschiedener Abtreibungsgegner und eine Stimme der rechten Tea-Party-Bewegung. Er hat die Folter an irakischen Gefangenen in Abu Ghraib durch Angehörige der US-Armee heruntergespielt und mit dem Initiationsritus der amerikanischen Studentenverbindung «Skull and Bones» verglichen, der auch führende Vertreter von Politik und Wirtschaft angehörten, darunter drei Präsidenten.

Verbindungen zur extremen Rechten
Die antifeministische Männerrechtsbewegung ist zumindest in Deutschland (noch) keine «Bewegung», trotzdem sollten ihre Einflussnahme auf Institutionen und ihre Verbindungen zur rechten Szene nicht unterschätzt werden. Oder wie es Hinrich Rosenbrock in seiner Expertise feststellt: «Es muss also darauf aufmerksam gemacht werden, dass es durchaus zu einer engeren Zusammenarbeit zwischen der antifeministischen Männerrechtsbewegung und der Extremen bzw. Neuen Rechten kommen kann. Dies lässt sich dabei nicht nur aus inhaltlichen Übereinstimmungen schließen, vielmehr zeigen sich bereits erste Bündnisse. So nutzten verschiedene Akteure der antifeministischen Männerrechtsbewegung die neurechte Zeitung Junge Freiheit für ihre Publikationen. Auch finden sich insbesondere auf wgvdl.com immer wieder Links auf rechtsextreme Websites. Gleichzeitig sprach auch eine Autorin der Jungen Freiheit, Gabriele Kuby, auf dem 2.Internationalen Antifeminismus-Treffen der IGAF in der Schweiz. Somit unterstützen sich die Neue Rechte und die antifeministische Männerrechtsbewegung inhaltlich und organisatorisch in ihren Bemühungen, über die bereits bestehenden Kreise hinaus Themen zu besetzen. Die IGAF (Interessengemeinschaft Antifeminismus) wurde 2010 von Männern in der Schweiz gegründet, unter ihnen René Kuhn, ehemaliges Mitglied der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP). Nach eigenen Angaben kämpft sie gegen den Feminismus und dessen untragbare Folgen, etwa die Benachteiligung beim Sorgerecht für Kinder im Scheidungsfall.

Das IGAF-Logo zeigt die Abfalleimerfigur, die das Frauenzeichen mit der Women’s Liberation Fist entsorgt – wie ihre Parole lautet: «Antifeminismus weltweit: Feminismus in den Mülleimer der Geschichte.» Ihre Mitgliederzahl soll von Anfangs 800 auf aktuell mehr als 5000 Personen angestiegen sein. Die IGAF ist Ausrichter des nächsten Internationalen Antifeminismus-Treffens, das dritte Treffen fand im November 2012 in Zürich statt, begleitet von Protestaktionen von Frauengruppen.

Echte Gleichberechtigung
Vordergründig geht es um «echte Gleichberechtigung» und um die Besserstellung der Männer im Sorge-, Unterhalts- und Scheidungsrecht. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass antifeministische Männerrechtler Lohndiskriminierung bestreiten, Gewalt gegen Frauen herunterspielen, Frauenhäuser als Ort des Männerhasses bezeichnen, sich für die Abschaffung von öffentlich unterstützten Schutzräumen für Frauen aussprechen und teilweise eine homophobe rechte Gesinnung verbreiten. Solche Einstellungen finden immer öfter Gehör und spiegeln patriarchalische Strukturen wieder, die im Denken der Mehrheit der Bevölkerung immer noch verankert sind.

Demgegenüber fehlt eine sichtbare, feministische Kritik, die deutlich macht, dass Klassenunterdrückung, Sexismus und Rassismus Mechanismen sind, die die herrschenden Ausbeutungs- und Machtverhältnisse festschreiben. Feministische Gesellschaftskritik und Handlungsansätze müssen mit Bezug auf internationale soziale Bewegungen und Kämpfe gegen globale Ausbeutungsbedingungen geführt werden. Der institutionalisierte Feminismus stellt vielleicht bürgerliche Interessen zufrieden, stellt aber nicht die Klassenfrage, sondern profitiert von hierarchischen Strukturen. Wenn die Forderung nach mehr Frauen in Führungspositionen wichtiger ist als die Forderung nach deutlicher Anhebung der unteren Löhne, wenn die Umverteilung der vorhandenen Arbeit und die Abschaffung prekärer Beschäftigung wie Minijobs und Leiharbeit nicht oberstes Ziel sind, bleibt die Überwindung von Ungleichheit ein Lippenbekenntnis.

Quellen: «Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweise, Netzwerke und Online-Mobilisierung», Expertise von Hinrich Rosenbrock im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung. Juni 2012, 176 S. – als PDF-Datei unter www.boell.de.
«Die Maskulisten», organisierter Antifeminismus im deutschsprachigen Raum (Hrsg. Andreas Kemper). Münster: Unrast, 2012. 184 S.


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