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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 03/2013 |

Sobre la misma tierra – Von der Kunst des Überlebens

Film, Kolumbien, Spanien 2011. Regie: Laura Sipán
von Angela Huemer

Der Film der jungen Regisseurin Laura Sipán führt uns an zwei sehr entgegengesetzte Orte Kolumbiens: einmal in eine entlegene Bergregion, Sur de Bolivar, in der die Bewohner auf altmodische Weise Gold abbauen, ein anderes Mal nach Cali, eine der größten Städte Kolumbiens.

Keine großen Erklärungen, wir tauchen sofort in das Leben der Protagonisten ein. Der Minenarbeiter Miguel beschreibt die Schönheit seines Landstrichs, die Berglandschaft, die «teta», die Bergspitze, die er mindestens zwei Mal am Tag in Ruhe betrachtet und mit ihr die Natur rundherum. Er und die anderen Bewohner lieben dieses Land, sie wollen dort bleiben, keinesfalls irgendeinem Druck weichen und weggehen.

Die Lebensbedingungen sind hart: Einschüchterungen durch die paramilitärischen Milizen, eine Militärbasis, die just am Fuße des Berges errichtet wird, und die harte Arbeit in der Mine – 24 Stunden Arbeit und 24 Stunden Ruhe. Noch dazu ist der Ort abgelegen, der Film zeigt ausführlich, wie beschwerlich, teils unmöglich es ist, die total verschlammte Straße zu befahren, die einzige Möglichkeit, sich doch auf ihr fortzubewegen, scheint mithilfe von Eseln zu sein.

In Cali treffen wir Tarcila. Sie kommt ursprünglich aus Narino, dem kleinen Ort San Juan an der Küste, doch wie so viele in Kolumbien ist sie Vertriebene im eigenen Land. Laut UNO, so erfahren wir, ist Kolumbien weltweit das Land mit den meisten Binnenvertriebenen. Seit den 80er Jahren wurden 5 Millionen Menschen von ihrem angestammten Land vertrieben und über 170000 Menschen von Paramilitärs ermordet. Tarcila kam nach Cali, nachdem ihr Mann ermordet wurde. Sie war überzeugt, dass dies das Beste für sie und ihre Kinder sei. Doch das Leben ist hart. Eigentlich hatte sie ihre Schule beenden wollen, aber ohne abgeschlossene Ausbildung und fern von zu Hause kann sie sich bloß als Haushaltshilfe verdingen. Doch sie bleibt ehrgeizig und besucht weiter die Schule – keine staatliche, denn, so erklärt sie, den Staat kümmert es nicht wirklich, ob sie eine Ausbildung erhält, sondern eine gewerkschaftliche. Eine Arbeitsstelle verliert sie prompt, weil sich ihre Arbeitgeberin nicht wie vereinbart daran hält, dass sie Samstag nachmittags frei hat, um die Schule zu besuchen.

In Cali treffen wir auch Jugendliche, Pedro, der schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geriet und erzählt, wie er sich vom Erlös eines Diebstahls eine Waffe kaufte, denn er ist schon mal angeschossen worden. Sein Freund Brian hat den Traum, Fussballer zu werden – den haben sie irgendwie alle. Der FC Barcelona ist das Traumteam oder Chelsea. Doch in einem richtigen Team trainieren ist schwierig, weil die Plätze meist an privilegiertere Jugendliche vergeben werden, und Fussballschuhe muss man sich erst mal leisten können.

Laura Sipán gibt den Kontext zu den Alltagseinblicken und persönlichen Geschichten erst am Schluss des Films preis, sie will direkten Einblick in die Lebenswelten ihrer Protagonisten geben. Die Bilder sind sorgfältig gefilmt und mitunter fast zu schön – zu schön für die triste Welt, die sie uns vermitteln. Doch so können wir die Liebe der Bergleute zu ihrem Land ganz unmittelbar spüren und nachvollziehen. Die Regisseurin ist getragen vom Respekt und auch der Zuneigung zu den Menschen, die sie porträtiert, und diese Hochachtung überträgt sich ebenso auf den Zuschauer wie der Wunsch, mehr darüber erfahren zu wollen, warum ihre Lebensumstände so sind.

Gegen Ende werden uns die angsteinflößenden Statistiken mitgeteilt: Allein in dem Jahr, in dem der Film entstand, wurden mehrere Gemeindevertreter wie der Minenarbeiter Miguel von Paramilitärs, die oft mit multinationalen Konzernen unter einer Decke stecken, ermordet.

Laura Sipán, geb. 1979, hat zunächst in Barcelona Kommunikation und Fotografie studiert, bevor sie in Kuba das Filmemachen lernte. Bleibt ihr zu wünschen, dass sie weiterhin so einfühlsam, unrhetorisch und bildlastig erzählt. Schön ist ihre Montagetechnik, sie nutzt «jump cuts», harte, direkte Schnitte, wie sie vor einigen Jahren noch «verboten» waren. Sie verwendet sie subtil, hin und wieder in den Gesprächen mit den Protagonisten – denen wir auch dadurch näher kommen

Kontakt: sobrelamismatierra.documental@gmail.com .
Auf Youtube und Vimeo kann man Trailer sehen.


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