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Der Dreieckshandel mit Fleisch

von Angela Klein

Deutschlands größter Fleischfabrikant ist Tönnies in Rheda-Wiedenbrück. Er zählt 13,2 Millionen Schweine und 300.000 Rinder: „Wir produzieren die Ferkel im Vier-Wochen-Rhythmus.“ Zweitgrößter Fabrikant ist die PHW-Gruppe (Wiesenhof, Geestland, Frischland): Sie „verarbeitet“ wöchentlich (!) viereinhalb Millionen Hähnchen.

Im niedersächsischen Wietze steht der größte Geflügelschlachthof Europas, hier werden in der Stunde 27.000 Tiere geschlachtet. Das Unternehmen gehört der Rothkötter-Gruppe. Das größte Fleischwerk des Handels betreiben Kaufland/Lidl (Schwarz-Gruppe) bei Neckarsulm, gefolgt von der Marke Brandenburg, die zu Rewe gehört.

Futtermittel aus Südamerika

Die Millionen Tiere in Deutschland müssen ernährt werden. Für die Futtermittelerzeugung geht die Hälfte von 12 Millionen Hektar Agrarland drauf, 60% der deutschen Getreideproduktion und 70% der Ölsaatenproduktion (Soja, Raps). Das reicht aber nicht. In großem Stil werden deshalb Futtermittel importiert, vor allem das eiweißreiche Soja, aber auch Mais, Weizen, Roggen, Hafer. Größter Futtermittellieferant ist Südamerika (Brasilien, Argentinien, Paraguay), hier verbraucht allein die deutsche Tierproduktion drei Millionen Hektar Land für den Anbau von Soja.

 

Große Futtermittelkonzerne (darunter PHW) kaufen das Land in großem Stil, vertreiben die Kleinbauern und roden die Regenwälder. Das Bauernlegen betreiben heute nicht mehr adlige Grundbesitzer, sondern große Konzerne.

 

Die weltweite Viehwirtschaft ist für ein Fünftel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Das verursachen nicht die Kleinbauern, vor allem dann nicht, wenn sie durch Mischwirtschaft von Ackerland und Viehhaltung einen natürlichen Stickstoffkreislauf beibehalten, sondern eine industriell betriebene, hoch spezialisierte, globale Agrarwirtschaft, die diesen Kreislauf sprengt. Auf der Sojaplantage in Brasilien müssen enorme Mengen an Kunstdünger zugegeben werden, weil der Boden durch die Monokultur rasch ausgelaugt wird. Bei uns hingegen fällt Gülle in Mengen an, die der Boden nicht mehr aufnehmen kann, sie wird deshalb ins Wasser geleitet, wo sie den Sauerstoffgehalt senkt, daran sterben die Fische.

 

 

Massenställe in Europa

Noch in den 60er Jahren wurden die meisten Tiere in kleinen und mittleren Herden gehalten. Als Futter dienten selbst gemähtes Heu und selbst angebautes Getreide, im Sommer standen die Tiere auf der Weide. Geschlachtet und gewurstet wurde am Hof oder in der nahe gelegenen Schlachterei. Die Landwirtschaft brauchte die Tierhaltung vorwiegend, um für den Ackerbau nicht geeignete Flächen zu nutzen.

Der Weg in die Hochleistungslandwirtschaft begann mit der Liberalisierung der Agrarmärkte seit den 80er Jahren, damit begann ein neuer Handel mit Agrarprodukten und Futtermitteln. Seitdem wird die bäuerliche Tierhaltung, vor allem die der Masthühnchen und Schweine, verdrängt.

Die Hochertragslandwirtschaft wäre nicht möglich ohne den zunehmenden Einsatz von Düngemitteln, Pestiziden, Bewässerungssystemen und Maschinen. Sie hat vor allem enorme Folgen für den Verbrauch und die Qualität des Süßwassers. Nitrate und Phosphor aus Gülle und Düngemitteln verschmutzen das Trinkwasser; der zu hohe Stickstoffgehalt vermindert den Sauerstoffgehalt. Über Flüsse gelangen Stickstoff und Phosphor ins Meer, wo sie das Wachstum von Algen, Wasserpflanzen und Bakterien anregen. In der Ostsee, im Schwarzen Meer, zwischen England und Irland, vor der Küste Galiciens und in der Adria gibt es regelrechte Todeszonen, in denen keine Fische mehr leben können.

Die Überdüngung verwandelt innerhalb weniger Jahre artenreiche heimische Magerwiesen in saftig grüne Fettwiesen, die zwar viel Heu liefern, auf denen aber nur noch wenige Pflanzenarten wachsen.

Massentierhaltung ist ohne Einsatz von Antibiotika nicht möglich. Sie fördern das rasche Wachstum und verhindern die Ausbreitung von Seuchen, die durch die hohe Konzentration von Tieren auf engstem Raum begünstigt werden. Dabei bekommen die Tiere in der Regel dieselben Wirkstoffe wie die Menschen. So werden Menschen gegen Antibiotika resistent, das kann für ihn gefährlich werden.

Im Jahr 2011 lieferten Pharmakonzerne 1734 Tonnen Antibiotika an Tierärzte; 82% der Masthuhnbetriebe, 72% der Mastschweinbetriebe und 100% der Mastkalbbetriebe geben Antibiotika aus. Über die Hälfte des Hühnchenfleischs in Deutschland ist gegen das Antibiotikum Ciprofloxacin resistent.

Der Abfall nach Afrika

Nur zwei Drittel der produzierten Fleischmenge gelangt überhaupt in den Verzehr: Knochen, Sehnen, Schwarten werden zu Fetten u.a. Rohstoffen für die chemische Industrie verarbeitet. Erhebliche Teile des verzehrfähigen Fleischs (Innereien etwa) werden an die Tiere verfüttert oder gehen in die Futtermittelproduktion.

Seit die Geflügelkonzerne in der EU allerdings ihre Schlachtabfälle nicht mehr zu Tierfutter verarbeiten dürfen, werden sie zu Niedrigpreisen nach Afrika exportiert. Dort ruinieren sie die einheimische Wirtschaft.

Die Verschuldungskrise der 80er Jahre bewirkte, dass afrikanische Regierungen im Zuge der vom IWF verordneten Strukturanpassungsmaßnahmen die Förderprogramme für die heimische Nahrungsmittelwirtschaft abbrechen mussten. Als Ghana in den 90er Jahren Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO) wurde, überschwemmten Importeure die heimischen Märkte mit billigem, gefrorenem Fleisch aus Übersee.

Auslöser für die Exporte war der Rinderwahnsinn. Als wegen der BSE-Seuche verboten wurde,  Abfälle aus der Tierproduktion unter die Tiernahrung zu mischen, wurden diese Abfälle, vorwiegend Hühnerteile, für 70 Cent das Kilo nach Westafrika verkauft.

Quelle: Fleischatlas 2013. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. Zu bestellen über www.bund.net

 

 


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